Ratgeber - Garten


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Obstbaumpflege Winter- oder Sommerschnitt?

Wenn der frostige Höhepunkt des Winters überschritten ist, wird es Zeit für den Obstbaumschnitt. Andererseits hört man bisweilen, dass es besser sei, die Bäume im Sommer zu schneiden. Was denn nun: Sommerschnitt, Winterschnitt - oder beides?

Stand: 22.01.2014
Illu: Zweig im Sommer und im Winter, Gartenschere | Bild: Neubauwelt; Illu: BR

Der Sommerschnitt kann das Wachstum eines starkwüchsigen Obstbaumes um bis zu vierzig Prozent verringern, so heißt es in einem euphorischen Internetartikel zum Thema. Das klingt, als wäre der Sommerschnitt die Lösung für alle Bäume, die sich im Nachhinein als zu groß für den Garten erweisen. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn wenn der Baum eine Höhe von sechs bis acht Meter erreicht hat und man ihn auf drei Meter zurückschneidet, hat das gehörige Nebenwirkungen zur Folge:

"Der Baum bildet Wasserschosse, blüht immer weniger, und die wenigen Früchte, die am Baum sind, sind sehr groß. Dazu kommt die Stippigkeit."

Dr. Michael Neumüller, Agrarwissenschaftler und Obstzüchter

Begriffsklärungen

Wasserschosse

Als Wasserschosse bezeichnet man speziell bei Obstbäumen aufrecht nach oben ragende Triebe, die aus dem Inneren der Baumkrone emporwachsen. Sie sollten frühzeitig entfernt werden, da sie nicht tragen und unnötig Energie verbrauchen. Besonders gerne bilden sich Wasserschosse in älteren Bäumen nach starkem Rückschnitt.

Stippigkeit

Die Stippigkeit ist eine Stoffwechselerkrankung, die oft erst längere Zeit nach der Ernte der Früchte bemerkt wird. Bei starker Stippigkeit wird das Fruchtfleisch bitter, ansonsten aber ist die Krankheit für den Menschen unbedenklich. Die Anfälligkeit ist stark sortenabhängig und wird ebenfalls durch starken Rückschnitt gefördert.

Augen auf beim Obstbaumkauf

So ein Bäumchen ...

Wie groß ein starkwüchsiger Obstbaum wird, das lässt sich durch Schneiden nicht zufriedenstellend beeinflussen - die Endhöhe des Baumes wird vor allem durch seine Veredelungsunterlage bestimmt, sprich: Es steckt ihm im "Blut". Man sollte sich also schon beim Obstbaumkauf unbedingt beraten lassen, ob die Sorte stark- oder schwachwüchsig ist. Für die allermeisten Hausgärten empfehlen sich schwachwüchsige Sorten.

... kann von der Größe überschaubar bleiben ...

Denn starkwüchsig heißt nicht nur, dass ein Baum groß wird, sondern auch, dass er alljährlich viele neue Triebe bildet. Ein Baum jedoch, der viel Energie in neue Triebe steckt, wird nur spärlich blühen und fruchten. Will man von solch einem wuchsfreudigen Exemplar trotzdem Früchte ernten, muss man ein wenig in die Trickkiste greifen:

"Steil stehende Triebe werden in die Waagrechte gebunden. Dann hört dieses Triebwachstum auf, es bilden sich Blütenknospen, und zwei Jahre später hängt der Trieb voller Früchte."

Dr. Michael Neumüller

Sommerschnitt zur Beruhigung

... oder ungeahnte Dimensionen annehmen.

Bei kleinkronigen Bäumen ist das waagrechte Binden oder Spreizen das Mittel der Wahl. Bei großen Bäumen kann der Sommerschnitt helfen, den Baum zu beruhigen. Zunächst entfernt man im Juni einen Teil der Wasserschosse - nicht alle, denn wenn noch Triebe übrig sind, auf die der Baum die aufsteigenden Säfte ableiten kann, dann treibt er im Folgejahr nicht ganz so viele neue Wasserschosse aus. Außerdem sind die Wasserschosse von heute das Fruchtholz von morgen. Franz Nadler, Kreisfachberater am Landratsamt Kelheim, rät deshalb, nur die ganz dicken und die ganz dünnen Triebe zu entfernen und die mittleren stehen zu lassen.

Ende Juli bis Ende August folgt der eigentliche Sommerschnitt, zu steil und zu dicht stehende Äste werden komplett entfernt. Dadurch gelangt mehr Sonne an die Früchte, sie reifen besser aus und färben sich schöner. Zudem trocknet eine lichte Krone schneller ab, und das schützt vor Pilzkrankheiten. Für den Sommerschnitt spricht auch, dass die Schnittwunden an den Ästen im Sommer wesentlich schneller verheilen als im ausgehenden Winter.

Fingerspitzengefühl vonnöten

Sonnenbrand bei Äpfeln

Vor Ende Juli sollte nicht geschnitten werden, besser im August, auf jeden Fall aber erst dann, wenn das Triebwachstum abgeschlossen ist. Denn wer zu früh schneidet, der riskiert, dass der Baum noch einmal austreibt. Diese Triebe können bis zum Winter nicht mehr voll ausreifen, sie sind schadanfällig und ein Einfallstor für Krankheiten, die den ganzen Baum angreifen können. Idealerweise findet der Sommerschnitt unter leicht bewölktem Himmel statt. Wenn die Sonne beim Schneiden auf das Blattwerk brennt, können sich die freigestellten Früchte einen Sonnenbrand holen und später faulen.

Auf jeden Fall auch im Winter schneiden

Richtig durchgeführt lassen sich mit dem Sommerschnitt neue Austriebe durchaus reduzieren. Allerdings muss jährlich geschnitten werden, als Ergänzung zum Winterschnitt - und als reiner Erhaltungsschnitt für ältere Bäume, die schon eine richtige Krone haben. Junge Bäume, die noch einen Aufbau- und Erziehungsschnitt brauchen, die schneidet man nur im ausgehenden Winter.


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