Gib mir den Kick! Wieviel Event braucht der Glaube?
Achterbahn statt Gottesdienst? In Freizeitparks strömen die Menschen, den Kirchen bleiben sie fern. Pfarrer müssen sich heutzutage wirklich eine Menge einfallen lassen, um Gottesdienste zu einem besuchenswerten "Event" zu machen.
Der Silver Star im Europa-Park in Rust ist derzeit Europas größte Achterbahn. Er schießt die Besucher in schwindelerregende Höhen und lässt sie dann mit bis zu 130 Stundenkilometern in die Tiefe stürzen. Diese extreme körperliche Erfahrung löst bei manchen Menschen ein tiefes Glücksgefühl aus. Experten sprechen auch vom Flow. Ein geistiger Zustand, in dem man alles um sich herum vergisst.
Auch religiöse Erfahrungen können einen Flow auslösen. Verzückung nannte man das früher. Heute hört man von solchen Erlebnissen nur noch selten. Der liebe Gott als Spender von Glücksgefühlen hat in der säkularisierten Welt weitgehend ausgedient. Aber: Das Bedürfnis, sich auf Sinnsuche zu begeben, ist trotzdem noch da – nur die Wege, die zur Erkenntnis führen, sind nicht mehr die gleichen.
Im Europa-Park stehen den Besuchern deshalb zwei Seelsorger zur Verfügung – echte, keine Schauspieler. Sie bieten Krippenspiele an, Gespräche, Gottesdienste. Im Grunde nichts, was nicht jede normale Gemeinde auch im Reportoire hätte. Aber: In der Traumwelt des Freizeitparks scheint ein kirchliches Angebot verheißungsvoller als in der realen Welt.
"Hier können auch die – ich sage immer – 'treuen Kirchenfernen', also die, die noch die Wurzeln haben, aber kaum mehr in die Kirche gehen, mal wieder mit ihrer Kirche flirten."
Martin Lampeitl, Freizeitpark-Seelsorger
Ein Grund, weshalb 08/15-Gottesdienste immer weniger Menschen anziehen: Der gemächliche Takt der Liturgie wirkt in unserer immer schneller, rasanter werdenden Welt irgendwie träge, altbacken. Außerdem ist die Kirche inzwischen nur noch eines von vielen spirituellen Angeboten – und für die meisten Menschen beileibe nicht das attraktivste. Gerd Frey-Seufert, Pfarrer der evangelischen Philippus-Kirche in Mannheim, glaubt deswegen, dass es keinen Sinn macht, in der Kirche auf den großen Ansturm zu warten: "Wir müssen rausgehen. Die Menschen an den Orten aufsuchen, an denen sie eh sind."
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Genau das macht Pfarrer Frey-Seufert. Regelmäßig veranstaltet er Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten: im Wasserwerk, auf dem Friedhof. Und immer wieder auch im Museum. Dort scheint es vielen leichter zu fallen, sich den eigenen christlichen Wurzeln zu nähern. Ein Problem der Kirchen ist vielleicht auch das: Eine konventionelle Kirchengemeinde fordert von seinen Mitgliedern Gemeinsinn und Verbindlichkeit. Dies in einer weitgehend individualisierten und flexibilisierten Welt zu verlangen, wirkt im besten Fall naiv, im schlechtesten altbacken. Die großen Kirchen müssen deshalb schauen, wo und wie Gemeinsinn und Verbindlichkeit heute gelebt werden, sagt der Spiritualitätsforscher Anton Bucher.
Denn im Schatten der Event- und Ego-Kultur hat sich auch eine Gegenbewegung formiert. Altruistische Trends wie Urban Gardening oder die Selbstversorger-Bewegung gewinnen immer mehr Anhänger. Die Idee dabei: öffentlichen Raum gemeinsam gestalten. Also nicht das Glück auf dem eigenen Balkon suchen oder hinter dem Jägerzaun, sondern dort, wo außer Müllhaufen normalerweise nichts wächst. Mit Spiritualität oder gar Religion hat das auf den ersten Blick nichts zu tun. Aber es kann ein Anstoß sein für die Kirchen, sich wieder auf Mission zu begeben. Räume und Milieus zu erschließen, die man vorher nicht im Blick hatte.
Buchtipps
"Marathon zu Gott"
Frank Hofmann berichtet in seinem Sachbuch "Marathon zu Gott" (Gütersloher Verlagshaus), wie er mithilfe von täglichem Lauftraining zu Gott gefunden hat. Hofmann will mit seinem "spirituellen Trainingsplan" auch Skeptiker und Atheisten schrittweise an den Glauben heranführen.
Psychologie der Spiritualität
In seinem Buch "Psychologie der Spiritualität" (Beltz-Verlag) beschäftigt sich der Spiritualitätsforscher Anton Bucher mit der Frage, warum institutionalisierte Religiosität, wie die Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde, immer mehr abnimmt und gleichzeitig das Interesse an individuell erlebbarer Spiritualität wächst.
Das Feature "Gib mir den Kick! Wieviel Event braucht der Glaube?" läuft am Sonntag, den 17. Juni 2012, auf folgenden Sendeplätzen:
| Anstalt | Welle | Uhrzeit / Sendeplatz |
|---|---|---|
| WDR | WDR 3 und WDR 5 | 8.30 Uhr / Lebenszeichen (WDR 3) 22.35 Uhr / Lebenszeichen (WDR 5) |
| SWR | SWR 2 und SWRinfo | 12.05 Uhr / SWR2 Glauben
11.03 Uhr / SWRinfo |
| NDR | NDR Info | 6.05 Uhr und 17.05 Uhr (Wh.) / Lebenswelten |
| HR | HR 2 kultur | 11.30 Uhr / Camino. Religionen auf dem Weg |
| BR | Bayern 2 | 8.05 Uhr / Katholische Welt |

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