100 Jahre "Der Tod in Venedig" Manns Lido in München
Phantasmagorien der Leidenschaft und der Abgründe zelebriert Thomas Mann in seiner Novelle "Der Tod in Venedig". Vor 100 Jahren wurde sie veröffentlicht. Aus diesem Anlass widmet das Literaturhaus München der heute noch populärsten Erzählung des Schriftstellers eine gelungene werkmonografische Ausstellung.
"Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten einander mit geilen Gebärden (...) stießen die Stachelstäbe einander ins Fleisch, leckten das Blut von den Gliedern." Eine Passage aus dem dionysisch-orgiastischen Angst-Lust-Alptraum, der den gefeierten deutschen Nationalschriftsteller Gustav von Aschenbach im choleraverseuchten Venedig heimsucht. Der Reisende, etwas über 50 Jahre alt und bislang ein Ausbund an Disziplin, lässt sich in der Grenzstadt zum Totenreich vom Rausch der Leidenschaft überwältigen. Er entbrennt in Liebe zu einem etwa 14-jährigen polnischen Jungen, genannt Tadzio. Die Schwärmerei bleibt jedoch platonisch.
Am Ende stirbt Aschenbach. Bis zum Tod in Venedig schickt Mann seinen Helden durch mehrere Stationen. Die Ausstellung "Wollust des Untergangs" bildet sie ab, aufgeteilt auf fünf Abschnitte: von Aschenbachs Wohn- und Aufbruchsort München über die Schifffahrt zum Lido, dem Hotel und dem "märchenhaften Venedig" bis zum tödlichen Finale.
Originaltext zum Lesen, Erläuterungen zum Hören
Manns Jahrhundertnovelle fand vielfaches Echo in der Kunst, wurde von Luchino Visconti verfilmt, Benjamin Britten machte eine Oper daraus, John Neumeier choreografierte ein Ballett. Die Ausstellung ignoriert die gewaltige Wirkungsgeschichte indes vollkommen. Man habe sich bewusst ausschließlich auf den Text konzentriert, betont die Kuratorin Kerstin Klein, eine Mann-Spezialistin aus dem Buddenbrookhaus in Lübeck. Den Besucher erwarten daher in jeder Station "nur" auf Tafeln gedruckte kurze Passagen aus der Novelle, jedoch keine Begleittexte.
Wer zusätzliche Erläuterungen will, für den gibt es Audioguides mit biografischen Angaben, Einordnendes in den zeithistorischen Kontext und zum Teil auch Werkinterpretationen. So erfährt man, dass Dionysos, der griechische Gott der Ausschweifung und des Orgienkultes, ursprünglich aus Indien stammt - ebenso wie die Cholera. Symptome, Verlauf und Verbreitung dieser Krankheit in Europa beschreibt Mann detailliert in der Novelle. Als Quelle diente ihm der Brockhaus, Band 4, 14. Auflage, von 1882. Er ist in einer der Vitrinen ebenso ausgestellt wie Manns Exzerpt daraus. "Höheres Abschreiben" nannte der Schriftsteller das. Heute hätte er einen Plagiatsprozess am Hals.
Nachgedrehte Videos von Originalschauplätzen
Die Ausstellung ist reich bestückt mit Objekten wie dem Erstdruck von 1912, die "Hundertdruck" genannte Liebhaberausgabe (1913), zeitgenössischen Fotos, Postkarten und Stadtplänen von Venedig oder Büchern aus Manns Bibliothek, die er für den "Tod in Venedig" konsultierte. Dazu sind eigens für die Schau gedrehte Videos zu sehen: Spaziergänge aus Aschenbachs Perspektive an Originalschauplätzen wie dem Münchner Nordfriedhof oder am Lido.
Nicht notwendige Gimmicks, aber auch nicht störend. Sie sind wohl dem Trend geschuldet, eine Ausstellung habe sich auch an die Sinne zu wenden. Sehr sinnig dagegen: historische Fotos, zum Beispiel von den vor Jahrzehnten entfernten, apokalyptischen Tierskulpturen am Nordfriedhof, die Mann inspiriert haben mochten.
Vorbild Goethe
"Wollust des Untergangs": der Titel der Ausstellung ist ein Zitat von Mann selbst. Er spielt nicht nur auf die in der Literatur vor dem Ersten Weltkrieg vielfach beschworene Fin-de-siècle-Stimmung an, sondern auch auf die Problematik eines hoch geachteten Künstlers, bei dem die "erkalteten Gefühle" plötzlich ausbrechen. Manns Ausgangsmotiv für die Novelle war das heftige Werben des 72-jährigen Goethe um die 17-jährige Ulrike von Levetzow in Marienbad - ein in der Öffentlichkeit als peinlich empfundenes Hofmachen.
"Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, - was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homoerotisches (...)."
Thomas Mann
Mann überhöht Aschenbachs Liebe zu Tadzio mit Motiven aus der Antike, auch homoerotischen, unter anderem aus Platons "Phaidros". Der Junge verwandelt sich in Eros, Hyakinthos, Narziss, den Dornauszieher. Homosexualität war im Kaiserreich verboten - auch der entsprechende § 175 des Reichsgesetzbuches liegt in einer Vitrine. Schon über Knabenliebe zu schreiben, war am Rande der Legalität. Mann lief Gefahr, seine bürgerliche Existenz aufs Spiel zu setzen. Doch der literarische Kunstgriff mit der griechischen Mythologie funktionierte. Mann wurde nach Erscheinen der Novelle nicht der literarischen Päderastie bezichtigt, sondern für seine Kunst gerühmt. Leidenschaft und Abgründe blieben Phantasmagorien Aschenbachs. Durch dessen Tod bestätigt Mann die bürgerliche Ordnung.

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