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Video Music Awards MTV zeigt, wie irrelevant Musikvideos sind

Politisch wollten sie sein, die Video Music Awards von MTV. Aber dafür reicht es nicht, Politik-Posterboy Kendrick Lamar fast alle wichtigen Awards zuzuschieben und die Gender-Trommel zu rühren. Ein Kommentar von Katja Engelhardt

Stand: 28.08.2017

Katy Perry bei den VMAs 2017 | Bild: picture alliance / empics

Und auf einmal steht – zwischen Katy Perry und Kendrick Lamar, Fifth Harmony und Ed Sheeran – diese Frau auf der Bühne: graue Haare, Ottonormal-Outfit, untrainiert. Kein Popstar also. Es soll ein politischer Moment werden, Susan Bro ist die Mutter der jungen Frau, die in Charlottesville gegen Rassismus demonstriert hat und dabei tödlich verletzt wurde. Bro darf etwa eine Minute über die Stiftung sprechen, die sie gründet, um das Engagement ihrer Tochter fortzuführen, dann kündigt sie eine Kategorie der Video Music Awards an, die 2017 ein Comeback feiert: „Best Fight Against The System“.

Da könnte man natürlich zunächst einmal fragen, auf welcher Seite eines wie auch immer gearteten Kampfes MTV denn stünde. Aber das ist vielleicht eh egal, denn die sechs nominierten Videos, die offenbar rein nach politischer Message ausgewählt wurden, stammen künstlerisch von der Resterampe: Toll, dass ihr eure Stimmen gegen Hass auf Migranten erhebt, aber eure Videos sind nicht gut genug für die anderen Kategorien „Best Rap“ oder „Best Rock“, naja, versammeln wir euch fix hier. Da wäre etwa Alessia Caras schnell wieder vergessene Anti-Bodyshaming-Hymne „Scars To Your Beautiful“, die absurderweise gegen genau jene Oberflächlichkeit und den Sexismus rebelliert, die auch die typischen Videos in der MTV-Rotation auszeichnet. Ebenfalls nominiert: „Stand Up/ Stand N Rock #NoDAPL“ von Taboo (Black Eyes Peas) und Schauspielerin Shailene Woodley. Ein Protestsong, der zeigt, wie ein Video auf keinen Fall gemacht werden sollte: Aufnahmen direkt aus dem Aufnahmestudio, verhackstückelt mit Außenaufnahmen und Texten wie aus einem Soziologiebuch.

Wie dem auch sei, die Wahl fällt schwer, ist ja nie leicht, gewonnen hat: jedes Video. Verkündet Susan Bro. Und schwupps, schon ist er dahin, der politische Anstrich der VMAs 2017. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem immer wieder diskutiert wurde wie politisch Pop denn nun sein kann. Ob es einen neuen Bob Dylan geben könnte.

Wenn niemand leer ausgeht - und dann doch jeder

Was die Jury da geritten hat, wäre eine berechtigte Frage, nur wem man sie stellt, das ist die nächste. Denn wer die Nominierten auswählt und nach welchen Kriterien, weiß nur der liebe Gott. Oder der Moonman, wie die Trophäe in Form eines Astronauten bisher liebevoll genannt wurde. Nun ist sie eine Moon Person. Denn auch bei MTV ist 2017 die Genderneutralität angekommen. Grundsätzlich ein schöner Gedanke: Es gibt keine geschlechtsspezifischen Kategorien wie „Beste weibliche Künstlerin“ und „Bester männlicher Künstler“ mehr. Und eigentlich konsequent, immerhin könnte so auch eine transsexuelle Person ohne viel Aufhebens gewinnen – wenn denn eine nominiert werden würde.

Echte Diversity wird aber nur einmal auf dieser Veranstaltung spürbar. Und nicht dank Gastgeber MTV, sondern dank Pink. Die holt sich ihren Preis für das Lebenswerk ab, überreicht von der einzigen offen nichtheterosexuellen Person, die an diesem Abend die Bühne betreten wird, Ellen DeGeneres. Ihre gute Freundin als Laudatorin hat sich Pink selbst herbeigewünscht. Anschließend erzählt Pink eine Anekdote.

Ihre sechsjährige Tochter findet sich hässlich und meint, sie sähe aus wie ein Junge mit langen Haaren. Pink stellt ihr daraufhin eine Powerpoint-Präsentation zusammen, mit allen androgynen Popstars, die ihr so einfallen. Wieso schafft das MTV nicht? Nicht einmal für die allererste Show mit diesen genderneutralen Kategorien? 

So pseudopolitisch das Rahmenprogramm der MTV Awards ist, so unpolitisch sind die nominierten Videos. Da nutzt es auch nichts, dem rappenden Politik-Posterboy  Kendrick Lamar sechs Awards zuzuschieben. Die hat er zwar verdient, grämt sich angesichts der schwachen Konkurrenz aber sicherlich, sobald der Rausch verflogen ist.

Wenn schon nicht konsequent politisch, hätten die VMAs zumindest echtes Entertainment sein können. Das ist aber kaum möglich, wenn eine Veranstaltung sich derart daran festbeißt, relevant sein zu wollen. Ein Kuss wie zwischen Britney Spears und Madonna, eine Robe wie das Fleischkleid von Lady Gaga, meinetwegen auch eine Miley Cyrus, die sich an Robin Thicke reibt – doch solche durchchoreografierten Skandälchen bleiben 2017 aus.

Das Elend der VMAs spiegelt aber natürlich nur den Gesundheitszustand der Musikvideos des letzten Jahres. Die allermeisten nominierten Musikvideos kommen von den Big Playern der Branche: Kendrick Lamar, Bruno Mars, Ariana Grande, Rihanna, Miley Cyrus, Katy Perry. In der Kategorie Rock ist zwischen Altgedienten wie den Foo Fighters und Green Day mit Twenty One Pilots nur eine neuere Band nominiert.

Auf die Quote achten macht Sinn - außer bei der Suche nach dem besten Musikvideo

Stars machen üblicherweise die Hits und die Hits sorgen dafür, dass Zuschauer dranbleiben. Sie sind aber auch deshalb bei den VMAs präsent, weil sie sich aufwändigere und vor allem teure Musikvideos leisten können. Dass sich das ganz bestimmt lohnt, dafür sorgt vor allem bei Nominierten wie DJ Khaled (u.a. Video des Jahres) und den Gewinnern Fifth Harmony (Bestes Video Pop) das Product Placement – hier mal ein Markenkopfhörer ins Ohr gesteckt, dort mal zu Videobeginn ein Auto platziert. Für kleinere Künstler ist das keine Option. Außer der Produktplatzierung passiert in den allermeisten Videos von Stars wie Selena Gomez und Kgyo („It Ain`t Me“): erschreckend wenig. Aber wenn Musikfernsehen vor allem Nebenbeibeschallung ist, einmal angemacht, dann wie ein Radiosender laufen gelassen, dann müssen wohl auch die Musikvideos nicht mit mehr aufwarten.

Deshalb verbreitet sich das billige Standbildvideo, das nur ein Bild zeigt und sich auf YouTube trotzdem sehr gut macht, vor allem für DJs. Denn ein echtes Video ist nicht nötig, solang der Song via Streaming abgerufen werden kann. Ebenfalls überall, das Geschwister vom Standbild: das Lyric-Video, ein auf YouTube meist illegal online gestellter Clip, der mit dem Songtext versehen wurde. Inzwischen machen die Künstler deshalb ihre eigenen Lyric-Clips  – so wie Taylor Swift, die bei den VMAs das offizielle Video zu ihrem neuen Song präsentierte, nachdem sie einige Tage zuvor bereits das Lyric-Video zu „Look What You Made Me Do“ veröffentlicht hatte.

Die VMAs 2017 sind deshalb vor allem: furchtbar traurig. Nur eine Handvoll der nominierten Videos gehen kreativ mit dem Song um, unterwerfen ihn einer Metamorphose, oder spielen mit dem Medium Video auf eine Art, die seine Zuschauer zur Aufmerksamkeit zwingt. Young Thugs „Wyclef Jean“ gehört dazu, der Clip erzählt die Geschichte, wie der Rapper nie zum Videodreh erschienen ist, doch das Werk versauert in der Kategorie „Bester Schnitt“.

Nein, Musikvideos sind nicht tot, noch nicht – aber das Musikfernsehen röchelt schon.


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