Ratgeber - Familie


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Übertrittszeugnisse Tag der Auslese

In Bayern haben die Viertklässler ihr wegweisendes Übertrittszeugnis bekommen. Die Noten in den drei Hauptfächern entscheiden, auf welcher weiterführenden Schule es weitergeht.

Stand: 24.05.2013
Übertrittszeugnis | Bild: picture-alliance/dpa

106.000 Viertklässler in Bayern erhalten das, was - so die Ansicht vieler Eltern - über die Zukunft ihrer Kinder entscheidet: ihr Übertrittszeugnis. Der Notendurchschnitt in den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht (HSU) entscheidet, auf welche Schule ein Kind wechseln darf. Mit 2,33 gibt es grünes Licht fürs Gymnasium, mit 2,66 für die Realschule. Alle anderen besuchen ab der fünften Klasse die Mittelschule.

Grundschüler | Bild: colourbox.com zum Artikel Keine Empfehlung fürs Gymnasium Was ist daran so schlimm?

Wohin geht's für diese Kinder, wenn die Grundschulzeit vorbei ist? Unbedingt aufs Gymnasium? Oder besser auf Real- oder Mittelschule? Am Tag der Übertrittszeugnisse fragt das Tagesgespräch nach den Vor- und Nachteilen der Schularten. [mehr]

Wer den geforderten Schnitt knapp verfehlt hat, kann an einem Probeunterricht in der gewünschten Schule teilnehmen. Laut Kultusministerium nehmen derzeit rund zehn Prozent eines Jahrgangs an diesem dreitägigen Probeunterricht teil. Jeder zweite Probeschüler schafft den Sprung auf die Wunschschule. Laut Elternverband entscheidet nur noch in vier von 16 Bundesländern der Notendurchschnitt über die Schullaufbahn von Grundschülern.

SPD-Abgeordnete: "Weichen werden zu früh gestellt"

Die SPD-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitikerin Karin Pranghofer aus Aschaffenburg fordert ein Ende des Aus- und Einsortierens. Sie kritisiert, dass durch die Schüler durch die Übertrittszeugnisse in Schubladen einsortiet würden. Es müsse endlich eine grundlegende Änderung für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und der "Übertrittsstress" müsse endlich der Vergangenheit angehören.

"Bei Neun- und Zehnjährigen werden hier grundlegende Weichen für die Zukunft gestellt, die die künftigen Entwicklungsschritte vollkommen außer acht lassen."

Karin Pranghofer (SPD)

Grüne wollen "Grundschul-Abi" abschaffen

Im Landtag hatten die Grünen im Februar einen Antrag gestellt: Das Übertrittszeugnis soll abgeschafft werden. Nicht mehr die Noten, sondern die Eltern sollen entscheiden, in welche Schule ein Kind nach der Grundschule wechselt - Mittelschule, Realschule oder Gymnasium. Die Lehrer sollen nur noch beraten.

Der Grüne Bildungsexperte Thomas Gehring führt zwei Argumente ins Feld: Der Kampf um die richtigen Noten im Übertrittszeugnis bedeute für Eltern und Kinder unnötigen Stress. Zudem hätten sich die Noten in der vierten Klasse als nicht wirklich aussagekräftig erwiesen, in welcher Schule ein Kind richtig aufgehoben ist. Gehring führt dafür die hohen Abbrecherquoten am Gymnasium als Beweis heran.

Jeder dritte Gymnasiast scheitert

Grundschullehrer als Lotsen

Damit der Schritt von der Grundschule aufs Gymnasium oder die Realschule möglichst ohne Stolpern gelingt, können seit vier Jahren Grundschullehrer als Lotsen in den fünften Klassen eingesetzt werden. Für einige Stunden werden sie an die weiterführende Schule entsandt und unterrichten dort - oft gemeinsam mit den Stammlehrern der Gastschule. Die Lotsen sind ein Erfolgsmodell, aber im Schuljahr 2010/11 waren erst 560 Grundschullehrer auch an weiterführenden Schulen tätig.

Tatsächlich schafft es jedes dritte Kind, das nach der vierten Klasse aufs Gymnasium wechselt, nicht bis zum Abitur. Laut Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ist die Abbrecherquote am alten neunjährigen Gymnasium sogar noch höher gewesen. Spaenle ist dennoch davon überzeugt, dass Noten gerechter sind als Eltern.

Zudem gebe das bayerische Schulsystem jedem Kind mehrere Chancen, das gewünschte Schulziel zu erreichen: "Die Schulwahl nach der vierten Jahrgangsstufe ist nur eine vorläufige." Keine weiterführende Schulart versperre den Weg für die Schülerinnen und Schüler zu dem Schulabschluss, den sie gemeinsam mit ihrem Elternhaus ins Auge gefasst haben, sagt Spaenle.

"Eine Elternentscheidung ohne pädagogische Einschätzung verstärkt nach Erkenntnis von Bildungsforschern die Ungleichheit."

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU)

Elternverband schlägt sich auf Seite der Grünen

Die Eltern sehen das anders. Der Elternverband unterstützt den Vorstoß der Grünen zur Abschaffung des Übertrittszeugnisses. Eltern seien sehr wohl in der Lage, eine verantwortungsvolle Entscheidung für ihr Kind zu treffen, so dessen Vertreterin Ursula Walther.

"Die Suppe, die wir da auslöffeln müssten, können wir uns auch selber einbrocken."

Ursula Walther vom Elternverband

Lehrer in der Nervenkrise - Eltern ebenso

Auch die Lehrer fordern das Ende des bayerischen Übertrittsverfahrens. Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Klaus Wenzel, berichtet von zahlreichen Lehrern, die mit den Nerven völlig am Ende sind. Immer öfter würden Eltern aggressiv bis ausfallend, wenn ihr Kind den Sprung aufs Gymnasium nicht schafft. Und immer öfter müssten Gerichte über den Übertritt entscheiden.


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Michi, Donnerstag, 09.Mai, 11:19 Uhr

9.

Es ist traurig, dass für so viele das Gymnasium alles zu sein scheint.
Es gibt so viele Wege zum Abitur, z. B.
Realschule - FOS - FOS 13 = Abi.
Mittelschule (Abschluss Klasse 10 = Mittlerer Bildungsabschluss) - FOS - FOS 13 = Abi.
oder eben Berufsausbildung nach Real- oder Mittelschule und dann BOS = Abi.
Man kann inzwischen ja auch mit beruflicher Qualifikation (Meisterbrief o.ä.) studieren. Manche Studiengänge (Lehramt mit Fremdsprachen beispielsweise) kann man auch mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und ein paar Jahren Berufserfahrung studieren.

Das Übertrittszeugnis ist an sich keine ganz schlechte Idee, nur ist es inzwischen mit einem ungeheueren Druck verbunden, der den Kindern jeglichen Spaß am Lernen und an der Schule nimmt.

Über Alternativmöglichkeiten wird viel zu wenig informiert. Mehr Infos über weitere Wege nach der Real- und Mittelschule (FOS/BOS/Berufsfachschulen) an den Grundschulen wären dringend notwendig.

Hansjörg Köhler, Donnerstag, 03.Mai, 21:10 Uhr

8. Übertrittszeugnis

Das Übertittszeugnis mit seinen Empfehlungen muss beibehalten werden, denn eine Auslese muss unbedingt stattfinden. Aufnahmeprüfung und Probezeit sind schon längst abgeschafft mit der Folge, dass heute zu viele Ungeeignete Gymnasium und Realschule besuchen. Diese ziehen das Niveau nach unten (ein Halb plus ein Drittel gibt zwei Fünftel ); im Gegensatz dazu können sich die Lehrer um die wirklich guten und begabten Schüler nicht mehr kümmern. Die müssen aber auch gefördert werden, denn sie sind unsere zukünftige Elite. Würde alleine der Elternwille maßgebend sein, hätten wir vielleicht 80 % der ehemaligen Grundschüler am Gymnasium. Dies ist im Endeffekt aber nichts anderes als eine neue Hauptschule. Oder Gesamtschule. Aber kein Gymnasium mehr!

Hansjörg Köhler

Johanna, Mittwoch, 02.Mai, 16:09 Uhr

7.

Ich bin selber Schülerin an einem Gymnasium und stehe kurz vor meinem Abi.
Ich finde man sollte das Übertrittszeugnis "vermindern".
Also z.B.: nich nur die 4.Klassnoten sondern auch die 3.Klassnoten zum Übertrittszeugnis dazuzählen. Dann wäre der Druck auf die Grundschüler nicht so groß und eine schlechte Note würde nich gleich (für viele Kinder) ein Untergang bedeuten.
Das die Eltern etscheiden finde ich nicht so gut, da viele Eltern möchten, dass ihre Kinder auf das Gymnasium gehen. Viele Kinder möchten das aber nicht!!!

Theresia, Mittwoch, 02.Mai, 16:05 Uhr

6. Eltern wissen schon, was sie tun

Ich finde es nicht gerecht, wenn hier immer wieder den Eltern unterstellt wird, sie wüßten nicht, was sie tun. Wer sich wirklich mit seinem Kind beschäftigt und sein Kind objektiv wahrnimmt, der wird auch für und vorallem zusammen mit seinem Kind die richtige Entscheidung treffen. Bei uns war es so, dass die ach so wichtigen Noten so klasse waren, dass Klassenleiter und auch das Kind, dem man immer wieder eingeredet hat, sein Notenschnitt sei der eines Gymnasiasten, fest davon überzeugt waren, es muss das Gymnasium sein. Die Einwände von uns Eltern bzgl. der Persönlichkeit des Kindes, seines Dranges nach Spiel und Freizeit zählten gar nichts. Jetzt ist unser Sohn in der 7. Klasse Gym und trotz aller Unterstützung von Elternseite und machmal auch stundenweise Nachhilfe zeichnet sich ein Wechsel an die Realschule ab. Nicht, weil er es ganz und gar nicht schaffen würde - nein, weil er erst 13 ist und auch noch ein Leben ausserhalb der Schule führen soll und darf. Ganz da oben sollte man schon nicht vergessen, dass wir pflichtbewussten Eltern durchaus wissen, wie wichtig unser Erziehungsauftrag ist.

KR, Mittwoch, 02.Mai, 15:58 Uhr

5.

Was heißt da "Die Lehrer" fordern das Ende des bayerischen Übertrittsverfahrens? Das sollte mal nicht so allgemein gehalten werden, lieber BR, denn genügend sind mit dem aktuellen Status zufrieden.
Elternwille freigeben? Genau. und damit die dann die völlig falsch platzierten Kinder ("Mein Sohn ist nicht doof, der gehört doch auf's Gymnasium!!!) nicht untergehen, müssen wir das Niveau ansenken (oder geich den sozialistischen Einheitsbrei "Gesamtschule" einführen). Warum orientieren sich SPD und Grüne immer an den anderen Bundesländern, die viel schlechter in sämtlichen Tests abschneiden? Bayerische Migranten schaffen bessere Ergebnisse als NRW-Nicht-Migranten. Das sagt schon alles...