Ratgeber - Digitales Leben

Arbeitsrecht Man muss nicht immer erreichbar sein

Ein Anruf vom Chef beim Abendessen, eine Mail an den indischen Softwarepartner vor dem Schlafengehen: Viele Arbeitnehmer sind in der Freizeit für den Job erreichbar. Das ist ungesund - und rechtlich längst nicht immer zulässig.

Stand: 12.06.2012
Mann putzt sich im Bad seine Zähne und telefoniert dabei mit einem Handy | Bild: picture-alliance/dpa

Immer mehr Arbeitnehmer melden sich wegen psychischer Probleme krank. Wie eine Analyse von Krankmeldungen durch die Krankenkasse AOK ergab, stieg der Anteil psychischer Erkrankungen von 1999 bis 2010 um etwa 80 Prozent an. Etwa jeder zehnte Fehltag ist heute darauf zurückzuführen. Psychologen sehen auch den Stress als Ursache, wenn man ständig erreichbar sein muss - ob am Handy oder per E-Mail. "Das kann zum Burnout oder zu einer depressiven Verstimmung führen", sagte Arbeitspsychologin Doris Stengl-Herrmann dem Bayerischen Rundfunk.

Chef muss "Körper und Geist seiner Mitarbeiter" schützen

Anfang Juni prangerte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Onlineausgabe der Bild-Zeitung seitens der Arbeitgeber einen zu exzessiven Umgang mit den Möglichkeiten an, die moderne Kommunikationsmittel bieten. Es gebe "glasklare Regeln, zu welchen Uhrzeiten muss ich erreichbar sein und wann bekomme ich dafür meinen Ruheausgleich". Das Arbeitsschutzgesetz verlange "mit seinem knallharten Strafenkatalog von jedem Chef, dass er Körper und Geist seiner Mitarbeiter aktiv schützt - werktags genauso wie am Wochenende", so die Ministerin.

Noch ist die Realität offenbar eine andere. Zwar gibt es in einigen, vor allem großen Unternehmen Regelungen, die Angestellten eine ungestörte Erholung in der Freizeit ermöglichen sollen. VW zum Beispiel schaltet seit Ende 2011 eine halbe Stunde nach Arbeitsende die Weiterleitungen vom Mailserver auf Mitarbeiter-Smartphones ab. Für Manager gilt diese Regelung allerdings nicht. Von BMW heißt es, "für normale Mitarbeiter" gebe es keine Verpflichtung, in der Freizeit erreichbar zu sein. Eine Ausnahme bildeten Bereitschaftsdienste etwa von Werkstattmitarbeitern. Auch bei Siemens gibt es laut Pressestelle betriebliche Einheiten, von denen zum Beispiel eine "schnelle Reaktion von Seiten des Kunden erwartet wird". Dann müsse ein Mitarbeiter auch mal "in der Nacht oder am Wochenende" erreichbar sein. Es gebe jedoch entsprechende Ausgleichs- und Ruhezeiten und es würden Zuschläge gezahlt.

"Man nimmt die Firma per iPhone überall hin mit"

Arbeiten im Urlaub | Bild: colourbox.com zum Artikel Arbeiten im Urlaub Wenn Erholung in Stress ausartet

Urlaub - das klingt verlockend nach Entspannung, Strand und Sonnenuntergängen am Meer. Die Realität sieht oft anders aus: Das Haus wird umgebaut, ein Zusatzverdienst lockt, der Chef ruft an. Arbeit statt Urlaub: Was ist erlaubt? [mehr]

Das ist auch gesetzlich vorgeschrieben, sagte der Arbeitsrechtler Professor Volker Rieble von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zu BR.de. Doch liegt es an jedem Abteilungsleiter, die Regelungen einzuhalten und am Mitarbeiter selbst, auch einmal nein zu sagen. In kleineren Firmen ohne starken Betriebsrat wird es nicht immer so genau genommen mit dem Arbeitszeitgesetz. Anna K. (Name von der Redaktion geändert) arbeitet in einem international tätigen, mittelständischen bayerischen Unternehmen und sagt: "Unsere Kundenbetreuer haben alle ein iPhone und sind ständig erreichbar. Es wird einfach erwartet, besonders von den Kunden." Sie findet diese Entwicklung bedenklich, "denn man nimmt die Firma per iPhone überall hin mit". Ein Kollege habe ihr neulich berichtet, dass er es sich nicht leisten könne, im Urlaub keine Mails zu checken.

Von Audi, wo es laut einem Sprecher unternehmensweit "keine speziellen Regelungen in Bezug auf die Erreichbarkeit" gäbe, heißt es, man müsse auch die andere Seite sehen: "Wenn ich an einem Brückentag nur erreichbar, aber nicht physisch im Büro anwesend sein muss, profitiere ich davon." Das Thema "Stress durch ständige Erreichbarkeit" sei bis jetzt auch "auf keiner Betriebsversammlung als Thema aufgetaucht". Auch Arbeitsrechtler Rieble will nicht nur die negativen Seiten sehen. So könne es durchaus im Sinne eines Mitarbeiters sein, "in einem Zwei-Sätze-Telefonat am Abend eine Sache aus der Welt zu schaffen, die ihm am nächsten Tag eine Menge Arbeit bereitet hätte" - oder einen Fehler auszubügeln, für den er möglicherweise haften müsste.

Tipps für Mails und Handyanfragen

Rufbereitschaft

Arbeitsrechtlich gesehen haben Sie als Arbeitnehmer keine Verpflichtung, in der Freizeit erreichbar zu sein. Es sei denn, es ist eine so genannte Rufbereitschaft vereinbart - ob vertraglich oder mündlich spielt keine Rolle. Der Arbeitnehmer muss dann in der Lage sein, in bestimmten Fällen umgehend arbeiten zu können.

Antwort

24 Stunden Antwortzeit reichen bei Mails - in der Regel. In bestimmten Branchen wie den Medien oder beim technischen Support muss es schneller gehen.
Versehen Sie eilige Mails mit dem Betreff "dringend", wenn Sie eine schnelle Antwort benötigen.

CC

Überlegen Sie vorher: Mit "CC" oder "Allen antworten" sollten Sie Mails nur beantworten, wenn alle Beteiligten diese Informationen auch wirklich brauchen.

Signale

Wenn Sie konzentriert arbeiten müssen, sollten Sie Benachrichtigungen für eintreffende Mails oder auch akustische Signale ausschalten.

Filtern

Nutzen Sie Filter und leiten Sie weniger wichtige Mails in Unterordner - diese können Sie dann später bearbeiten. Das funktioniert auch mit Mails, die man in "CC" bekommt.

AB

Mit der Voicebox verpassen sie nichts, Anrufer können jederzeit eine Nachricht hinterlassen.

Flug-Modus

Schalten Sie das Handy zwischendurch aus oder versetzen Sie es in den 'Flug-Modus' oder 'Flight Mode', wenn bei Ihrem Handy vorhanden.
Im Flug-Modus können zwar Anrufe, SMS und E-Mails nicht eingehen, das Wiedereinschalten ist aber in wenigen Sekunden möglich.

Umleiten

Rufumleitungen sind dann sinnvoll, wenn Sie konzentriert arbeiten müssen, aber gleichzeitig auf einen dringenden Anruf warten. Kollegen oder Familienmitglieder können Sie dann für wirklich dringende Gespräche ans Telefon holen.

SMS

SMS müssen Sie nicht sofort beantworten. Bis zu 24 Stunden Antwortfrist hat man. Außer es ist eine wirklich dringende Anfrage.
Lassen Sie sich Ihre Mails nur aufs Smartphone senden, wenn Sie sie wirklich brauchen. Sonst rufen Sie die Mails manuell ab - dann bestimmen Sie den Zeitpunkt des Abrufs.
Quelle: BITKOM

Das Gesetz steht über dem Arbeitsvertrag

Erreichbarkeit muss vertraglich vereinbart sein

Laut einer Studie des Branchenverbandes der IT-Industrie, Bitkom, sind beinahe neun von zehn Berufstätigen außerhalb der Arbeitszeit per E-Mail oder Handy erreichbar. Fast ein Drittel ist sogar jederzeit erreichbar, nur jeder Achte nie. Gut ein Drittel der Arbeitnehmer nutzen ihr privates Handy auch für den Job.

Doch ständige Erreichbarkeit ist rechtlich nicht zulässig. Und nicht für jeden Arbeitnehmer gelten die gleichen Regeln. Ob man dazu verpflichtet ist, am Feierabend oder am Wochenende das Handy mit vollem Akku parat liegen zu haben und regelmäßig Mails zu checken, hängt vom individuellen Arbeitsvertrag ab. Wenn der reguläre Arbeitstag dort auf acht Stunden festgeschrieben ist und keine darüber hinausgehenden Vereinbarungen bestehen, kann man das Handy nach Dienstschluss ruhigen Gewissens ausschalten, erklärt Rieble gegenüber BR.de.

Und auch wenn vertraglich vereinbart ist, dass man nach Dienstschluss ans Telefon gehen muss, gibt es Regeln und Grenzen. "Das ist die sogenannte Rufbereitschaft", erklärt Rieble. Diese müsse als Arbeitszeit erfasst und auch vergütet werden. Hat ein Arbeitnehmer, dessen tägliche Arbeitszeit laut Vertrag acht Stunden beträgt, diese bereits in der Firma geleistet, gilt danach eine gesetzliche Ruhepause von elf Stunden. Während dieser Zeit darf der Mitarbeiter auch nicht per Individualvertrag dazu verpflichtet werden, Mails zu lesen oder Anrufe anzunehmen. Ob für den Arbeitnehmer aber dann möglicherweise Beförderungen ausbleiben, weil er auf sein Recht pocht, stehe auf einem anderen Blatt.

Abstimmung

Stört es Sie, als Arbeitnehmer in der Freizeit erreichbar zu sein?

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.


0

Keine Kommentare mehr möglich.

Manuela, Donnerstag, 01.November, 10:45 Uhr

3. Ausbeutung Tür und Tor öffnen

Mein Chef rief mich an einem Samstag morgen mit der Frage an, ob ich heute arbeiten Muss. Nein, ich musste nicht Arbeiten, es war mein freier Samstag und mit ausschlafen war es dann vorbei. Ich bin alleinerziehende Mutter für mich sind "Ausschlaftage" selten und kostbar. Als ich mich per E-mail dagegen wehrte, sowohl am Wochenende oder Abend um elf noch angerufen zu werden, hat er sich zunächst entschuldigt, mich aber dann als unflexibel und unkooperativ bezeichnet. Ich solle doch mein Telefon abstellen, wenn ich nicht von ihm angerufen werden will. Nun ist das aber nicht möglich, wenn meine Tochter außer Haus ist oder woanders schläft, muss ich im Notfall erreichbar sein.
Er ruft mich viel zu häufig und wegen Kleinigkeiten, als Arbeitsfragen getarnt, zu Hause an und möchte noch dazu Smalltalk führen. Die Flexibilität, die durch kurzfristige Anrufe von mir erwartet wird, stresst mich enorm. Ein Beispiel, ein Anruf am Freitag Abend. "Morgen, musst du im anderen Laden Arbeiten". Die Öffnungszeit ist dann eine Stunde früher. Damit ich überhaupt am Samstag arbeiten kann, habe ich bereits einige Tage vorher herumtelefoniert, bei welcher Freundin, ich meine Tochter, in dieser Zeit unterbringen kann. Ich habe also Tage vorher vereinbahrt, meine Tochter um 9.30 hinzubringen und um 20.00 abzuholen. Wegen diesem kurzfristigen Anruf, muss ich dann die Eltern der Freundin bitten und ebenso kurzfristig fragen ob ich mein Kind frühe bringen kann. Das ist mir sehr unangenehm.
Mehrheitlich, sind die Frauen die dort arbeiten, als Minijobberinnen angestellt. Aus Angst, von einem Tag auf den anderen gekündigt zu werden, lassen sie sich viel zu viel gefallen. Diese Angst hat einen guten Grund. Wer sich wehrt, fliegt raus. So ist es vor kurzem meiner Kollegin ergangen. Sie kam zur Arbeit und stellte fest, das all Ihre Schichten, gestrichen wurden. So schnell geht das, in Zeiten von Minijobs.

Manfred, Donnerstag, 14.Juni, 11:44 Uhr

2. Vorschlag

Arbeit, egal ob am Arbeitsplatz oder nach Ende der offiziellen Arbeitszeit, ist eine Leistung. Dieser Leistung sollte eine Gegenleistung in Form von Bezahlung gegenüberstehen. Wenn jeder Anruf /jede SMS/ jede Mail nach Ende der Arbeitszeit für den Arbeitgeber "kostenpflichtig" wäre, würde sich ganz schnell eine Sortierung von wirklich wichtig und hat Zeit bis zum nächsten Arbeitstag einstellen.
So lange wir aber nach dem All-In Prinzip verfahren, stellt sich ein ähnlicher Effekt wie beim All-You-Can-Eat ein, bei dem die meisten Leute auch "Alles" mitnehmen, was geht.

andrea, Dienstag, 12.Juni, 17:26 Uhr

1. Erreichbarkeit

Hallo,
das Problem sind glaube ich nicht die "bösen Chefs" - denn nicht alle sind Manager oder in so wichtigen Betriebsfunktionen, daß sie ständig vom Chef angerufen werden- sondern die Menschen selbst. Die meisten hängen doch freiwillig (!!) permanent am smartphone - jeden Morgen in der U-Bahn zu beobachten. An Stelle eines Buches oder Zeitung wird doch nur noch getippt - und möglichst laut telefoniert. es gibt doch nichts mehr, was nicht banal genug wäre, als daß man es nicht in der Öffentlichkeit am Handy verkündet. Ich denke, das Problem ist wirklich, daß Jeder sich viel wichtiger fühlt, wenn er permanent angerufen/angesimst wird - und auch selbst permanent "online" ist.
Menschen die früher kaum Freunde hatten, können sich heute als wahnsinnig beliebt fühlen, weil sie 100 facebook-"freunde" haben, und das ohen jeen sozialen Aufwand. es sollten sich alle wieder mehr auf reale Kontakte konzentrieren - und auf Rücksicht und Respekt gegenüber Anderen , auch beim Telefonieren in der UBAhn z.B.