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Neues U2-Album "Songs of Experience" Keine Wiedergeburt, aber ein Lebenszeichen

Eine Erwähnung in den Paradise Papers, überzogene Ticketpreise, zweifelhafte Marketingkampagnen: U2 machen es ihren Kritikern leicht – fast schon zu leicht. Umso erfreulicher ihr neues Album "Songs of Experience", auf dem die Band zumindest ein bisschen Wiedergutmachung betreibt.

Von: Marcel Anders

Stand: 01.12.2017

U2-Sänger Bono am 11.11.2017 auf dem Trafalgar Square in London auf der Bühne. | Bild: dpa-Bildfunk/Vianney Le Caer

Eigentlich sollte "Songs of Experience" schon 2015, kurz nach dem letzten Album "Songs of Innocence" erscheinen. Doch letzteres erwies sich für U2 als größte Schlappe der Band-Karriere: Die Entscheidung, die Songs für einen dreistelligen Millionenbetrag an iTunes zu verkaufen und ungefragt in die Playlist von 81 Millionen Usern zu laden, sorgte für einen Aufschrei. Von einem ideologischen Ausverkauf und maßloser Gier war die Rede.

Rauer, kantigerer Sound

Das hat bei den Iren für Verunsicherung gesorgt, auch für eine neue Selbstbestimmung und eben die Verzögerung beim nachfolgenden Album. Zwei Jahre lang haben sie mit Musikern wie Jacknife Lee, Ryan Tedder von One Republic und Andy Barlow von Lamb gearbeitet – ohne Erfolg. Bis 2016 der Brexit, die Flüchtlingskrise, Trump und der globale Rechtsruck kamen. Eine Entwicklung, die die Iren wachgerüttelt und letztlich inspiriert hat. Bono überarbeitete seine Texte, und die Band einigte sich auf einen rauen, kantigeren Sound – unter der Regie von Steve Lillywhite, der schon ihre ersten drei Alben betreut hat. Ein deutliches Indiz, wohin die Reise gehen soll.

Ironischer Blick auf die eigene Großspurigkeit

Tatsächlich ist "Songs of Experience" eine Rückbesinnung auf einige vergessene Stärken der Rock-Band. Etwa den Zeitgeist abzubilden und zu kommentieren sowie Stellung zu beziehen. Das gelingt U2 im 41. Jahr ihres Bestehens mit Bravour: "In Get Out of Your Own Way" legen sie uns nahe, einfach mal über den eigenen Schatten zu springen und uns auf neue, ungewohnte Situationen einzulassen.

"American Soul" ist eine Adaption von Kendrik Lamars "XXX" – mit einer Beschwörung des uramerikanischen Gedankens von Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung. "Summer of Love" erinnert an den Sommer der Liebe vor 50 Jahren. Und "The Blackout" beschreibt Trump als Dinosaurier, der längst ausgestorben sein sollte. Aber U2 blicken auch auf sich. In "The Showman" heißt es: "Ein Spektakel aus seinem eigenen Untergang zu machen, das ist erst der Anfang der Show". Ein ironischer Seitenhieb auf die Fehler der letzten Jahre, aus denen man tatsächlich gelernt zu haben scheint. Noch kritischer ist "The Little Things That Give You Away", in dem Bono seine Arroganz und Großspurigkeit karikiert: "The words you cannot say, your big mouth's there in a way." Das ist ehrlich und sympathisch. Genau wie die beiden Liebesbekundungen an seine Frau Ali, die nicht nur "das Beste an ihm" sei, sondern auch Bonos Back-up, seine Seelenverwandte, sein Rettungsanker und sein Motivator. Das ist geradezu rührend.

Keine Wiedergeburt, aber ein Lebenszeichen

So stark wie einige der Texte ist auch der Großteil der Musik. Da präsentieren U2 euphorische Rockhymnen, romantische Leisetreter, altmodischen Rock'n'Roll und sphärische Klanggemälde. Setzen mal auf Klavier und Streicher, mal auf verzerrte Jack-White-Gitarren sowie einen erstaunlich normalen und zurückhaltenden Gesang. Keine Predigten, kein Gejaule, kein Alles-an-die-Wand-Singen. Abzüge in der B-Note gibt es nur für die letzten vier Stücke des Albums, die deutlich abfallen – weil sie mit zu viel Elektronik, Industrial-Elementen und Sprachverfremdung arbeiten.

Allen Unkenrufen und voreiligen Urteilen zum Trotz: "Songs of Experience" ist ein überraschend gutes Album. Keine Wiedergeburt, keine Neuerfindung, aber ein Lebenszeichen. Ein "Hallo, wir leben noch." Und ein Album, das die Paradise Papers zumindest ein bisschen in den Hintergrund rücken lässt.


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