Ratgeber - Familie


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Wie wir sterben Der Tod soll sanft sein

Gestorben wird nicht mehr zu Hause, sondern in der Klinik oder im Pflegeheim. Doch immer mehr Menschen machen sich Gedanken, wie sie sterben wollen. Und das bewirkt ein Umdenken auch bei Medizinern.

Stand: 25.02.2014
Illustration zum Thema: Der Umgang mit dem Tod | Bild: BR/ Angela Smets

Es ist vor allem die Angst vor der Zeit des eigenen Sterbens, die Menschen davon abhält, sich Gedanken über den Tod zu machen. Wir alle wollen einen leidlosen und möglichst schnellen Tod sterben, das beweisen Umfragen immer wieder. Die meisten Menschen sterben heute in Krankenhäusern und Pflegeheimen, der Tod ist dorthin quasi verdrängt worden. Vielen fehlt dadurch die Erfahrung, dass Sterben zum Leben gehört und daher lernen die Menschen nicht, mit Verlusten umzugehen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, trifft das Angehörige mit großer Wucht - und ohne, dass Trauer "gelernt" wurde.

Baum im Friedwald Heiligenberg: Unter den Bäumen werden die Urnen der Verstorbenen beigesetzt.

Doch mittlerweile wird in unserer Gesellschaft allmählich wieder über den Tod nachgedacht und geredet: Die Hospizbewegung ist seit rund 20 Jahren bei uns aktiv, immer mehr Hospize sind entstanden und entstehen noch. Der Wille von Sterbenden wird geachtet durch die gesetzliche Verankerung der Patientenverfügung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich außerdem eine Kultur der Trauerbegleitung entwickelt und es gibt heute eine Vielfalt an Unterstützungsangeboten für Trauernde. Viele Menschen wählen neue Bestattungsarten - zum Beispiel eine Urnenbestattung in sogenannten Ruhewäldern. All das zeigt einen neuen Umgang mit Sterben und Tod.

Wie wir sterben wollen

66 Prozent der Deutschen wollen zu Hause sterben, 18 Prozent in einem Hospiz oder einer ähnlichen Einrichtung. In der Realität sterben immer noch die meisten Menschen im Krankenhaus, nämlich über 40 Prozent, rund 30 Prozent in einer stationären Pflegeeinrichtung und etwa 25 Prozent zu Hause.

Quelle: Umfrage des deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes e.V., August 2012

Mit Begleitung könnten die meisten Menschen zu Hause sterben

Palliativmedizin

Palliativmedizin dient der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit den Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, gewissenhafte Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art (WHO-Definition).

Der Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen, ist - aus medizinischer Sicht kein unrealistischer Wunsch: Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio schreibt in seinem Buch "Über das Sterben", dass in geschätzt 90 Prozent der Fälle Menschen mit Begleitung eines geschulten Hausarztes und eventuell mit der Unterstützung von Hospizfachkräften gut versorgt zu Hause sterben könnten.

Doch viele Ärzte empfinden den Tod eines Patienten immer noch als narzisstische Kränkung, so Borasio. Und setzen alle lebenserhaltenden Maßnahmen ein, die die moderne Medizin kennt. Ein Vorgehen, das oft viel Leid über todkranke Patienten bringt. Doch langsam findet ein Umdenken bei vielen Medizinern statt. Seit neuestem ist die "Palliativmedizin" Pflichtfach im Medizin-Studium und immer mehr Ärzte unterstützen schwerkranke, sterbende Menschen in ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten, aber betreuten, schmerzmedizinisch begleiteten Lebensende zu Hause.

"Es gibt erstaunlich viele Parallelen zwischen Geburts- und Sterbevorgang. Es sind beides physiologische Vorgänge, für welche die Natur Vorkehrungen getroffen hat, damit sie möglichst gut ablaufen. Beide laufen in den meisten Fällen am besten ab, wenn sie durch ärztliche Eingriffe möglichst wenig gestört werden."

Gian Domenico Borasio, Palliativmediziner: Über das Sterben, München 2011

Palliativmedizinische Versorgung hat sich verbessert

Gian Domenico Borasio

Wer zu Hause stirbt, kann eben bis zu seinem Tod zu Hause schmerzmedizinisch betreut werden. Mittlerweile gibt es sogenannte SAPV-Teams (SAPV steht für Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung), die Patienten mobil versorgen. Alle Krankenversicherten haben seit 2007 einen rechtlichen Anspruch darauf. Wobei die Krankenkassen viele der Anträge auf eine ambulante Palliativversorgung ablehnen, wie Borasio schreibt. Er rät Angehörigen und Patienten, notfalls darum zu kämpfen, begleitet zu Hause sterben zu können.

Auf manches ist man als Angehöriger nicht gefasst, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird und hätte im Nachhinein anders gehandelt. Die Erfahrungen aus dem Freundeskreis der Autorin zeigen das:

Begegnungen mit dem Tod

Abschied vom Vater

Mein Vater war schon sehr krank und gebrechlich. Da er es an der Lunge hatte, konnte jeder kleine Infekt ihn ins Krankenhaus bringen und jedes Mal drohte der Tod. Das habe ich mehrfach mitgemacht. Bei jedem Krankenhausaufenthalt habe ich auf dem Krankenhausflur 12 bis 14 Stunden kampiert, um sicherzugehen, dass alles für meinen Vater getan wird. Denn die Versorgung war grauenhaft. Obwohl die Einnahme der Medikamente und der Asthmasprays in seiner Situation überlebenswichtig war, hat niemand darauf geachtet, ob er sie in seinem Fieberwahn wirklich genommen hat. Manchmal wurden sie ihm auch gar nicht gereicht. Ein ohnmächtiges Gefühl für mich als Tochter. Ich bin allen dort entsetzlich auf die Nerven gefallen, aber das war mir egal.
Als er das letzte Mal ins Krankenhaus gekommen ist, hatte er auch einen Infekt und Atemnot. Aber er war froh, im Krankenhaus zu sein und eine Atemmaske zu bekommen. Er war furchtbar müde und sagte zu seinem Bettnachbarn, er wolle endlich schlafen. Er schlief dann ein und fing leise an zu schnarchen. Plötzlich war es ruhig. Er ist nicht mehr aufgewacht. Eigentlich ein schöner Tod. Was an mir so sehr zehrt: Er wollte trotz seiner Einschränkungen noch so gerne leben, seine geliebte Enkelin aufwachsen sehen. Er hatte Angst, etwas zu "verpassen". Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sein ganzes Leben noch einmal von vorne leben wollen. Das hatte er einem Bekannten wenige Tage vor seinem Tod gesagt. Wer kann das schon von sich behaupten?
Johanna, 42 Jahre

Schock

Als meine Mutter vor zehn Jahren viel zu früh starb, war das ein entsetzlicher Schock. Mein Vater hatte mich angerufen und gesagt, Mama werde wegen eines Infekts zur Sicherheit ins Krankenhaus gebracht, ich solle mir keine Sorgen machen. Eine Stunde später kam der nächste Anruf aus meiner Heimatstadt, zweihundert Kilometer entfernt: Meine Mutter war sofort nach der Einlieferung im Schockraum der Klinik gestorben. Entsetzlich. Ich war schwanger und hatte ihr noch nichts davon gesagt. Sie starb am Montag, vier Tage später hätten wir sie besucht. Mein Vater und meine Schwester wickelten die Formalitäten beim Bestatter ab. Ob wir sie vor der Beerdigung noch einmal sehen wollten, fragte der. Heute bin ich froh, dass ich auf meinen ersten Impuls, das zu vermeiden, nicht gehört habe: Meine Schwester und ich gingen zu ihr, haben uns bedankt bei ihr, uns verabschiedet. Das war so wichtig. Ihr friedlicher Gesichtsausdruck hat uns getröstet.
Anna, 47 Jahre

Trauerrede

Bei der Beerdigung meiner Mutter fand ich trotz meiner großen Trauer den Pfarrer unmöglich: Er verwechselte Daten aus ihrem Leben, sprach Namen nicht richtig aus. Als ich Jahre später bei der Bestattung meiner Tante meinen Cousin erlebte, der die Abschiedsrede für seine Mutter selbst hielt, wusste ich, ich hätte das damals auch selbst übernehmen sollen. Ich hätte nicht zulassen sollen, dass ihr Leben derart schludrig erzählt wird.
Petra, 38 Jahre

Klinik

Meine Schwester begleitete meine herzkranke Mutter, die wegen ihrer Schwäche ins Krankenhaus gebracht wurde, im Krankenwagen in die Klinik. Unterwegs versagte das Herz unserer Mutter, sie wurde nach der Ankunft gleich in den Intensivraum gebracht. Zwanzig Minuten später kam ein Arzt mit der Kette und der Armbanduhr unserer Mutter auf meine Schwester zu und schüttelte den Kopf. Ihr Schock war so groß, dass sie weinend aus dem Krankenhaus lief und durch die nächtlichen Straßen irrte. Im Nachhinein, so sagt sie, hat sie es sehr bereut, nicht noch einmal zu unserer Mutter gegangen zu sein, um sich zu verabschieden.
Hans, 50 Jahre

Weihnachten

Meine beiden Schwestern und ich verbrachten wie jedes Jahr Weihnachten zuhause bei meinen Eltern. Meine zwölf Jahre ältere Schwester hatte ihren sechsjährigen Sohn dabei. Sie litt an Asthma und war in einer schwierigen psychischen Verfassung, weil sie sich scheiden lassen wollte. Daher nahm sie abends ein Beruhigungsmittel. Der Abend verlief völlig normal, wir hatten uns viel zu erzählen, weil wir uns selten alle zusammen sahen. Als wir zu Bett gingen, machte meine Schwester im Schlaf laute Atemgeräusche. Normal - beruhigten wir Schwestern uns, denn wir kannten das schon. Am nächsten Morgen lag sie tot im Bett. Der Fachbegriff: Atemdepression. Sie ist im Schlaf aufgrund des Asthmas erstickt - ohne es zu merken. Unfassbar.
Man funktionierte wie ferngesteuert, kümmerte sich um den Neffen, dem man vorerst die Wahrheit verschwieg und spielte heile Welt. Eine absurde, eigentlich unmenschliche Aufgabe. Dazu das schlechte Gewissen. Hätten wir doch mehr auf den Atem hören sollen? Was am meisten an mir genagt hat, war gar nicht mal mein persönliches Verlustgefühl. Vielmehr hat es mich unendlich empört, dass meine damals 47-jährige Schwester um ihr Leben betrogen wurde. Ich habe brennende Wut empfunden, dass sie nicht mehr am Leben teilnehmen konnte.
Charlotte, 46 Jahre

Ansehen

Als es darum ging, meine verstorbene Schwester in der Leichenhalle noch einmal anzusehen, wusste ich für mich: Ich will das nicht! Aber ich wollte nicht feige sein und diese letzte Chance nutzen. Es war grausam und das Bild hat mich jahrelang verfolgt. Ich konnte nichts von dem empfinden, was da immer gesagt wird. Dass die Toten so friedlich aussehen oder ähnliches. Für mich sah sie nur tot und kalt aus.
Deshalb habe ich meine Mutter und meinen Vater nach deren Tod nicht mehr angeschaut. Ich will sie lebend im Gedächtnis behalten. Für mich ist das auch kein Abschied, denn sie sind alle in mir drin. Ich rede in Gedanken mit ihnen und weiß, was sie sagen, denken und tun würden in bestimmten Situationen. Das beeinflusst mich nicht unerheblich und ich fühle mich nicht allein.
Franziska, 35 Jahre


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