Ukrainische Literaten Erst der Sport, dann die Revolution
Der Fall Timoschenko beschert der Ukraine negative Schlagzeilen. Es gibt jedoch eine Reihe von Schriftstellern, die an einer neuen Ukraine arbeiten und Anlass zur Hoffnung geben. Schon sehr bald könnte das Land an einem Scheideweg stehen – mit Fußball hat das allerdings wenig zu tun.
Fußball ist Jurij Andruchowytsch alles andere als gleichgültig. Der 52-Jährige ist einer der bekanntesten Schriftsteller des Landes und leidenschaftlicher Fan des Vereins Dynamo Kiew. Von der Europameisterschaft in seinem Land hält er allerdings wenig. Zu gedrückt sei die Atmosphäre im Land, seit Viktor Janukowitsch an der Macht ist.
"So eine unkompetente und gleichzeitig brutale Regierung, wie wir sie heute haben, gab es noch nie. Das mit dem Fußball und der Euro, das passt überhaupt nicht", sagte Andruchowytsch im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Es ist vor allem ein Land der politischen Häftlinge." Klare Worte von einer der wichtigsten intellektuellen Stimmen des Landes.
Popmusik statt sowjetisches Erbe
Nicht alle Ukrainer teilen jedoch die Meinung, dass das Fußballfest fehl am Platz ist. Serhij Zhadan (38) beispielsweise ist einer der jungen wilden Intellektuellen in der ehemaligen Sowjetrepublik. Bodenständig, weltoffen, optimistisch – und voller Vorfreude auf das sportliche Großereignis. Popmusik ist ihm näher als das sowjetische Erbe, von Depression keine Spur. "Anarchy in the UKR" heißt bezeichnenderweise eines seiner Prosawerke. "Er steht für eine jüngere Generation ukrainischer Schriftsteller. Er kümmert sich intensiv um die Generierung einer neuen ukrainischen Identität, ist sehr politisch, andererseits aber auch sehr zukunftsorientiert", charakterisiert ihn Peter Hilkes, der Lehrbeauftragte für ukrainische Landeskunde an der LMU München. "Ihm ist es gelungen, die junge Generation zu interessieren. Es gibt Möglichkeiten trotz des politischen Drucks", so Hilkes.
"Kämpferin gegen alte Lügen"
Auch Oksana Sabuschko ("Museum der vergessenen Geheimnisse") ist eine von denen, die dazu beitragen, dass die Vergangenheit aufgearbeitet wird und gesellschaftliche Tabuthemen angesprochen und in die öffentliche Debatte aufgenommen werden. Das Deutschlandradio charakterisierte die 51-jährige Schriftstellerin als "Kämpferin gegen alte Lügen und neue Korruption". Wie Zhadan und Andruchowytsch wird sie nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Polen und Deutschland gelesen.
Repressalien des Regimes
Dass sich die Rahmenbedingungen für Künstler seit Janukowitschs Amtsantritt im Jahr 2010 verschlechtert haben, daran lässt jedoch auch Hilkes keinen Zweifel. Auch die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft kann daran nichts ändern. Nicht ohne Grund prangert die Organisation "Reporter ohne Grenzen" die staatliche Kontrolle über die Medien und Repressalien gegen Journalisten an. Der wohl spektakulärste Fall ist der des Chefredakteurs der Zeitung "Novyi Styl" Wasil Klimentjew, der im Jahr 2010 spurlos verschwand. Auch Schriftstellerin Maria Matios bekam wegen einer kritischen Rede Besuch von der ukrainischen Miliz. Ihr Verlag wurde angehalten, ihr Buch aus dem Handel zu nehmen. Anders als etwa in China oder Weißrussland gebe es in der Ukraine aber immer noch einen funktionierenden Informationsfluss, sagt Hilkes. Das Internet sei unzensiert, zudem bestehe ein reger Kontakt der Schriftsteller zu Kollegen im Ausland, auch nach Deutschland.
Der Herbst wird heiß
Dass es angesichts der politischen Lage während der EM zu Protesten gegen Janukowitsch kommen wird – ähnlich wie in Aserbaidschan am Rande des Song Contests oder in Bahrain während des Formel-1-Rennens – glaubt kaum jemand. Heißer wird es dagegen wohl einige Monate später werden. "Im Herbst haben wir Parlamentswahlen. Davor werden wir in der Ukraine große Demonstrationen und Proteste gegen die Regierung erleben. Im Herbst wird sich alles verändern", sagte Serhij Zhadan in einem Interview mit der Zeit. Während der EM kann er hingegen ruhigen Gewissens ins Stadion gehen und für die Ukraine jubeln: "Ich bin Fußballfan, kein Janukowitsch-Fan."

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