Possession, 1989
Kendell Geers Von der Kolonialisierung ausgespuckt
Kendell Geers wuchs als weißes Kind während der Apartheid in Südafrika auf. In seinen Arbeiten spiegeln sich Gewalt und Widersprüche sowohl des Regimes als auch der gesamten postkolonialen Welt. Das Haus der Kunst zeigt nun sein Werk.
Wie kann ein einziger Ziegelstein für die gesamten Gräueltaten im Südafrika der Apartheid stehen? Um das zu nachzuvollziehen, muss man die persönliche Geschichte Kendell Geers kennen. Denn sein Werk und sein Lebenslauf sind untrennbar miteinander verbunden. Geers wurde als Kind einer weißen Arbeiterfamilie in das System der Apartheid hineingeboren. Schon als Teenager fragt er sich, auf welche Seite er eigentlich gehört. "Meine Familie lebte seit 300 Jahren in Afrika. Ich aber hatte nichts von dem Kontinent, auf dem ich geboren wurde", erzählt er.
Waschung mit eigenem Blut
Er läuft von zu Hause weg, schließt sich der Widerstandsbewegung gegen das Regime an, verweigert den Militärdienst und muss schließlich fliehen, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Nach einem Jahr in Großbritannien und New York, als Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wird, kehrt er zurück. Für seine erste Arbeit auf afrikanischem Boden "Bloody Hell" (1990) führt er eine rituelle Waschung mit seinem eigenen Blut durch. "Ich habe mich selbst geboren", so Geers. Von nun an ist er ein lebendes Objekt, das in den historischen Kontext eingebettet ist - und sich auf die Suche macht nach Dingen, auf die das ebenfalls zutrifft.
Die Apartheid in einem Stein
Der im Haus der Kunst gezeigte Ziegelstein ist so ein Ding. Auf ihm klebt ein Zeitungstext, der von einer Familie berichtet, die sich mittels eines im Ofen erhitzten Steines wärmen wollte. Der Stein löste einen Schwelbrand aus, der die Frau und ihre Kinder tötete. Der Familienvater kam nicht zu Tode - vielleicht, weil er in irgendeiner Mine arbeiten musste. Mit Namen wird nur der vermutlich weiße Polizeisprecher genannt, die Toten, die offensichtlich in einer Baracke hausten, bleiben anonym. Die ganze Geschichte der Apartheid in einem Stein.
Schlagstöcke und NATO-Draht
Andere im Haus der Kunst gezeigte Arbeiten Geers bestehen aus kunstvoll arrangierten Schlagstöcken, LKW-Reifen mit einem rassistischen Kinderspruch und Fotografien von Schildern aus Johannesburg, die Einbrecher abschrecken sollen. Alles Gegenstände aus dem Apartheids-Alltag Südafrikas. Und dann ist da immer wieder dieser NATO-Draht, der weltweit dazu verwendet wird, Grenzen zu sichern. Ein globales Symbol der Segregation, das nicht nur die Anwesen der reichen Weißen in Südafrika schützen soll, sondern auch hierzulande Flughäfen, Bahnhöfe und Staatsgrenzen. "Er ist überall", so Geers.
Umzug nach Europa
Durch einen Irrgarten aus NATO-Draht, Gitterwänden und verspiegeltem Boden, der die zweite Identitätssuche Geers versinnbildlicht, erreicht man den Raum mit Geers neueren Arbeiten. 2000 zog der Künstler nach Europa um und macht seitdem die postkoloniale Zeit zu seinem Thema. Grüne Glasscherben dominieren hier das Bild. Es sind Scherben seines eigenen Ichs, das im Raum zuvor als zerbrochene Bierflasche mit dem Titel "Self portrait" dargestellt wird. Ein weiteres zentrales Element sind kunstvoll verdrehte und gespiegelte Varianten des Wortes "Fuck". Ein Wort, das laut Geers für seine eigenen, unverfälschten Wurzeln Arbeiterwurzeln steht. Das Wort, geschrieben in der 1941 von Adolf Hitler verbotenen Frakturschrift, findet sich unter anderem auf mehreren afrikanischen Menschen- und Tierschädeln. Geers hat die Schädel in Brüssel auf einem Flohmarkt erstanden. Clive Kellner, der Kurator der Ausstellung, sagt über sie: "Sie wurden von der Kolonialisierung ausgespuckt." Verlorene, unnütze Dinge, die wie der Ziegelstein extrem verdichtet für ein Stück Zeitgeschichte stehen.
"Design hat eine Wirkung"
Dass die von ihm verwendete Frakturschrift unter den Nazis verboten war, sei kein Zufall, sagt Geers: "Das zeigt, dass Design eine Wirkung haben kann." Und letztlich geht es auch bei ihm um Wirkung. Das verdeutlicht auch die Wand ganz am Ende der Ausstellung. Nicht "Fuck", sondern ein hoffnungsvolles "Believe" ist da zu lesen. Denn so wie kleine Gegenstände von der Welt erzählen können, fange auch die Veränderung mit kleinen Dingen an, so der Künstler. Dass der Stein und die Schädel im Museum liegen, ist schon mal ein Anfang.
Ausstellung
Das Haus der Kunst in München zeigt vom 1. Februar bis 12. Mai 2013 die Arbeiten von Kendell Geers. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier:

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