Kultur


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"The Circle" Zu platt für eine glaubhafte Warnung

Der gläserne Mensch ist das Ziel des digitalen Großkonzerns in "The Circle". Ein brisantes Thema, der Film behandelt es aber in noch simplerer Manier als die Buchvorlage von Dave Eggers - und braucht dazu eine sehr naive Heldin.

Von: Christian Alt

Stand: 05.09.2017

Eigentlich bin ich das perfekte Publikum für "The Circle". Denn gäbe es die dystopische Tech-Firma The Circle wirklich, ich würde wahrscheinlich klatschend bei jeder Produktpräsentation in der ersten Reihe sitzen. Das wäre nur logisch, habe ich heute doch schon ein Konto bei jedem erdenklichen Online-Dienst. Alle meine privaten Daten liegen in der Cloud, meine Fotos habe ich sowohl bei Apple, Dropbox als auch Google gespeichert - zur Sicherheit. Liebesbriefe an meine Freundin gibt es nicht analog, sondern nur per Emoji bei Whatsapp und im Facebook Messenger.

Das ganze Leben im Circle

Aber: Ein Stück Resthumanität ist eben doch noch da und damit auch die leise Stimme im Kopf, die fragt: Ist das wirklich alles so gesund? Sollte ich wirklich überall digitale Spuren hinterlassen? Mae, die Hauptfigur des Films ist genauso eine naive Träumerin wie ich. Sie fängt gerade beim Internet-Konzern The Circle an.

The Circle ist so mächtig wie Google, Amazon und Facebook zusammen. The Circle weiß alles über jeden, ist deine Bank, dein Mail-Postfach und der Ort, an dem man sich mit Freunden trifft. Aber das reicht dem charismatischen Firmenchef Eamon Bailey noch nicht. Kurz nachdem Mae beim Circle anfängt, stellt der ein neues Wunderprodukt vor. Eine kleine drahtlose Kamera, die kaum Strom braucht und so winzig ist, dass sie unentdeckt von überall auf der Welt senden kann – angeblich, um die Welt sicherer zu machen.

Eine höchst naive Heldin

Hinter der Maske der Humanität steckt natürlich die böse Fratze des Kapitalismus. Für den Zuschauer wird schnell klar, dass The Circle genau dasselbe will wie alle anderen Großunternehmen: Macht und Einfluss. Nur bei Mae fällt der Groschen nicht. Sie lässt sich freiwillig zum Versuchskaninchen machen und beginnt ihr ganzes Leben ins Netz zu streamen. 24 Stunden am Tag, ohne Pause.

Emma Watson als Mae in "The Circle"

Und genau das ist der Punkt, an dem auch kritische Technik-Fans aussteigen. Denn so naiv wie Mae kann gar niemand sein. Die bis dahin noch nachvollziehbare Silicon-Valley-Kritik wird zur Paranoia. Der Film schreit förmlich: "All diese moderne Technologie führt uns unweigerlich in den Technofaschismus." Das ist platt. Noch platter ist allerdings Mae, das große Problem dieses Films. Auf der einen Seite soll sie die neue Generation Frau symbolisieren, die Jobs im Silicon Valley annehmen: schlau, witzig, eine Macherin. Das einzige, was ihr im Weg steht, ist der Plot. Der Film will nicht, dass Mae selbstbewusst ist, er braucht sie dumm, naiv und lenkbar, damit er eine absurde Volte nach der anderen schlagen kann. Nach einer halben Stunde ist unsere Heldin vollständig indoktriniert und wir sitzen nur noch mit offener Kinnlade im Kinosessel und erkennen sie nicht wieder.

Die Botschaft: Das Silicon Valley ist böse

"The Circle" macht seine Botschaft überdeutlich, hier wird mit Zaunpfählen gewunken und mit Holzhämmern geschwungen. Und das sogar noch mehr als in der ohnehin schon oberlehrerhaften Buchvorlage. Die Botschaft von "The Circle": Das Silicon Valley ist böse und wir machen alle brav mit. Es ist wie mit so vielen platten Botschaften – irgendwie stimmt das schon. Aber eben nur irgendwie.

Was fehlt, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Macht des Silicon Valley. Denn dass nicht jede Erfindung die Welt besser macht, dass zu viel Macht in den Händen von wenigen konzentriert ist, dass fünf Konzerne – wenn sie wollen – unsere digitale Infrastruktur lahmlegen können, all das ist selbst einem Techno-Optimisten wie mir schmerzlich bewusst. Ein anderer Film hätte diese differenzierte Kritik herauszuarbeiten gewusst, statt Rousseausche Zurück-zur-Natur-Propaganda zu betreiben. Denn so platt wie "The Circle" gemacht ist, wird seine Botschaft niemand ernst nehmen können. Für diesen Film gibt es kein Like.


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