Kultur


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Das Kunstjahr 2017 Kunst, die der Krise der Welt nicht gewachsen ist

Lauter Werke, die an alle Krisenherde der Welt erinnern und Gerechtigkeit fordern: An politischem Anspruch gebrach es den großen Ausstellungen der Superkunstjahrs 2017 nicht. Aber an der ästhetischen Dimension der Kunst.

Von: Rudolf Schmitz

Stand: 25.12.2017

Adam Szymczyck und das Kunstwerk "Fluchtzieleuropahavarieschallkoerper" von Guillermo Galindo | Bild: Illustration: BR / Christian Sonnberger

Mehrmals am Tag riefen besorgte Kasseler Bürger die Feuerwehr. Denn aus dem Zwehrenturm des Museum Fridericianum stieg weißer Rauch auf. Doch das Museum war nicht in Gefahr – es handelte sich um eine Künstler-Installation der documenta 14. Über deren Symbolwert allerdings wurde nach dem Ende der Weltkunstausstellung heftig gestritten.

documenta 14: eine ehrwürdige Kunst-Institution, niedergebrannt

Adam Szymczyck

Adam Szymczyck, zunächst als neuer Kunst-Papst gefeiert, erschien nach Bekanntwerden der Finanzierungslücke der documenta 14 als Belzebub, der durch den neuen Spielort Athen Geld verheizt - und schließlich als derjenige, der die ehrwürdige Institution documenta komplett niedergebrannt hatte. Allenthalben ertönten Klagegesänge in den Feuilletons. Dabei hatte Szymczykcs Idee, die documenta in der Hauptstadt der europäischen Krise beginnen zu lassen, den polnischen Kurator zum Favoriten der Kasseler Findungskommission gemacht. An seinem latenten Anarchismus hatte Szymczyck allerdings nie einen Zweifel gelassen: "Ich möchte, dass diese Ausstellung das System der Institutionen destabilisiert, in denen zeitgenössische Kunst heute stattfindet."

Kunst als Veranschaulichung von Weltkonflikten

Nicht nur das ist dem documenta-Leiter nachhaltig gelungen. Auch der Kunst-Begriff hat sich unter seiner Regie weitgehend aufgelöst. Kunst erschien auf der documenta 14 vor allem als Veranschaulichungshilfe der Weltkonflikte, als Betroffenheitsgeste, als dokumentarische Recherche oder künstlerischer Journalismus.

Und sie agierte mit den spröden Mitteln von gestern: mit Fotos, Texten, Dokumenten, Listen, Vitrinen. Skepsis galt ausgerechnet der ästhetischen Dimension der Kunst. Wrackteile von Flüchtlingsbooten, mit Saiten bespannt und zu Musikinstrumenten umfunktioniert: So sollte den elenden Verhältnissen die eigene Melodie vorgespielt werden. In Athen wirkte die documenta um Einiges lebendiger als in Kassel: weil sie dort mehr zu tun und zu kommentieren hatte. In Kassel ging ihr dann die Puste aus. So blieb der fatale Eindruck, dass die hier gezeigte Kunst der Krise der Welt nicht gewachsen war.

Die Hoffnungen richteten sich deshalb auf die Biennale von Venedig. "Viva Arte Viva" hatte Christine Macel, die künstlerische Leiterin, als Motto gewählt: Es lebe die lebendige Kunst! Die Kunst, so ihr Credo, soll mit keinerlei Ansprüchen befrachtet werden, sie soll ihr Existenzrecht aus sich selbst beziehen. Das ließ angesichts grassierender politischer Inanspruchnahme aufatmen. Doch was dann unter der Regie der Kuratorin vom Centre Pompidou zu sehen war, hatte retrospektiven, feministisch harmlosen, einschläfernden Charakter: Da wurde gehäkelt, gestickt, genäht, gewebt und dem Kunstgewerbe Tür und Tor geöffnet.

Lebendige Kunsterfahrung in Venedig

Dass der deutsche Pavillon unter der Regie von Susanne Pfeffer dann den Goldenen Löwen bekam, konnte als ausgleichende Gerechtigkeit erscheinen. Die Künstlerin Anne Imhoff hatte dem Pavillon einen Glasboden implantiert und ließ ein Team von Performern darunter, darauf und in der Höhe der Galerie agieren. Mit Gesten, Posen, Aktionen, Gesängen, die keinen Besucher kalt ließen und für eine lebendige Kunsterfahrung sorgten, die man der Biennale insgesamt gewünscht hätte. Kuratorin Susanne Pfeffer meint, dass Anne Imhoff mit ihrer Performance gelungen sei, was die documenta 14 mit ihrem "Parlament der Körper" bezweckte. Eine Performance, "wo alle Performer eine Spannung erzeugen, die sich dann auch auf den Betrachter überträgt – dass das dann natürlich etwas sehr Spezielles ist, was den Besucher noch mal ganz anders ergreift, als wenn er in einem stummen Kontext vor einem Bild steht".   

Die documenta 14 hatte nur viel von der Zuschauer aktivierenden Rolle der Performance geschwärmt und vom "Parlament der Körper" geredet. Gespürt hatte man davon ziemlich wenig. Die Biennale-Performance von Anne Imhoff ließ ahnen, was gemeint sein könnte.

Waren die Erwartungen falsch oder war die Kunst falsch?

Wer sich danach sehnte, Kunst endlich mal wieder wirkungsmächtig zu erleben, reiste hoffnungsfroh nach Münster, zum Skulpturen Projekt. Symbolträchtig war eine Installation von Ayşe Erkmen, die Besucher in leibhaftige Jesusse verwandelte, die über das Wasser wandeln konnten. Doch als Massenveranstaltung wirkt das Wunder schnell gewöhnlich. Man fragte sich: Was ist bloß aus dem politischen Instinkt vom Kasper König, dem künstlerischen Leiter 2017 in Münster, geworden? Zum größten Teil entpuppte sich das Skulpturen Projekt als gehobenes Unterhaltungsprogramm.

So blieb vom Super-Kunstjahr 2017 ein schaler Nachgeschmack. Zur Krise der Welt kam die Krise einer mit Erwartungen überfrachteten Kunst. Waren die Erwartungen falsch oder war die Kunst falsch? Die Antwort darauf erscheint dringlich. Und sollte zu den guten Vorsätzen fürs neue Jahr gehören ...


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