Kultur - Kunst

Le Corbusier zum 125. Geburtstag Meister der Wohnmaschine

Er war einer der Pioniere des funktionalen Wohnungsbaus, einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten Architekten. Am 6. Oktober vor 125 Jahren wurde Charles-Édouard Jeanneret-Gris, der sich selbst Le Corbusier nannte, geboren.

Von: Ernst Eisenbichler Stand: 05.10.2012
Corbusier-Haus in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa

In den 1920er-Jahren ließen die tschechischen Schuhmagnaten Jan Antonín und Tomáš Bat'a in Zlín eine Modellstadt für ihre Tausenden von Fabrikangestellten errichten - eine Mustersiedlung kollektiver Akkordarbeit. Für manche wurde damit eine Sozialutopie wahr: der Patron als Wohltäter, der seine Angestellten nicht nur mit Arbeit und Wohnung versorgt, sondern auch noch mit firmeneigenem Krankenhaus, Kindergarten, Sportpark und sogar Kino. Andere sahen in der Bat'a-Stadt einen Alptraum Wirklichkeit werden: die totale Kontrolle durch den Arbeitgeber, wie in Fritz Langs Film "Metropolis".

Le Corbusier in seinem Pariser Büro

Le Corbusier gehörte zur ersten Gruppe - er war voller Begeisterung für diesen Hort der an Ford und Taylor geschulten Rationalisierung. Zlín war für ihn eine "Perle des Funktionalismus". Er sah dort seine Prinzipien umgesetzt: eine ausschließlich auf Zweckmäßigkeit und Effektivität ausgerichtete Architektur ohne überflüssige Schnörkel. Gebäudegestaltung sollte an die reine Funktionalität von Maschinen erinnern. Le Corbusier selbst hatte 1921 den Begriff "Wohnmaschine" geprägt. Etwa zur selben Zeit entstand in Deutschland das Bauhaus, eine ebenfalls dem Funktionalismus verpflichtete Stilrichtung.

"Herr Corbusier mit strenger Miene / erfindet eine Wohnmaschine. / Für alles gibt's 'nen Raster, / und was nicht passt, das hasst er. / Drin wohnen die Kaninchen, / die würden ihn gern lynchen."

Hans Traxler, Cartoonist, Autor, Mitbegründer der Satirezeitschrift 'Titanic'

Autodidaktische Ausbildung

Dabei fing der 1887 in der französischen Schweiz geborene Le Corbusier noch ganz traditionell an: mit Chalets im Heimat- und Jugendstil. Zunächst hatte er eine Lehre als Graveur und Goldschmied absolviert, widmete sich aber ab 1904 - weitgehend autodidaktisch - der Malerei und Architektur.

Zu den ersten Aufträgen gehörten Villen für Millionäre. Zeitweise jobbte er bei führenden Architekturbüros in Wien, Berlin und Paris, wohin er 1917 seinen Wohnsitz verlegte. Dort, im damaligen Weltzentrum der Avantgarde, erlebte er seine Initialzündung für die Moderne. Er beschäftigte sich intensiv mit zeitgenössischer kubistischer und dadaistischer Malerei.

Prinzip Fertigbau

Le Corbusier vor dem Modell einer seiner "Wohnmaschinen"

Um seine radikalen architektonischen Ideen zu verbreiten, gründete er die Zeitschrift "L'Ésprit Nouveau". Demnach hatte Wohnungsbau auf das rasante Bevölkerungswachstum, die Veränderung der Lebensgewohnheiten und die technische Entwicklung zu reagieren. Eisenbeton und Stahl gehörten zu Le Corbusiers Grundinventar. Er entwickelte das "Domino-System", das er sich zusammen mit dem Ingenieur Max du Bois patentieren ließ: Mehrgeschossige Häuser wurden, basierend auf einem Stahlbeton-Skelett, aus vorgestanzten Teilen erstellt - die Geburt des Wohnungsbaus aus Fertigteilen. In Paris gründete Le Corbusier zwei Architekturbüros. Aus dieser Werkstatt gingen auch Designermöbel hervor, die bis heute unter den Bezeichnungen LC1 bis LC7 vertrieben werden.

Sympathie mit dem Faschismus

Von Le Corbusier gestaltete Küche

Le Corbusiers serielle Wohnwaben-Bauweise riefen selbstredend Kritiker auf den Plan. Als "Kisten- und Kasten-Architekt" wurde er verspottet, seine Konstruktionen als Schreckgespenster modernen Bauens verteufelt. Auch sein plattwalzendes Technokratentum fand viele Gegner. Angesichts seiner schönen neuen Wohnwelt zählte historische Bausubstanz nicht mehr. So wollte er in den 1920er-Jahren die gesamte Pariser Altstadt abreißen, um sie durch Hochhäuser und Schnellstraßen zu ersetzen. Sein architektonischer Totalitarismus rückte ihn in geistige Nähe zum Faschismus. Tatsächlich sympathisierte er zeitweise mit Mussolini und Hitler, die stadtplanerisch bekanntlich auch eine Tabula-Rasa-Politik bevorzugten.

"Pfeifenreiniger-Männchen des Maschinenzeitalters"

US-Schriftsteller Tom Wolfe über Le Corbusier

Zurück zur Natur

Le Corbusier (rechts) 1957 in Berlin

In den 1940er-Jahren entwickelte Le Corbusier neben seinem puristischen Rationalismus eine organischere Architektursprache. Er erfand dazu eine Proportionslehre, die er "Modulor" nannte und auf "menschlichen Maßen" sowie dem "Goldenen Schnitt" beruhte. Wohnräume durften demnach maximal 2,26 Meter hoch sein. Dieses Maß ergab sich aus einem 1,83 Meter großen Mann, der die Arme nach oben streckt. Frauen kamen in seinem - architektonischen - Leben eher nicht vor. Sonst reichlich.

1965 erlag Le Corbusier einem Herzanfall beim Baden im Meer. Er hinterließ 305 Bauentwürfe, 78 davon wurden in zwölf Ländern realisiert - unter anderem in der Sowjetunion, in Kolumbien, Brasilien, Indien. Außerdem gibt es von ihm 400 Gemälde, 44 Skulpturen und rund 8.000 Zeichnungen.


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