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Wie Kinder trauern Der Schmerz kommt in Schüben

Kinder trauern anders als Erwachsene - in plötzlich auftretenden heftigen Schüben. Danach scheint wieder alles gut. Doch dem ist oft nicht so. Eltern müssen viel Geduld aufbringen.

Stand: 21.06.2016

Illustration zum Thema Kinder trauern anders | Bild: BR/ Angela Smets

Erst mit neun oder zehn Jahren können Kinder überhaupt realisieren, dass der Tod das unwiederbringliche Ende des Lebens bedeutet und auch das eigene Leben enden wird. Vorher gehen Kinder mit dem Thema Tod meist interessiert, aber sachlich um, denn sie sind der Überzeugung, dass tote Tiere und Menschen irgendwann wieder auferstehen.

Manche Erwachsene befremdet es auch, dass ihr Kind zuerst scheinbar keine Reaktion zeigt auf eine Todesnachricht, dann aber unvermittelt heftig reagiert. Wenn Kinder trauern, tun sie es in plötzlich auftretenden Schüben:

"Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Trauerprozesse nicht so kontinuierlich wie bei Erwachsenen. Sie trauern gleichsam auf Raten. Ganz plötzlich bricht die Trauer aus ihnen heraus, wirft sie weinend zu Boden, und genauso plötzlich können sie wieder aufspringen und sich lachend entfernen. Dieses Verhalten schützt Kinder und Jugendliche vor Überbeanspruchung."

Gertrud Ennulat, Pädagogin und Autorin (1941-2008)

Sollen Kinder mit zur Beerdigung gehen?

Viele Eltern wollen ihren Kindern die Konfrontation mit dem Tod ganz ersparen und sie davor schützen. Sie nehmen ihre Kinder grundsätzlich nicht zu Beerdigungen mit. Doch das ist der falsche Ansatz. Man sollte zumindest älteren Kindern, also Kindern, die das Grundschulalter erreicht haben, nicht die Möglichkeit nehmen, sich von geliebten Menschen persönlich zu verabschieden. Trauerbegleiterin Chris Paul wie auch viele Pfarrer und Seelsorger befürworten es, Kinder und Jugendliche an Beerdigungen teilnehmen zu lassen. Vorher sollte man Kindern vorbereitend berichten, wie Trauerfeier und Beerdigung ablaufen, wer zur Beerdigung kommen wird und dass man danach meist noch in ein Gasthaus geht, um gemeinsam Kaffee zu trinken.

Paul meint, man könne Kinder am Sarg Abschied nehmen lassen oder Erinnerungsstücke in den Sarg legen lassen. Voraussetzung dafür: Das Kind entscheidet selbst zu jedem Zeitpunkt, was es tun und was es lassen möchte. Außerdem müssen Erwachsene das Kind intensiv begleiten.

Ein eigenes Abschiedsritual für kleinere Kinder

Langes Stillsitzen, schwer verständliche Reden bei Trauerfeiern stresst kleinere Kinder und damit auch die Eltern: Da sollten Eltern besser ein separates Abschiedsritual mit dem Kind feiern, zum Beispiel nach der eigentlichen Beerdigung. Mit einem selbst gemalten Bild oder einer Blume geht man mit dem Kind zum Grab und lässt es dort in Ruhe Abschied nehmen.

Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach dem Tod fragen

Tod im Fernsehen

Laut einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2004 glauben 40 Prozent der sechs- bis zehnjährigen Kinder, dass Menschen immer durch Mord sterben.

Kinder wollen verstehen, was passiert ist und verlangen nach Erklärungen. Beantworten Sie kindliche Fragen der Kinder in einfacher Sprache, belastende Details können Sie weglassen. Lügen Sie aber auf keinen Fall.

Gemeinsam trauern tröstet.

"Die Oma ist friedlich eingeschlafen." Wenn Ihr Kind noch kleiner ist, können Sie ihm mit einem solchen Satz große Angst einjagen - vor dem eigenen Einschlafen. Und außerdem ist dieser Satz schlicht gelogen: Oma ist nämlich nicht eingeschlafen, denn sie wacht nie wieder auf und sie kommt auch nicht wieder zurück. Auch folgende Formulierungen sollte man vermeiden, wenn man Kindern eine Todesnachricht überbringt: "... ist von uns gegangen", "...hat Gott zu sich geholt", "... ist heimgegangen".

Aufrichtigkeit und Vorbild sind beim Trauern wichtig

Was Kinder vor allem brauchen, wenn sie das erste Mal mit dem Tod nahestehender Menschen konfrontiert werden, sind neben Aufrichtigkeit auch das Vorbild. Eltern und Großeltern sollten Kindern und Enkeln ohne schlechtes Gewissen zeigen, dass sie selbst unendlich traurig sind. Dass sie weinen müssen. Nur so erleben und lernen Kinder, dass es in Ordnung ist zu trauern, Gefühle zu zeigen und Tränen zu vergießen.

Wann braucht mein Kind professionelle Hilfe beim Trauern?

Eltern sollten bei trauernden Kindern genau auf Verhaltensveränderungen achten: Wenn sich das Kind total zurückzieht, sich oft aggressiv verhält oder den Spaß an den Hobbies oder dem Umgang mit Freunden ganz verliert, kann es sein, dass professionelle Hilfe durch einen Psychologen oder einen Trauerbegleiter nötig ist.
Quelle: Kinder- und Jugendärzte im Netz

Kinder müssen lernen zu trauern

Kinder lernen vom Vorbild: Eltern sollten Gefühle zulassen.

Kinder müssen erst noch lernen zu trauern - und das tun sie, indem sie sich an den Erwachsenen orientieren, so die Pädagogin Gertrud Ennulat. Kinder haben sehr feine Antennen dafür, wenn bei den sie umgebenden Erwachsenen Stimmung und Verhalten nicht übereinstimmen. Also ist es der falsche Weg, als Mutter oder Vater die eigene Trauer zu unterdrücken. Sie dürfen vor ihren Kindern und auch gemeinsam mit ihren Kindern weinen.

Auch Wut ist ganz normal

Manche Kinder ziehen sich zurück, andere dagegen leben ihre Gefühle wie Wut und Aggression kompromisslos aus. Das kann Erwachsene, die selbst trauern, sehr irritieren und für Probleme in der Familie sorgen.

"Das wütende Kind passt nicht in unser Bild vom trauernden Kind. Tränen und ein verweintes Gesicht, Stillsein und Zurückgezogenheit entsprechen viel eher unseren Erwartungen. Doch die Wut entsteht als Gegenkraft zu der Erfahrung der totalen Ohnmacht."

Gertrud Ennulat

Lassen Sie sich und Ihrem Kind in so einem Fall helfen - zum Beispiel von Psychologen oder einem geschulten Trauerbegleiter.

Kinder trauern lassen

Betreuung

Kinder reagieren oft nicht sofort oder nicht erkennbar auf einen Verlust oder eine traumatische Situation. Lassen Sie sie in der Trauerzeit nie alleine. Informieren Sie Lehrer und Erzieher über den Todesfall.

Spiel

Kleinere Kinder verarbeiten Erlebtes oft im Spiel und stellen Situationen nach. Das ist normal. Bieten Sie Ihrem Kind an, jederzeit über seine Gefühle zu sprechen. Auch Kinder brauchen Gespräche zur Verarbeitung ihrer Trauer.

Rückfall

Betroffene jeden Alters fallen bei massiven Ereignissen manchmal einen Schritt in der persönlichen Entwicklung zurück: Sie können zeitweise Fähigkeiten verlieren, die sie schon erworben hatten (Beispiel: Einnässen). Auch ein Überspringen von Entwicklungsschritten ist möglich. Kinder brauchen dann besonders viel Zuwendung.

Aggression

Kinder können nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht nur Traurigkeit, sondern auch Hoffnungslosigkeit, Ängste oder Aggressionen entwickeln. Vielleicht braucht ihr Kind auch professionelle Hilfe bei der Trauerarbeit - durch einen Psychologen zum Beispiel.

Mord

Stirbt ein Elternteil einen gewaltsamen Tod, sollte das Kind immer psychologisch betreut werden. Das gilt besonders, wenn es Zeuge der Tat wurde.

Selbstmord

Ist ein Familienmitglied durch Selbstmord gestorben, sollte man das dem Kind nicht verheimlichen. Die Gefahr, dass es diesen Umstand durch Dritte - aus den Medien oder auf dem Pausenhof - erfährt, ist hoch und die Verletzung des Kindes danach noch größer.

Schuld

Manchmal denken Kinder, sie hätten den Tod des Geschwisterkindes oder des Elternteils mitverschuldet, weil es Böses gedacht hat oder böse war. Erklären Sie Ihrem Kind, dass es keine Schuld trägt.

Trennung

Manche Kinder zeigen auch Trennungsängste zum Beispiel in Kindergarten und Schule. Manche leiden unter Schlaf- und Essstörungen. Seien Sie geduldig, gehen Sie auf die Wünsche nach Nähe ein.
Quellen: Peter Zehentner, Krisen-Interventions-Team München, Brigitte Cizek/Christine Geserick, Österreichisches Institut für Familienforschung, Wien, Gertrud Ennulat

Musiktherapie für trauernde Kinder

Die LMU München bietet seit 2008 für Kinder und Jugendliche, die unter komplizierter Trauer leiden, eine Musiktherapie an: "Wenn Trauer nicht verklingen will..."

Chat und Forum für trauernde Kinder und Jugendliche

Die Nicolaidis-Stiftung hat für Kinder und Jugendliche eine eigene Website ins Leben gerufen. Dort finden sich der Kontakt zu verschiedenen Selbsthilfegruppen sowie ein Forum, Chats und die Möglichkeit, sich individuell beraten zu lassen.


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