Kultur

Terunobu Fujimori Teehaus auf Stelzen

Das Teehaus hat Beine und sieht aus wie ein riesiges Kastanientier. Die Villa heißt Schnittlauchhaus und hat einen Bart. Was Terunobu Fujimori baut, ist selbst für japanische Augen exotisch. Jetzt zu sehen in der Münchner Villa Stuck.

Stand: 21.06.2012
Terunobu Fujimori: Das fertige Haus - nachts  | Bild: Terunobu Fujimori  / Villa Stuck

Japaner haben so ihre Eigenarten - womit Nichtjapaner insofern selten Probleme haben, als zu den wichtigsten Eigenarten die Höflichkeit zählt. Zum Beispiel Terunobu Fujomori: In Japan ist er berühmt für vieles, besonders aber als Architekt höchst spezieller Teehäuser. Weil die Bayern aber lieber Kaffee trinken und/oder Autos bauen (für die sich um 1900 schon Hausherr Franz von Stuck begeisterte), hat Fujimori für seinen bisher größten Auftritt in Europa ein Kaffeehaus auf Rädern gebaut.

Das Walking Café

Hochhaxig und gummibereift steht es im Garten der Villa Stuck, und bald auch an anderen Stellen der Stadt: Das Walking Café, die bayerische Variante von Fujimoris berühmten Teehäusern. Eine soziale Skulptur im besten Sinn: Fujimori hat sie mit einem bunt zusammengewürfelten Team realisiert - Handwerker (Holzfäller, Zimmerer, Schindelmacher, Vergolder, Keramiker), Studentinnen und am Ende 20 Kinder, die dem Haus in einer Schlammschlacht mit Lehm verputzten. Ab heute kann - ohne Schuhe! - jeder in seinem Bauch Kaffee trinken und dabei in den Garten schauen.

Im Museum Villa Stuck selbst staunen die Besucher über weitere gebaute und ungebaute Architekturvisionen. Und weil Bayern manchmal auch höflich sind, ziehen sie im dritten Stock der Schau ihre Schuhe aus - der Ausstellungsraum ist stilecht mit Bambusmatten ausgelegt. Bei der Pressevorführung überzeugt der Architekt durch subtil übersetzte Erläuterungen und elegante, wollgraue Zehensocken. Japaner haben so ihre Eigenarten.

Gott denkt, der Architekt kleidet ein

Höchst eigen ist auch, was Fujimori baut - der Begriff Kult ist ausnahmsweise angebracht. Bis zu seinem 40. Lebensjahr ist der spätere Macher Fujimori ausschließlich Denker - ein Architekturhistoriker, der sich mit altjapanischen Bautraditionen und Höhlenmalerei beschäftigt.

Historisches Museum der Priesterfamilie Moriya

Sein erstes Bauprojekt ist ein Privatmuseum für eine Priesterfamilie. "Bei den Nachbarn stieß der Bau erst auf Ablehnung", übersetzt der Dolmetscher die Ausführungen Fujimoris. "Die hatten was anderes erwartet, etwas Modernes. Dann hat Herr Fujimori erklärt, worum es ihm geht. Jetzt muss er in der Gegend jedes Jahr ein Haus bauen."

Um dies und nicht weniger geht es Fujimori: Um die perfekte Einheit von Architektur und Natur, die Überwindung unserer technikfixierten Zivilisation. Mit deutschen Ökodörfern und dem weltweiten Trend zur Dach- und Fassadenbegrünung hat der Japaner wenig am Hut.

"In Kassel gibt es ein Projekt, das hat mich nicht überzeugt. Alles grün - den Pflanzen geht es gut, aber den Häusern schlecht. Ich bin auf der Suche nach der Mitte zwischen göttlicher Natur und menschlicher Vernunft."

Terunobu Fujomori

Sein Übersetzer sucht nach Worten: "Der Mensch trägt Kleidung. Häuser sollten das auch tun. Also Konstruktion und Technik, aber in Natur ... eingewickelt? Passt das?". Passt.

Baumhäuser, Traumhäuser: Die Architektur des Unbewussten

Das Dach den Schnittlauchhauses erinnert an den störrischen Bartwuchs einer alten Bäuerin. Das Thermalbad hat eine Fassade aus Muschelkalkgips und ganzen Muscheln. Das Studentenwohnheim ruht auf entrindeten Baumstämmen. Wohnen hier Hobbits? Kommen gleich Grinsekatze und der verrückte Hutmacher zu Besuch?

"Fujimoris Häuser sind wie Träume oder Märchen. Und sie zeigen, dass Träume wahr werden können."

Hannes Rössler, Kurator und Architekt

Ein Besuch der Schau jedenfalls lohnt - auch wegen des lange vor Fukushima entstandenen Wiederaufbau-Modells für Tokio, der Vision einer Gemüsestadt München und den skurrilen Fotos seine "Roadway Observation Society (ROJO). Und: Vorsicht! Im Lauf des Sommers soll das "Walking Café" durch München rollen und könnte auch vor ihrer Haustür stehen. Dann sollten sie wissen, ob sie in Fujimoris Häuser einziehen wollen - oder doch lieber von ihnen träumen.

Info:

Terunobu Fujimori. Architekt. Werkschau 1986 bis 2012
21. Juni bis 16. September 2012
in der Münchner Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60

Zur gleichen Zeit zu sehen: "Liquid Black" - Installationen von Andrei Molodkin


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