Besuch bei einem Senner "Tagelang keine Menschenseele"
Der Wind pfeift übers Joch, die Grillen zirpen und die Kuhglocken klingen über die Wiesen - nur sprechen hört Senner Alois Heilmeier auf seiner Alm tagelang niemanden. Außer sich selbst - und das tut gut, sagt er. Wir sind zu ihm auf den Berg gestiegen.
Ein biegsamer Haselstock, selbst geschnitten, die Rinde weich vom vielen Abstützen: Das ist das wichtigste Arbeitsgerät für Alois Heilmeier. Ein guter Stock hält mehrere Jahre, einige hat der Senner in seinen elf Sommern auf der Alm schon mürbe gewandert.
Juli und August verbringt Heilmeier auf dem Hochleger, der höher gelegenen Alm direkt unter dem Zotenjoch. Auf den Gipfeln über dem Sylvensteinstausee ist seine Hütte eine der wenigen, die nur zu Fuß erreichbar sind. Sein Arbeitsweg: Mit dem Auto über eine unbefestigte Straße zum Niederleger ruckeln und die letzten Höhenmeter in einer Fußstunde zum Hochleger aufsteigen. Den Proviant trägt der Esel.
Fernbeziehung über den Gipfel hinweg
Jeden Sonntag versorgt Heilmeier erst die 70 Jungtiere auf der Alm und steigt dann ins Tal, um eine Nacht zu Hause in Bad Tölz zu verbringen. Seine Frau sieht er von Juli bis Oktober nur einmal pro Woche, sie führen eine Fernbeziehung über den Berg. Unter erschwerten Bedingungen, denn auf der Alm muss der Senner erst auf den Gipfel steigen, um Handyempfang zu haben - und das funktioniert auch nur dann, wenn der Wind richtig steht. An den Tagen, an denen ihn der Nachbarhüter nicht besucht, sieht Alois Heilmeier "keine Menschenseele".
Den ganzen Sommer über ist er allein, aber nicht einsam: "Freilich vermisse ich meine Leute. Aber ich habe die Viecher um mich und ich habe meine Arbeit. Die Ruhe kann ich genießen." Wenn er im Herbst wieder nach unten kommt, muss er sich erst wieder an sein Leben im Tal gewöhnen: "Die Lichter, der Lärm. Das dauert dann, bis das wieder normal ist."
Alle wollen auf die Alm
Von den bewirtschafteten Almen in der Umgebung hält sich Heilmeier fern, Bergtouristen bekommt er selten zu sehen. Auf die Blechlawinen angesprochen, die sich jeden Samstag bei gutem Wetter in Richtung Alpen schieben, runzelt er die Augenbrauen. Immer mehr Menschen wollen sich die Berge nicht nur erwandern, sondern auch auf einer Alm arbeiten. Susanne Krapfl vom Fachzentrum für Almwirtschaft in Oberbayern spricht sogar von einem Boom: "In den vergangenen fünf Jahren melden sich bei uns immer mehr Interessenten, die auf dem Berg arbeiten wollen. Da sind alle möglichen Berufe dabei: Austragsbauern, aber auch Abiturienten, die eine Pause einlegen wollen, Krankenschwestern, Floristinnen, in diesem Jahr war auch ein Kirchenmaler dabei."
Rund 1.400 Almen gibt es in Bayern, die Zahl bleibt seit 1950 konstant. Nur die Bergsehnsucht scheint zu wachsen. Wer wie Alois Heilmeier den Sonnenaufgang über den Gipfeln kennt und jeden Morgen die Gämsen vor seiner Hütte grasen sieht, kann das schon verstehen: "Die Berge sind ein Fluchtort. Hier finde ich Ruhe. Ich hätte nur gern, dass das so bleibt."

Wetter


