Thomas Ruff in München Kunst zwischen Foto und Wirklichkeit
Als ihm sein Lehrer sagte, seine Sonnenuntergänge seien Klischees, weil sie fremde Bilder wiederholten, machte sich Thomas Ruff auf die Suche nach eigenen Motiven. Diese bis heute andauernde Bildersuche fördert immer wieder Erstaunliches zutage. Im Münchner Haus der Kunst kann man sich derzeit einen Eindruck davon verschaffen.
Dieser Lehrer, der dem damals 19-jährigen Ruff das vernichtende Wort "Klischee" an den Kopf geworfen hatte, war kein anderer als Bernd Becher, der bekannte Fotograf nüchterner Wassertürme und Fabrikhallen, bei dem Ruff ab 1977 in Düsseldorf Fotografie studierte. Ein wenig ratlos darüber, was er nun abbilden sollte, begann er, die Wohnungen der Eltern und Verwandten zu fotografieren: hier ein Blick in die Dusche, da ein Bild von der Sitzgruppe im Wohnzimmer, noch ein Foto vom Küchenherd und der Anrichte, die mit Nippes und Familienporträts dekoriert ist. Ruff sagt, es sei ihm damals nicht bewusst gewesen, dass seine "Interieurs" die ersten Selbstporträts waren.
Das Medium gehört ins Bild
Als junger Student glaubte Ruff noch, dass Fotografie das ideale Medium sei, um Wirklichkeit abzubilden. Erst nach und nach ahnte er, dass das von der Kamera abgebildete Foto vielleicht doch nicht so wirklich ist. Er sagt, ihm sei irgendwann aufgefallen, dass die meisten auf ein Porträt deuten und sagen, das sei Person xy, wo es sich doch tatsächlich um das Foto der Person xy handele. Die "Porträts"-Serie, für die er zwischen 1981 und 1985 Freunde und Kommilitonen vor die Kamera bat, verweigert sich genau dieser Haltung. Denn ihn störte nicht nur, dass man Fotos mit der Wirklichkeit verwechselte, sondern auch dass man das Medium darüber gänzlich ignorierte. Daher fertigte er seine Porträts so an, dass man den Herstellungsprozess des Bildes gar nicht übersehen konnte. In den Augen der Porträtierten spiegeln sich die Scheinwerfer und er lässt seine Freunde so neutral wie möglich in die Kamera blicken, dass er damit jede psychologisierende Charakteranalyse schon im Ansatz untergräbt.
Pixel-Spiel statt Körnung
In Zeiten der digitalen Fotografie hat Ruff nun noch ganz andere Möglichkeiten, das Medium im Motiv mitzuthematisieren. In seinen Serien "nudes", die er 1999 begann, und "jpeg", mit der er 2004 anfing, verändert er die Bildpixel – vergrößert, verkleinert oder verschiebt sie. Indem er die Pixel sichtbar mache, sagt Ruff, bekommt das digitale Bild eine Struktur. Seit Bilder kaum noch analog aufgenommen werden, gibt es keine Körnung mehr, aber das Spiel mit der digitalen Form erlaubt es Ruff, das Medium auch hier zu reflektieren. Dieses Spiel betreibt er mit einer Konsequenz, die ihn international bekannt machte. Und dass Ruffs Motivsuche ihn bis heute zu überraschenden Bildfindungen führt, beweist die Ausstellung im Haus der Kunst, die alle Werkgruppen des Fotografen umfassend zeigt.
Ausstellungsinfo
"Thomas Ruff" ist bis zum 20. Mai 2012 im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Weitere Informationen zu Veranstaltungen rund um die Werkschau finden Sie hier:

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