Kultur


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NS-Dokumentationszentrum München Ausstellung zum Rechtsextremismus in Deutschland

192 Tote durch rechte Gewalt in Deutschland seit 1990: Auch das ist Rechtsextremismus. Die Münchner Ausstellung "Rechtsextremismus 1945 bis heute" zeigt Kontinuitäten seit Kriegsende auf – und spricht die neue Akzeptanz rechten Denkens an.

Von: Christoph Leibold

Stand: 29.11.2017

"Nie wieder. Schon wieder. Immer noch": Unter diesem Titel zeigt das NS-Dokumentationszentrum München eine neue Sonderausstellung zum Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. BR-Rechtsextremismus-Experte Thies Marsen hat einen Katalogbeitrag geschrieben und beobachtet derzeit den NSU-Prozess in München. Christoph Leibold hat mit ihm über die Ausstellung und ihr Thema gesprochen.

Christoph Leibold: Der Ausstellungstitel sagt ja, dass es eine Kontinuität gibt im Rechtsextremismus seit 1945. Es gab sicher mal stärkere Ausschläge, dann Zeiten, wo das besser in Schach gehalten wurde, momentan aber, so hat man den Eindruck, ist wieder ein Hoch im Rechtsextremismus zu erleben. Ich nehme an, das ist nicht nur so ein Gefühl, sondern es gibt Tatsachen, die das belegen.

Thies Marsen: Ja natürlich. Wir haben eine kontinuierliche rechtsextreme Gewalt, zum Teil auch auf terroristischer Ebene. Der NSU ist natürlich ein Ausnahmefall, aber es gibt eine tägliche Straßengewalt. Nach einer Zählung der Amadeu Antonio Stiftung gab es seit der Wiedervereinigung 192 Tote durch Rassisten und Rechtsextremisten – diesen Menschen ist auch eine eigene Tafel in der Ausstellung gewidmet. Und wenn wir die konkrete Situation anschauen, zum Beispiel das letzte Jahr 2016: Da hatten wir den Mord eines Reichsbürgers an einem Polizisten, wir hatten das Attentat – ich nenne es bewusst Attentat – am Olympia-Einkaufszentrum. Das sind schon allein fast ein Dutzend Tote durch rechtsextreme Gewalt, das ist tatsächlich fast schon Alltag.

Was führt Menschen zu rechtsextremen Haltungen?

Das ist oft eine Tradierung innerhalb der Familie, innerhalb von bestimmten Milieus. Nicht umsonst knüpft die Ausstellung an 1945 an, sie ist sozusagen eine Fortschreibung dessen, was im NS-Dokuzentrum immer zu sehen ist: eine Ausstellung über den historischen Nationalsozialismus, aber auch über das, was nach 1945 passiert ist. Die Nazis waren ja nicht auf einmal weg. Es gibt eine Tradition der Organisationen, die sich wieder gegründet haben, dann zum Teil verboten worden sind, immer wieder. Es gibt auch eine Tradition innerhalb der Familien. Wir erleben das vor allem im bündischen Bereich: Nachfolge-Organisationen der Hitlerjugend, die immer mal wieder verboten werden und dann wieder aufstehen. Im NSU-Prozess zum Beispiel: Einer der Verteidiger eines der Angeklagten dort war jahrelang der Führer der Wiking-Jugend, die eine Nachfolge-Organisation der HJ war und dann verboten wurde. Sein Vater war auch schon Führer dort. Allein da sieht man schon, wie sich so etwas immer wieder reproduziert und fortsetzt. Im Moment – auch durch den Aufstieg einer rechten Partei wie der AfD – bekommt so etwas einen neuen Nährboden. Und plötzlich wird vieles, was bislang unsagbar – und auch unsäglich – war, wieder sagbar.

Das Thema wandert vor in die gesellschaftliche Mitte. Wieso sind diese Gedanken wieder anschlussfähig?

Es gibt schon seit den 80er-Jahren soziologische Studien, in denen immer wieder festgestellt wird: Wir haben einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung – die Zahlen schwanken zwischen 10, 15, 20 Prozent – die anschlussfähig sind für solche Gedanken oder auch ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild haben. Diese Leute kamen ja bislang auch bei anderen Parteien unter. Das war deshalb nicht so wirkmächtig. Leute, die rechtsextremes Gedankengut hegen, konnten auch SPD wählen oder die Union oder die FDP. Die FDP war lange ein Sammelbecken für Rechtsextreme in den 50er-, 60er-Jahren. Das Besondere an der Situation jetzt ist, dass wir eine Partei haben, die dezidiert diese Klientel bedient und von ihr auch gewählt wird. Es gibt eine gewisse Sichtbarwerdung dadurch, dass wir jetzt eine Partei wie die AfD haben.

Die Ausstellung geht auch der Frage nach, mit welchen Mitteln rechtes Gedankengut verbreitet wird. Mit welchen Mitteln hält denn die Ausstellung dagegen?

Es gibt zum einen eine chronologische Darstellung, anhand eines Zeitstrahls, von dem, was es alles gegeben hat. Auch, welche staatliche Maßnahmen – oder zum Teil auch Nicht-Maßnahmen – es gab, um das einzudämmen. Es gab ja diverse Parteienverbote in der Vergangenheit. Und dann gibt es am Ende der Ausstellung zehn Elemente des Rechtsextremismus, gezeigt anhand von Stehlen, die zum Teil auch beweglich sind und immer in anderen Beziehungen zueinander stehen. Elemente wie die Führergläubigkeit, der Nationalismus oder der Chauvinismus.

Wen kann man mit so einer Ausstellung erreichen? Sind das die, die die Aufklärung auch nötig haben?

Das ist immer die Frage bei solchen Ausstellungen. Zu hoffen ist – dafür ist ja dieses NS-Dokumenationszentrum, das sich bewusst als Lernort versteht, auch da – dass zum Beispiel Schulklassen reingehen und junge Leute interessiert werden. Es ist auch geplant, dass die Ausstellung auf Reisen geht und andernorts gezeigt wird. Natürlich hat man immer das Problem: Wenn wirklich überzeugte Neonazis da hingehen, dann werden sie nicht hingehen, um sich sozusagen vom Gegenteil zu überzeugen, sondern vielleicht um ihre Originalquellen mal wieder zu lesen.

Aber vielleicht kann es ja auch bei denjenigen ein Bewusstsein schaffen, die nichts mit Rechtsradikalismus am Hut haben. Wir alle verschließen ja gern auch die Augen vor dem Ausmaß des Ganzen.

Tatsächlich, das ist auch etwas, was ich immer wieder als Beobachter im NSU-Prozess erleben musste: Wenn man das Ausmaß mal wirklich vor Augen hat, auch das Ausmaß des Leids, das produziert wird durch diese rechtsextreme Gewalt – wir hatten in den letzten Tagen zum Beispiel immer wieder Angehörige, Hinterbliebene von Mordopfern des NSU – dann bekommt man einen anderen Zugang dazu. Ich habe vorhin diese Tafel in der Ausstellung erwähnt: 192 Tote durch rassistische Gewalt seit 1990, das ist einfach eine riesige Zahl. Vielleicht bringt das den einen oder anderen doch zum Nachdenken.

Die Ausstellung "Nie wieder. Schon wieder. Immer noch. Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945" im NS-Dokumentationszentrum München ist bis zum 2. April 2018 zu sehen.


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