Muttermilch Der Einfluss auf das Immunsystem
Das Leben im Mutterleib gleicht einem Ausnahmezustand. Der Embryo lebt dort völlig keimfrei, denn das Fruchtwasser, das den Fötus umgibt, ist völlig steril. Bei dem Geburtsvorgang wird der ungeschützte Säugling zum ersten Mal mit Bakterien konfrontiert.
Die Darmflora des Babys bevölkert sich nach der Geburt mit Bakterien, schon nach wenigen Tagen ist sie mit Milliarden von Bakterien besetzt. Erst jetzt fängt das Immunsystem des Säuglings an, sich gegen Eindringlinge zu wehren.
Hat Muttermilch einen Einfluss auf das Immunsystem?
Die Frage, ob das Stillen einen Einfluss auf die Darmflora hat, beschäftigt die Wissenschaft. In Drittweltländern gilt es als erwiesen, dass Stillen eine positive Wirkung hat. In westlichen Ländern fehlen aber Beweise, dass nichtgestillte Kinder gesundheitliche Nachteile hätten. Welche Rolle die Muttermilch beim Aufbau der Darmflora von Säuglingen spielt, wird an der Universität Zürich untersucht. Dazu analysierten die Wissenschaftler Proben von Muttermilch.
Muttermilch ist einzigartig
Zu 90 bis 95 Prozent besteht Muttermilch aus Wasser. 5 bis 10 Prozent sind Nährstoffe. Diese bestehen zu mehr als der Hälfte aus Zucker. Dazu kommen Fette und Proteine. Der Rest sind sogenannte Milcholigosaccharide.
Diese Milcholigosaccharide machen es aus, dass Muttermilch so einzigartig ist. Denn die Zusammensetzung der Oligosaccharide ist bei jeder Mutter anders und sie ändert sich im Laufe des Stillens. Diese bis zu 300 unterschiedlichen Mehrfachzucker-Moleküle werden im Darm nicht verdaut und haben somit keinen Nährwert. Die Forscher der Universität Zürich gehen jedoch davon aus, dass die Milchlogosaccharide bei der Bildung der Darmflora eine entscheidende Rolle spielen.
Einzelnes Oligosaccharid isoliert
Der deutsche Wissenschaftler Dr. Lars Bode, University of California, konnte ein einzelnes Oligosaccharid isolieren. Dieses schützt gestillte Säuglinge vor der Nekrotisierenden Enterokolitis (NEC), einer vor allem bei Frühgeborenen auftretenden lebensbedrohlichen Darmentzündung. Etwa fünf bis zehn Prozent aller frühgeborenen Säuglinge mit sehr geringem Geburtsgewicht erkranken daran - 25 Prozent sterben. Frühgeborene, die mit künstlicher Babynahrung gefüttert werden, haben ein sechsmal größeres Risiko an NEC zu erkranken als gestillte Säuglinge.
"Wir sind gerade dabei, einige faszinierende wissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Muttermilch helfen kann, die Gesundheit eines Säuglings zu bewahren. Wir hoffen, dass unsere Entdeckungen zur Rolle von Oligosacchariden bei der Vorbeugung von NEC vielen Frühgeborenen zu Gute kommen und Leben retten werden."
Dr. Lars Bode
Einfluss auf die Darmflora
Oligosaccharide werden als Andockungssstation von den Bakterien benutzt. Einzelne Bakterien setzen sich an der Darmwand fest und bleiben im Darm. Andere docken sich an die Oligosaccharide an. Diese Bakterien können sich nicht mehr im Darm festsetzen und werden somit im Verdauungsprozess wieder ausgespült.
"Der Kontakt mit diesen Oligosacchariden erhöht die Vielfalt der Darmflora. Das sieht man sowohl bei Mäusen wie bei gestillten versus nicht gestillten Kindern. Und diese erhöhte Vielfalt hat - so denken wir - einen Einfluss auf die Reifung des Immunsystems."
Thierry Hennet, Physiologe Universität Zürich
Weitere Modellversuche mit Zellproben belegen Hennets Vermutung, dass die Oligosaccharide die Bildung von Abwehrstoffen fördern. Die Zusetzung einzelner Oligosaccharide hat tatsächlich einen Einfluss auf die Immunzellen.
"Die große Frage ist, welches Oligosaccharid am meisten aktiv ist bezüglich des Immunsystems. Wie können wir die positiven Effekte der Oligosaccharide stärken, damit potentielle Anwendungen daraus dann möglich sind."
Thierry Hennet, Physiologe Universität Zürich
Die Reproduktion von Muttermilch im Labor ist jedoch noch in weiter Ferne. Damit behält die Muttermilch vorerst den Status als Wundersaft der Natur.

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