Ratgeber - Ernährung


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Pilze belastet Tschernobyl ist nicht passé

26 Jahre nach Tschernobyl sind Wildpilze immer noch radioaktiv belastet - zum Teil sogar erheblich. Die Höhe der Belastung variiert nach Sorte und Standort. Vor allem Kinder und Schwangere sollten vorsichtig sein.

Stand: 11.07.2012

Korb mit Pilzen, Gefahrenzeichen "radioaktiv" | Bild: colourbox.com, Creativ Collection; Montage: BR

Tschernobyl

Am 26. April 1986 explodierte der Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks "W. I. Lenin" in Tschernobyl - der weltweit erste Super-GAU, nach Fukushima allerdings nicht mehr der einzige. Am 30. April 1986 erreichte die radioaktive Wolke auch Bayern.

Von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im Jahr 1986 sind auch heute noch vor allem Waldgebiete in Süddeutschland betroffen, wie das Münchener Umland, der Bayerische Wald, die Alpen und der Pfälzer Wald. In diesen Regionen hatte es kurz nach dem Unglück geregnet, wodurch besonders viel Strahlung in den Boden gelangte. An der hohen Belastung dieser Gebiete wird sich nach Meinung von Fachleuten auch in den kommenden Jahren kaum etwas ändern, denn das radioaktive Cäsium-137 (Cs-137) ist erst nach rund dreißig Jahren zur Hälfte zerfallen.

Regional deutlich über dem Grenzwert

Wie stark Pilze radioaktiv belastet sind, hängt außerdem von der jeweiligen Pilzart und der Bodenbeschaffenheit ab. Während Cs-137 auf landwirtschaftlichen Nutzflächen kaum eine Rolle spielt, weil es dort fest an die Bodenpartikel gebunden wird, ist es in Waldböden für die Wurzeln frei verfügbar. Röhrenpilze wie zum Beispiel Maronen oder Birkenröhrlinge können noch deutlich erhöhte Grenzwerte aufweisen. 

Steinpilze sind dagegen viel weniger kontaminiert, wenn auch bei diesem beliebten Pilz in Ostbayern vereinzelt mehr als 300 Becquerel pro Kilogramm auftreten. Am wenigsten belastet sind Sorten, die auf Holz wachsen, der Gelbe Pfifferling etwa oder Krause Glucke.

Aktuelle Messwerte

Beim Bayerischen Landesamt für Umwelt können Sie aktuelle Strahlenmesswerte abfragen.

Was noch wie hoch belastet ist

Im Folgenden letzte Messungen des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. Die Werte beziehen sich auf die Jahre 2000 bis 2005. Da Cäsium-137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat, gelten die Werte der Karten auch heute noch. Außerdem: Der Kontaminationsverlauf von 1986-2005.

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Auch der Handel ist betroffen

In der Europäischen Union gilt seit Tschernobyl ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Nach dem Super-GAU im japanischen Fukushima hatte die EU per Eilverordnung die Grenzwerte zwischenzeitlich angehoben. Für Lebensmittel galt ein Grenzwert von 1.250 Becquerel pro Kilogramm, für Milchprodukte 1.000 Becquerel pro Kilogramm (bisher: 370). Seit 1. April 2012 gelten wieder die "alten" Werte von 600 Becquerel pro Kilogramm bzw. von 370 Becquerel bei Milchprodukten. Stärker belastete Lebensmittel dürfen weder eingeführt noch verkauft werden.

Es wurden jedoch auch schon Pilze mit Werten von 1.500 Becquerel pro Kilogramm gefunden. Diese Pilze stammen meist aus von der Tschernobylkatastrophe unmittelbar betroffenen Regionen wie Russland oder der Ukraine. Die Ware wurde meist mit unbelasteten Pilzen vermischt oder in unverdächtigen Drittländern, zum Beispiel in Litauen, umgeschlagen und entsprechend umdeklariert. Das Umweltinstitut München fordert daher regelmäßige Kontrollen statt einzelner Stichproben.

Experten sprechen keine generelle Warnung aus

Einen Schwellenwert, ab wann die belasteten Speisen gefährlich werden können, gibt es nicht, so Christina Hacker vom Umweltinstitut München. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man so wenig wie möglich davon verzehren. Der Genuss von 500 Gramm mit 3.000 Becquerel Cs-137 belasteten Pilzen führt zur gleichen Gesundheitsbelastung wie einmal Lungenröntgen.

Nichts für Schwangere und Kleinkinder

Zellteilung wird gestört

Durch radioaktive Strahlung entstehen unter anderem freie Radikale, die sich zu giftigen Verbindungen zusammenschließen und damit Zellschäden verursachen. Kleinkinder sind besonders betroffen, weil sich die Zellen bei ihnen häufig teilen und die Zellschäden so in großem Maß weitergegeben werden.

Niemand müsse mit gesundheitlichen Folgen durch Strahlenbelastung rechnen, wenn Pilze normal zubereitet und in üblichen Mengen verzehrt werden, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Auch das Umweltinstitut München warnt nicht generell vor Waldpilzen: "Unsere Empfehlung bleibt nach wie vor, dass besonders die so genannten Risikogruppen wie Kinder und Schwangere Waldpilze und andere Waldfrüchte aus ihrem Speiseplan streichen und stattdessen auf unbelastete Zuchtpilze zurückgreifen sollten."

Web-Tipp

Mehr Informationen erhalten Sie beim Umweltinstitut München. Fragen zu Radioaktivitätsmessungen kann die Arbeitsgruppe Radioaktivität beantworten.


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