Onlinekunst Memory Loops gewinnen den Grimme Online Award
Online / Offline: Die Grenzen zwischen Netzwelt und realer Welt verschwimmen. Michaela Melián hat daraus ein zukunftsweisendes Konzept zur Vergegenwärtigung von Geschichte entwickelt. Gestern Abend hat das Grimme Institut ihr virtuelles Denkmal "Memory Loops" ausgezeichnet.
Sie hat diese Idee gehabt. Eine Art Stadtspaziergang mit Reiseführern aus der Geschichte, hier: mit Zeitzeugen der NS-Zeit, die an den Orten des Schreckens virtuell berichten, was sie erlebt haben. "Memory Loops". Jetzt ist sie dafür - genau wie die Tagesschau-App - mit dem Grimme Online Award prämiert worden.
Es ist nicht ihr erster Preis, und ist beileibe nicht das Einzige, was Michaela Melián gemacht hat. Sie hat Cello studiert, spielt seit 30 Jahren in der Avantgarde-Band F.S.K., sie komponiert, ist bildende Künstlerin, inszeniert Hörspiele. Sie sammelt Geschichten, Geräusche, Orte und verarbeitet sie zu Songs, Fotografien, Zeichnungen - Michaela Melián ist eine Multimedia-Künstlerin avant la lettre. Die "Memory Loops" gehören zu ihren wichtigsten Werken.
Monatelang saß Melián dafür im BR-Studio und produzierte die Hörstücke für ihr Mammutprojekt. So tief in die Nazi-Vergangenheit ihrer Stadt einzutauchen, empfand sie auch als schmerzhaft - die Auswahl der Interviews als schwierig.
"Man hat immer das Gefühl, wenn man eine Geschichte nicht nimmt, hat man dem Opfer noch einmal eine zweiten Schlag versetzt. Es ist schwierig, den Leuten gerecht zu werden. Das spüre ich jeden Tag."
Michaela Melián
Nervenaufreibend war schon die Vorgeschichte des Geschichtsprojekts. Die Ortlosigkeit des Denkmals polarisiert so stark, dass der Denkmal-Wettbewerb der Stadt zwischenzeitlich als gescheitert galt. Im Stadtrat gab es heftige Diskussionen; der CSU-Kulturpolitiker Richard Quaas fand das Projekt höchstens "für den Sponsor-Gag eines Mobilfunkbetreibers geeignet" (SZ vom 26.9.2008). Im Dezember 2008 wird das Projekt dennoch genehmigt. Eineinhalb Jahre später wird es mit dem Kulturpreis der Stadt ausgezeichnet.
Erinnerungsschleifen: Memory Loops
Memory Loops ist ein in Zusammenarbeit der Stadt München und des Bayerischen Rundfunks - Hörspiel und Medienkunst - entstandenes Audiokunstwerk, das auf historischen Originaltönen von NS-Opfern und Zeitzeugen basiert. Alle Zeitzeugenberichte und Interviews wurden transkribiert und von Schauspielern und Schauspielerinnen unterschiedlicher Generationen, auch von Kindern, gesprochen.
300 deutsche und 175 englische Tonspuren sind auf der virtuellen Stadtkarte www.memoryloops.net verortet. Mit wenigen Klicks kann jeder seine eigene Tracklist gestalten und via Smartphone oder MP3-Player auf einen Rundgang durch Münchens NS-Geschichte mitnehmen.
Erinnerung als Konzept
"Politik der Erinnerung" nennt sie diese Methode, nach der auch ihr preisgekröntes Hörspiel "Föhrenwald" entstanden ist. Meliáns Erzähler sind die wechselnden Bewohner des gleichnamigen Lagers bei Wolfratshausen: während des Kriegs Zwangsarbeiter, danach jüdische "Displaced Persons", die auf ihre Ausreise warten, später dann deutsche Vertriebene. Dazu entwirft Melián 2006 eine karge Installation in den Berliner Kunst-Werken: Zwei Dia-Projektoren, zwei Lautsprecher, zwei Bänke: Bilder der Siedlung und Geschichten, die sich dort ereignet haben. "Low Tech - High Concept" hat ein Kurator ihr Werk einmal genannt. Wenig Technik, die auf einem gedanklichen Unterbau ruht: 300 Seiten dick ist der Katalog zu "Föhrenwald".
Ähnlich - nur eben mit einer zusätzlichen interaktiven Ebene - funktionieren auch die Memory Loops. Melián empfindet es als Erweiterung ihrer Möglichkeiten, dass sie sich nicht auf einen Ort festlegt und das Material auf einem Server liegt. Und die Grimme-Jury sieht das ähnlich.
"Von jedem Computer der Welt kann man sich in diese Stadt einloggen. Auch Leute, die Deutschland nicht mehr besuchen wollen, können sich hier in ihren Erinnerungen wiederfinden."
Michaela Melián
"In der Kategorie Spezial wurde das Tonspuren-Projekt 'Memory Loops' ausgezeichnet. Hier verortet die Künstlerin Michaela Melián neu gesprochene Tondokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus im Stadtraum von München. In ausgereifter Form entstehe eine intensive Verbindung von medialer Aufbereitung und unmittelbarer Erfahrung."
Aus der Begründung der Jury
Wer dahinter steht:
Auftraggeber: Kulturreferat Landeshauptstadt München in Zusammenarbeit
mit dem Bayerischen Rundfunk, Abteilung Hörspiel und Medienkunst
Künstlerische Leitung, Konzept, Komposition: Michaela Melián
User Interface Design, Programmierung: Stefan Ammon (Meso)
Design: Markus Weisbeck (Surface)

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