Kultur

Miniserie: "Wermut" Eine bittere Verschwörungsgeschichte

Hat die CIA den Vater von Eric Olson vor fast 70 Jahren ermorden lassen - oder war es doch Selbstmord? Doku-Regisseur Errol Morris versucht in der Netflix-Miniserie "Wermut" den Fall aufzuklären und mischt Fiktion mit Realität.

Von: Jakob Wihgrab

Stand: 13.12.2017

Szene aus Wermut | Bild: (c) Netflix

Es war halb drei in der Nacht, als Frank Olson kopfüber aus dem Fenster sprang. Es war halb drei in der Nacht als jemand Frank Olson aus dem Fenster fallen ließ. Er fiel aus dem 10. Stock des Hotel Statler, in der 7th Avenue in Manhattan.

Frank R. Olson starb am 28.November 1953. Dem Biochemiker und CIA-Angestellten wurde in den Tagen zuvor unwissentlich LSD verabreicht. Die Droge wurde in Geheimdienst-Kreisen als Wahrheits-Serum getestet. Sein Tod ist bis heute ein Mysterium.

Was ist wirklich passiert?

In der 6-teiligen Miniserie "Wermut" rekonstruiert Regisseur Errol Morris den Abend des 28. Novembers und die Tage, die darauf hinführten.

Dabei setzt er auf einen für Dokumentationen eher ungewöhnlichen dramaturgischen Kniff: Wie in einer hochwertig produzierten Crime-Serie, werden die Geschehnisse rund um den (Selbst-)Mord von Schauspielern - allen voran Peter Sarsgaard als Frank Olson - nachgestellt.

Eng verwoben wird diese fiktionale Ebene mit dokumentarischen Bildern, mit Archivmaterial der echten Beteiligten und aktuellen Interviews der Zeitzeugen. Wie bereits in "Fog Of War", der Morris 2004 einen Oscar für den besten Dokumentarfilm einbrachte, oder in seinem Donald Rumsfeld Porträt "The Unknown Known", bleibt Morris‘ Fokus fast hypnotisch starr auf einer Person: Frank Olsons Sohn Eric.

Der mittlerweile 73-jährige Psychologe verbrachte sein gesamtes Leben damit herauszufinden, was genau in der Nacht des 28. Novembers geschah. Sein niemals enden wollender Kampf für die Wahrheit rückt, von Folge zu Folge, immer mehr in den Mittelpunkt. Frank Olson musste sterben, weil er herausfand, dass die USA im Koreakrieg biologische Waffen eingesetzt hatten - davon ist sein Sohn überzeugt.

Doch beweisen kann Eric Olson es nicht. Nicht als er Jahrzehnte später mit den mittlerweile pensionierten Kollegen seines Vaters redet, deren sogenannte Cover-Story mittlerweile grobe Widersprüche aufweist. Oder als er die Leiche seines Vaters 1994 noch einmal ausgraben lässt und herausfindet, dass Frank Olson vermutlich vor dem Fall aus dem Fenster eine Wunde am Kopf zugefügt wurde. Und auch nicht, als der New York Times Journalist Seymour Hersh von einem CIA-Maulwurf die Wahrheit gehört haben will, sie aber nicht publiziert, um seine Quelle zu schützen. Die CIA habe gewonnen, stellt Hersh fest. Dass ein paar Leute auf der Welt die Wahrheit kennen, das wäre ihnen egal.

Eine Verschwörung, die sich einfach nicht beweisen lässt

So wird aus der anfänglich als True-Crime anmutenden Doku-Fiction, ein Porträt eines Mannes, der nicht loslassen kann. Eric Olson ist eine moderne Hamlet Figur, besessen davon den Tod seines Vaters zu "rächen". Dass die involvierten Personen mittlerweile alle gestorben sind und jede Beziehung, die Eri eingegangen ist, an seinem Wahn zerbrochen ist, hält ihn nicht auf.

Filmemacher Errol Morris

Errol Morris geht mit "Wermut" andere Wege als Genre-Verwandte wie "Making A Murderer" oder "The Jinx", deren Agenda es war, die Schuld oder Unschuld von Individuen zu beweisen.

"Wermut" ist eine filmreife, unfassbare und politisch brisante Verschwörungsgeschichte. Gleichzeitig ist sie ein Porträt derer, die an ihr zu Grunde gegangen sind. Das ist mindestens so bitter, wie das Kraut, nach dem sie benannt ist.

Alle sechs Folgen von "Wermut" sind ab 15. Dezember bei Netflix abrufbar.