Kultur


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"Zwischen ihnen" Richard Ford schreibt über seine Eltern

Er ist einer der großen US-Romanciers, bekannt für umfangreiche Gesellschaftsromane. Nun hat Richard Ford ein sehr persönliches Buch mit Erinnerungen an seine Eltern veröffentlicht. Und auch darin porträtiert er eine ganze Epoche.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 18.08.2017

Richard Ford | Bild: picture alliance/ZUMA Press/Marco Destefanis

"Der Sportreporter", "Frank", "Die Lage des Landes": Richard Ford erkundet in seinem Werk die amerikanische Seele. Und seine Bücher stehen auch für ein sehr amerikanisches Erzählen: realitätsgesättigt und realistisch, psychologisch genau und gut lesbar. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" erhielt Ford 1996 gleich zwei renommierte Auszeichnungen: den Pulitzer Prize und den PEN / Faulkner Award.

Autor der Empathie

Fords Helden sind nicht die schrägen, sondern die "ganz normalen" Typen. Exemplarisch für sie ist sein Protagonist Frank Bascombe, den Ford in mehreren Romanen auftreten lässt. Jobsuche, Ehe, Scheidung, Vaterschaft - was Bascombe passiert, passiert vielen, er ist ein amerikanischer Jedermann, eine durchschnittliche Existenz. Richard Ford interessiert gerade diese, und wie er sie literarisch erforscht, das hat ganz und gar nichts Durchschnittliches.

Unter den Autoren seiner Generation ist Ford derjenige, der seinen Figuren eine besondere Empathie entgegenbringt. Auch wenn sie straucheln und kämpfen, auch wenn sie Verlierer sind, verlieren sie bei ihm nie ihre Würde. Möglich, dass sie leben wie Millionen andere - was von ihnen zu erzählen ist, macht sie zu Individuen. Das gilt auch für Fords neues Buch. Keine Fiktion diesmal, sondern ein Memoir: Der Autor schreibt über seine Eltern. Der Vater fuhr in den 30er-Jahren als Handlungsreisender für Wäschestärke durch den Süden der USA, die Mutter begleitete ihn. Das gemeinsame Leben "on the road" war vorbei, als 1944 der einzige Sohn geboren wurde.

"Ein Einzelkind fordert viel – möglicherweise noch mehr, wenn die Eltern schon älter sind. Die Phantasie eines Einzelkinds wird von allem, was die Eltern sagen und nicht sagen, melodisch angezupft."

Richard Ford, Zwischen ihnen

Ein ruhiger Rhythmus der Sprache

Die Eltern teilen eine große Liebe, die Kleinfamilie ist innig verbunden, und dieses Gefühl vermittelt das Buch von Richard Ford auch im ruhigen Rhythmus seiner Sprache. Was natürlich nicht heißt, das nicht auch von Schwierigkeiten und Schicksalsschlägen berichtet würde – von Wutausbrüchen und Streitfällen, von der Krankheit und dem frühen Tod des Vaters. Fords Eltern träumen von einem eigenen großen Auto und später auch von einem Haus, können sich ihre Träume erfüllen und werden schließlich in der Vorstadt sesshaft. Sehr typische bürgerliche oder kleinbürgerliche Wünsche sind es also, die sie umtreiben, dennoch verliert ihre stark aufeinander bezogene Existenz nie ganz den leichten Abstand zur Gesellschaft aus ihrer Zeit als Nomaden der Straße.

"Das Eindringen in die Vergangenheit ist in jedem Fall eine heikle Sache, weil die Erinnerung uns zu den Menschen machen will, die wir sind, und immer wieder halb daran scheitert."

Richard Ford, Zwischen ihnen

Das Leben vor dem eigenen Leben

Das Leben der Eltern aus der Zeit vor dem eigenen Leben: Dieses Rätsel und die Frage, wie es mit den eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen wäre, ist der Antrieb des Buches. Es teilt sich in zwei große Abschnitte auf, einen über den Vater, einen über die Mutter. Dass beide Teile zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, ist spürbar – manches wiederholt sich. Dennoch ist "Zwischen ihnen" ein unbedingt lesenswertes Buch: eine nachgereichte Liebeserklärung an die Eltern, geschrieben von einem lebenserfahrenen Autor.

Das Buch


Richard Ford
"Zwischen ihnen"

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
144 Seiten
Hanser Berlin, 18.00 Euro


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