Kultur


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Sasha Marianna Salzmann: "Außer sich" Ein betörendes Stück Prosa

Ali schmeißt ihr Mathematik-Studium und fährt nach Istanbul, um ihren Zwillingsbruder Anton zu suchen und eine Antwort auf die Frage zu finden: Wer bin ich eigentlich? Das ist die Heldin von Sasha Marianna Salzmanns Debütroman "Außer sich".

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 04.10.2017

 Sasha Marianna Salzmann | Bild: picture-alliance/dpa Arne Dedert

Alissa, genannt Ali, 20 Jahre jung, gerät „Außer sich“. Ihr Mathestudium hat sie an den Nagel gehängt. Nun folgt sie einer Postkarte nach Istanbul, um dort ihren Zwillingsbruder Anton zu suchen, findet Aufnahme bei Onkel Cem, gerät in die Trans-Community und eine amouröse Beziehung und muss sich fragen lassen, wer bin ich? Alis Suche nach Anton wird zur Suche nach sich selbst. Orte, Grenzen, Geschlechter lösen sich auf in diesem Roman über die Verwandlung eines Ich, über eine russisch-deutsch-jüdische Familie und Entgrenzungen aller Art.

Nichts als immer neue Narrative!

"Ich glaube, wenn ich versuche, so richtig meinen Stoff zu greifen, funktioniert es nicht, weil er eine Brüchigkeit erzählt. Es ist der Versuch, eine Wahrheit zu rekonstruieren, eine Familiengeschichte zu erforschen und immer wieder darauf zu stoßen, dass alles nur ein Narrativ ist, was irgendwer irgendwem irgendwann gesagt hat, das um- und überschreibbar ist. Wir kennen das auch von der Situation bei Familienfesten, dass derselbe Mythos nochmal anders erzählt wird. Vor allem kennen wir das mit Erinnerung, dass Erinnerung ja keine abrufbaren Informationen sind, sondern immer überschrieben werden, und das macht einen so verzweifelt, weil man ja doch irgendetwas Wahrhaftiges haben möchte."

Sasha Marianna Salzmann

Ali beginnt, ihre Familie zu erforschen: die Urgroßeltern, Ärzte im Stalinismus mit der Bürde, etwas Besonderes sein zu müssen; die Großeltern, Eltern und ihre Familie in Moskau, die Zwillinge, die einander Halt geben, wenn die Eltern streiten, die Migration mit 32 Koffern als russisch-jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, Heim, Pöbeleien, Rassismus. Die Lebensgeschichten spiegeln Tragödien des 20. Jahrhunderts. Stationen Alis sind biografische Eckpunkte ihrer Autorin, Autofiktion.

"Ich möchte in diesen Eckpunkten, in denen ich mich auskenne, für die ich bürgen kann, diese Fiktion entfalten und die Figuren auch loslassen, ihre eigenen Wege machen lassen."

Sasha Marianna Salzmann

Autofiktion - in Istanbul geboren

Migration und Jüdisch-Sein sind Sasha Marianna Salzmanns Themen, im weitesten Sinn. Auch am Theater. In ihrem ersten Roman erzählt sie eine Familiengeschichte über vier Generationen aus einem Land namens Europa, zwischen Sowjetunion, Deutschland, der Türkei, zwischen Odessa, Moskau und Istanbul; erzählt als hoch verdichtete, flirrende Erinnerung, als nervöse Suchbewegung, in einem ganz neuen, ungewohnten, atemraubenden Ton, der von ihrer Theaterarbeit kommt: vielstimmig, mehrsprachig, anarchisch, wild, bildhaft, fast rauschhaft, außer sich eben, vor allem in Istanbul.

"Ich hätte dieses Buch nur in Istanbul so schreiben können. Ich begab mich in eine Stadt, die sehr wild ist und sehr rau und sehr zärtlich gleichzeitig, und ich glaube, dieser Fluss von Informationen und dieser Rausch von Stadt hat sehr meinen Stil geprägt."

Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann begann „Außer sich“ mit einem Stipendium in der Akademie Tarabaya, in Istanbul, einer Stadt, in der ihr alles möglich schien. Sie fand Kontakte zur Trans-Community, schrieb unter dem Eindruck der Gezi-Proteste und der Lektüre südamerikanischer Autoren, anfangs wie im Rausch.

Ali wird Anton wird Sasha

Istanbul wird zur Transitzone für Salzmanns Heldin Ali, die sich in ihrer vergeblichen Suche Anton mehr und mehr annähert, eins wird mit ihm, männliche Kleidung trägt, männlich wird, Testosteron nimmt, in einen Strudel gerät, haltlos. Auch sie könne ihr Geschlecht nicht genau bestimmen, sagt die Autorin und fügt ihrem Künstlernamen Marianna Salzmann das androgyne Sasha hinzu, den Namen den Urgroßvaters. Und wo ist ihr Halt?

"Ich bin mit Büchern groß geworden, und ich hab Büchern immer mehr vertraut als allem andern, was man mir erzählt hat, wahrscheinlich wegen ihrer radikalen Subjektivität und weil sie der Tagespolitik nie was geschuldet haben. Auch als ich die Familie befragt habe. Ich glaube immer noch Joseph Brodsky und Ingeborg Bachmann mehr. Als ich nach Deutschland migriert bin, hatte ich meine Bücher dabei, und die waren für mich mein Zuhause."

Sasha Marianna Salzmann

Die Grundidee des Romans ist ein Stück, Shakespeares „Was ihr wollt“, worin Viola, in männlicher Verkleidung, ihren Bruder sucht. Sasha Marianna Salzmann hat aus dem dramatischen Spiel mit Identitäten ein betörendes Stück Prosa von heute gemacht. Und einen Welterfolg. Schon jetzt wird ihr Debüt „Außer sich“ in dreizehn Sprachen übersetzt. 

Das Buch

Sasha Marianna Salzmann
"Außer sich"

Roman
Suhrkamp
366 Seiten
22 Euro


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