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"Pay as You Drive" Deutscher KFZ-Versicherer setzt Blackbox ein

Temposünde, Bremsverhalten oder Nachtfahrt: Ohne Zutun des Fahrers petzt das Auto den Fahrstil an die Versicherung. Was in Spanien bereits seit 2013 gängige Praxis ist, gibt's nun auch in Deutschland – dank S-Direktversicherung.

Von: Roland Münzel

Stand: 23.01.2015

Auto | Bild: picture-alliance/dpa

Die Sparkassen-Direktversicherung S-Direkt bietet einen Versicherungstarif an, dessen Beiträge sich nach einer GPS-Blackbox bemessen. Das ins Auto fest eingebaute Gerät funktioniert mit einer Technik namens "Telefónica Insurance Telematic".

O2 – hier der Firmensitz in München – ist eine Marke des spanischen Mobiltelefonkonzerns Telefónica.

Damit wird das Fahrverhalten von Autofahrern erfasst und an seine Versicherung übermittelt. Das vom Mobilfunkbetreiber Telefónica – bekannt unter der Marke O2 – bereits in Spanien für die Generali-Versicherung eingesetzte Verfahren soll so flexible Versicherungstarife ermöglichen, die sich am Verhalten des Fahrers orientieren.

Zahle entsprechend deiner Fahrweise

Auch andere Telefonkonzerne wie Vodafone arbeiten an solchen Lösungen, die auch als "Pay as you drive" bekannt sind – zu deutsch etwa: zahle entsprechend deiner Fahrweise. Ein ins Auto verbautes System liefert Daten zum Fahrverhalten wie Übertretung der Geschwindigkeit, Bremsreaktionen oder Nachtfahrten. Nachdem die gesammelten Informationen vom Mobilfunkbetreiber nach einem bestimmten Schema in ein Punktesystem umgewandelt worden sind, erhält die Versicherung einen Gesamtpunktestand. Albert Fetsch von Telefónica: "Durch dieses Punktesystem hat die Versicherung keinen Zugriff auf die Daten."

"Besonders problematisch dabei ist, dass viele Autos von mehreren Nutzern gefahren werden. Dann könnte der Halter als Versicherungsnehmer die anderen Fahrer kontrollieren und die zurückgelegten Strecken genau rekonstruieren."

Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI)

Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar verlangte ein Eingreifen des Gesetzgebers.

Zum Datenschutz sagte ein Telefónica-Sprecher, dass Kunden für jeden Schritt ausdrücklich zustimmen müssten und eine Erfassung ihrer Bewegungsprofile nicht vorgesehen sei. Zudem könne sich der Versicherte über eine Smartphone-App von Telefónica jederzeit über die Auswertung seines Fahrverhaltens informieren lassen.

"Wenn diese Möglichkeit dem Versicherungsnehmer sogar über ein Internet-Portal oder eine Smartphone-App eingeräumt wird, ergeben sich daraus zusätzliche Überwachungsgefahren. So könnte etwa der Arbeitgeber detailliert und aktuell den Aufenthaltsort von Außendienstmitarbeitern überwachen."

Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI)

Freiwillige Vorratsdatenspeicherung

Über eine spezielle Smartphone-App wird der Fahrzeughalter über das Verhalten beim Autofahren informietrt

Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sieht "Pay as you drive"-Modelle sehr kritisch. Wer einen derartigen Tarif wähle, müsse sich darauf einlassen, dass eine Vielzahl von Daten erhoben, gespeichert und ausgewertet werden. Mit diesen Daten könnten zurückgelegte Strecken, die gefahrene Geschwindigkeit oder ein Fehlverhalten des Fahrers lückenlos rekonstruiert werden. Schaar: "Im Grunde handelt es sich dabei um eine 'freiwillige' Vorratsdatenspeicherung des Kfz-Halters."

"Zwar hat der Versicherungsnehmer die Möglichkeit, eine Tarifstruktur abzulehnen, die sein Fahrverhalten überwacht. Allerdings könnte die Prämiengestaltung der Versicherer zu einem 'ökonomischen Zwang' zum Einbau von derartigen Lösungen führen. Hier sollte der Gesetzgeber einen Riegel vorschieben."

Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI)

Mit den Datenbergen wächst auch das Missbrauchsrisiko

Sind diese Daten erst einmal gespeichert, gibt Schaar zu bedenken, gebe es dafür vielfältige andere Interessenten aus privaten und öffentlichen Bereichen. Die Daten könnten im Rahmen strafrechtlicher oder steuerrechtlicher Ermittlungsmaßnahmen, aber auch für bestimmte zivilrechtliche Auskunftsansprüche herausgegeben werden, warnt Schaar: "Zudem nimmt mit den Datenbergen auch das Missbrauchsrisiko zu."


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