Mona Hatoum in München Kunst ohne Sicherheitsnetz
Die meisten von Mona Hatoums Arbeiten sind Gestalt gewordene Poesie. Wie Gedichte können sie den Betrachter berühren, manchmal zum Lachen bringen, oft zum Nachdenken – und immer zum Staunen. Die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz widmet der britischen Künstlerin jetzt eine große Einzelausstellung.
Wer die schlechte Angewohnheit pflegt, Kunstwerke anzufassen, wird sich das diesmal hoffentlich gut überlegen. Mona Hatoum hat Küchengeräte unter Strom gesetzt und einen Rollstuhl angefertigt, den man nicht an handfreundlichen Griffen schiebt, sondern an scharfen Klingen. Hatoum stellt Dankbarkeit als das ambivalente Gefühl dar, jemanden zu brauchen und ihn genau dafür zu hassen. Sie sagt, sie spiele in diesem Werk auch mit dem Sprichwort, man beiße nicht die Hand, die einen füttert. Und natürlich, wie in all ihren Arbeiten, öffnet sich auch hier ein Raum im Geiste des Betrachters, den er mit seiner eigenen Interpretation füllen kann.
Der Mensch als Gemüse
Das ist das Erstaunliche an Hatoums Werk, und wer nur flüchtig hinsieht, dem entgeht es: dass die Griffe Messer sind, dass der Globus mit den rot leuchtenden Kontinenten ein Käfig ist, dass die Flusen am Boden aus feinem Haar gerollt sind. In beinahe jeder Arbeit steckt ein solcher Überraschungsmoment. Die Besucher sollen hinterfragen, was sie um sich herum sehen, sagt Mona Hatoum. Wenn man an der Oberfläche bleibt, sieht man in der Arbeit "Paravent" einen dreiflügligen Raumteiler aus überdimensionierten Küchenreiben. Doch mit seinen scharfen Metallkanten durchschneidet der Paravent nicht nur aggressiv den Raum. Die Reibeflächen hat Hatoum von Gemüsemaß auf Menschenmaß vergrößert und macht somit aus einem harmlosen Küchengerät ein potenzielles Folterinstrument.
Wo das Heimelige unheimlich wird
Die Küche, die für viele mütterliche Geborgenheit versinnbildlicht, wird bei Mona Hatoum zur Gefahrenzone. In ihrer Installation "Home" setzt sie ein Arrangement aus verschiedenen Küchenutensilien unter Strom und verstärkt das Geräusch der durch die Siebe, Stampfer und Kellen fließenden Elektrizität. Es ist unheimlich, wenn ein Ort, an dem man sich eigentlich sicher fühlen sollte, lebensbedrohlich wird. Häusliche Gewalt schwingt hier mit, aber auch ein Eindruck von Gefangenschaft, von Hausarrest. Das Gefühl von Sicherheit jedenfalls ist eine Illusion.
Humor hilft, wo es zu drastisch wird
Mona Hatoums Kunst ist eine Kunst ohne Sicherheitsnetz. Aber um den Aufprall abzufedern, gibt es ja noch den Humor – und für den hat die 59-Jährige ein sehr feines Gespür. In ihrer Performance "Roadworks" hat sie sich als junge Frau schwarze Doc Martens von hinten um die nackten Knöchel gebunden und zieht sie barfuß langsam hinter sich durch Brixton. Diese Aktion war Hatoums Antwort auf die schweren rassistischen Ausschreitungen, die es Monate zuvor in der Stadt gegeben hatte. Die Polizeipräsenz war erdrückend und weil Doc Martens die Schuhmarke der Polizisten (und der Skinheads) war, fiel Hatoums Wahl auf diese Stiefel. Die Videodokumentation dieser Performance ist durchaus witzig. An der Ecke, an der sich zwei junge Männer über die Künstlerin kaputtlachen, ruft ein dritter Mann "does she know she’s being followed?" – Weiß sie, dass sie verfolgt wird?
Das Leichte nach oben, das Schwere nach unten
Ausstellungsinfo
Die Werkschau "Mona Hatoum" ist bis zum 5. April 2012 in der Sammlung Goetz zu sehen.
Das Museum finden Sie in der Oberföhringer Straße 103 in München. Die Haltestelle "Bürgerpark Oberföhring" der Buslinie 188 befindet sich direkt gegenüber bzw. einige Meter daneben. Weitere Informationen zur Ausstellung erhalten Sie hier:
Ingvild Goetz, die Hatoums Arbeiten schon lange sammelt und einzelne Werke immer wieder in Gruppenausstellungen gezeigt hat, widmet der Künstlerin jetzt eine Einzelschau in ihrem Museum in München – und gibt damit einen Überblick über das Gesamtwerk: von den frühen, noch sehr körperlich-performativen Arbeiten der 70er- und 80er-Jahre bis zu den sehr sinnlich erfahrbaren Installationen wie "Hot Spot" von 2009 oder "Undercurrent" aus dem Jahr 2008. Vielleicht war es ein Hintergedanke, in Analogie zum Unterbewusstsein die Werke im Keller zu zeigen, die in ihrer Intensität das Potenzial haben, den Besuchern besonders an die Substanz zu gehen. Ob Absicht oder nicht – das "Leichte" oben im Hellen, das "Schwere" unten im Dunklen zu präsentieren, verstärkt die Wirkung der Arbeiten und intensiviert das Kunsterlebnis.
Mona Hatoum
1952 wird sie im Libanon geboren, wo ihre palästinensischen Eltern mit britischer Staatsangehörigkeit im Exil leben. Als sie 1975 zum ersten Mal nach London reist, bricht im Libanon der Bürgerkrieg aus und verhindert ihre Heimreise. Ihr in Beirut begonnenes Kunststudium setzt sie in London fort. Sie findet Anschluss an die britische Kunstszene, hat ihren Durchbruch 1994 mit einer Ausstellung im Pariser Centre Pompidou und wird ein Jahr später für den Turner Prize nominiert. Inzwischen gehört sie schon lange zu den international beachtetsten Künstlerinnen der Gegenwart.

Wetter


