Lernen fürs Leben Warum das Gehirn kein Muskel ist
Am leichtesten lernen Schüler und Erwachsene, wenn sie vollkommen begeistert sind von dem, was sie gerade machen. Dann werden im Gehirn jede Menge Botenstoffe produziert, die dafür sorgen, dass das Gelernte gut anwachsen kann. Dieses "Lernen mit Begeisterung" beginnt bereits im Mutterleib. Der Neurobiologe Gerald Hüther weiß, warum und wie Lernen funktioniert.
Nichts behindert die Aufnahme neuer Informationen so sehr wie Druck und Angst. Angst lähmt, weil der Urinstinkt uns sagt, wir sollen entweder angreifen oder fliehen. Was wir in der Regel nicht dürfen, und deshalb bleiben wir wie gelähmt zwischen den beiden Optionen stecken und können höchstens auf Altbewährtes zurückgreifen.
Wenn man Kindern mit Strafen droht, anstatt sie durch geeignete Herausforderungen zu motivieren, verkümmert ihre Lernfähigkeit. Überforderung ist ebenso schlimm wie Unterforderung. Beides bedeutet Frust und Enttäuschung, und diese Gefühle töten die Freude am Lernen. Sinnvoller und sehr viel motivierender ist es, wenn Kinder sich ihre Herausforderungen selbst suchen dürfen; denn sie wissen am besten, was "genau richtig schwierig" für sie ist.
SMS-Schreiben vergrößert das Gehirn
Sechzehnjährige Jugendliche bilden seit ungefähr zehn Jahren eine Region im Hirn immer stärker aus, mittlerweile ist sie schon fast doppelt so groß wie bei den Sechzehnjährigen vor zehn Jahren. Es ist die Region, die man braucht, um den Daumen zu bewegen – um zum Beispiel SMS-Botschaften zu tippen oder mit einer Konsole zu spielen. Die Begeisterung der jungen Leute darüber, dass sie mit ihrer schnellen Daumenbewegung diese neuen Medien nutzen können, führt zu diesem Gehirnwachstum.
So lernt man mühelos
Grundlagen
Das Gehirn ist kein Muskel, den man mechanisch trainieren kann. Um etwas zu lernen, braucht das Gehirn das Gefühl, dass ein Lerninhalt wichtig ist. Da muss also einem Menschen etwas "unter die Haut gehen". Immer dann, wenn man sich begeistern kann, dann werden Nervenzellen im Mittelhirn aktiviert. Aus diesen Zellen wachsen Fortsätze, die wiederum neuroplastische Botenstoffe freisetzen. Das passiert in der Regel nicht, wenn man versucht, ein Telefonbuch auswendig zu lernen oder Schulstoff zu reproduzieren. Mit anderen Worten, wenn das Gehirn nicht mit Begeisterung "gedüngt" wird, wächst nichts.
Beziehungen
Das Gehirn lernt durch Beziehungen. Im Mutterleib lernt es, indem es sich merkt, wie Körperteile in Bezug zueinander stehen, später durch Bezugspersonen. Die Beziehung zur Mutter prägt unsere Beziehung zur Welt. Zentral für das Lernen ist auch Bewegung. In der Bewegung erlebe ich meinen individuellen Körper, und das Gehirn passt sich an dessen Bedürfnisse und Eigenarten an. Ein Kind, das dicke Finger hat, tut sich mit der Feinmotorik schwerer, aber auch mit dem Begreifen abstrakter Zusammenhänge. Kinder, die gut balancieren oder auf Bäume klettern können, sind gut in Mathe – weil bei diesen und ähnlichen Bewegungen das Gehirn lernt, dreidimensionale Berechnungen anzustellen.
Mutterleib
Hirnforscher vermuten, dass sich in den ersten neun Monaten mehr Netzwerke aufbauen als im gesamten späteren Leben. Diese ersten Erfahrungen sind Erfahrungen, die aus dem eigenen Körper kommen. Das heißt zum Beispiel: Der Arm zuckt, und in der entsprechenden Gehirnregion wird ein Zuckungsmuster angelegt. Das Gleiche passiert mit den Beinen und mit allen Bewegungen, die der Körper ausführen kann. Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir bereits einen Überschuss an Verbindungen angelegt. Diejenigen, die länger nicht benötigt werden, werden stillgelegt, andere werden ausgebaut.
Kleinkinder
Zweijährige lernen intensiv und mit Begeisterung beim selbständigen Entdecken: Pro Tag erleben sie 50 bis 100 Begeisterungsstürme, weil wieder irgendwas geklappt hat, weil sie wieder ein Stück mehr dazugelernt haben und weil sie wieder irgendwas gefunden haben, das sie interessiert. Das heißt, da wird das Gehirn 50 bis 100 mal am Tag mit Begeisterung gedüngt. Deshalb lernen sie so viel und so mühelos.
Grundschule
Eine ideale Schule bietet Raum für Selbstverantwortung, Entdeckungen und das Verfolgen von persönlichen Interessen. Kinder lernen am besten von Menschen, die selbst Freude an ihren Fähigkeiten haben und sie "vorleben". Der beste Lehrer ist der, der das Kind bei seinem Entdecken nur begleitet. Ideal lernen Kinder zusammen mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters, in einer Gruppe, in die jeder etwas einbringen kann. Es ist für ein Kind viel interessanter, durch das Nachahmen eines älteren Kindes Lesen zu lernen als durch einen Lehrer.
Offene Schule
Kinder und noch mehr Jugendliche haben das Bedürfnis, dazuzugehören und eine wichtige Rolle zu spielen in der Gruppe und in der Gesellschaft. Alles, was ihnen dabei an Fähigkeiten hilft, aktiviert die "Gießkanne im Gehirn". Schüler sollten also hinausgeschickt werden ins wahre Leben, wo sie in Projekten, die ihnen wichtig sind, Fähigkeiten und Wissen mit Freude einsetzen können. Ob das der Aufbau eines Streichelzoos oder eines Jugendzentrums ist – Hauptsache, es "geht unter die Haut". Dann verstehen sie, wozu sie Mathe oder Deutsch oder Englisch brauchen, weil es einen Bezug hat zu ihrem Leben und ihren Leidenschaften.
Die wichtigsten Lernprinzipien im Überblick
- Begeisterung ist für das Lernen unverzichtbar.
- Um sich dauerhaft an etwas zu erinnern, muss es eine besondere Form haben, einen klaren, abgrenzbaren Inhalt, einen guten Grund, sich zu erinnern und es muss auf möglichst vielfältige Weise mit bereits Bekanntem vernetzt sein. Außerdem wichtig: ein positives Gefühl.
- Nur ein kleiner Bruchteil dessen, was unsere Sinne aufnehmen, erreicht unser Bewusstsein.
- Die Gefühle, die wir beim Lernen haben, sind wichtiger als die Inhalte. Begegnen wir später Inhalten wieder, erinnern wir uns sofort unbewusst an das Gefühl beim ersten Kontakt. War das negativ, gehen wir der Situation instinktiv aus dem Weg.

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