Vilhelm Hammershøi Der Maler der tiefsten Stille
Der dänische Symbolist Hammershøi malte menschenleere Räume und Landschaften, die vor Stille schwirren. Wo andere Maler sich an die Genreregeln hielten, wagte er Neues. Davon kann man sich in der Münchner Hypo-Kunsthalle überzeugen.
Er gilt als der bedeutendste dänische Künstler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, ein Superlativ, der ihn nicht erst posthum berühmt machte. Hammershøis Bedeutung wurde schon zu seinen Lebzeiten erkannt, obwohl er sehr zurückgezogen lebte und nur selten über seine Kunst sprach. Er reiste viel und studierte bei diesen Gelegenheiten die Arbeiten seiner Malerkollegen im europäischen Ausland.
Vor allem war es James Abbott McNeill Whistler, der Hammershøi beeindruckte und beeinflusste wie sonst kein Zweiter. Den in London lebenden US-amerikanischen Maler hatte Hammershøi sogar einmal persönlich aufgesucht, aber nicht angetroffen. Sie sind sich nie begegnet. Whistlers meisterhaftes Porträt seiner Mutter hatte damals durch die anordnungshafte Platzierung im Bild großes Aufsehen erregt und auch Hammershøi zu ganz ähnlichen Kompositionen inspiriert.
Wer's kann, kann auch die Regeln ignorieren
Bilder der Ausstellung
Doch Hammershøi wagte sich weiter als seine Kollegen. Sein Schwager, der Maler Peter Ilsted beispielsweise hat sich bei seinen Genrebildern immer an die "Regeln" gehalten. Motive wie Frauen, die Pilze putzen, lesen oder mit einer Handarbeit am Tisch sitzen, haben beide gemalt. Aber Hammershøi hat seine weiblichen Figuren, meistens seine Frau Ida, so ins Bild gesetzt, dass sie das erzählerische Element verweigern und ihre Handlung im Unklaren lassen - sei es, weil die Frauen dem Betrachter den Rücken zuwenden oder eine große Terrine die Sicht auf ihre Hände verstellt oder er anderweitig eigenartige Leerstellen lässt.
Wenn alle Fragen offen bleiben
Diese Verweigerung kam nicht bei allen Zeitgenossen gut an. Manche machten sich lustig über seine einsam und isoliert wirkenden Frauenfiguren, witzelten, man habe sie wohl aller Möbel beraubt und zum Nachdenken in die Diele gesetzt. Tatsächlich ist das (oft fehlende) Mobiliar in Hammershøis Interieurs einen zweiten Blick wert. Die Zehnzimmerwohnung, die er mit Ida in Kopenhagen bewohnte, liebte er sehr und malte sie aus allen erdenklichen Blickwinkeln. Dabei arbeitete er immer wieder subtile Widersprüche ein: einen Esstisch ohne Stühle etwa oder einen Tisch mit zu langen Beinen, ein Hammerklavier ohne Hinterbeine.
Typisch und auch wieder nicht
Die Ausstellung
"Hammershøi und Europa. Ein dänischer Künstler um 1900" ist bis 16. September 2012 in der Münchner Hypo-Kunsthalle zu sehen. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der offiziellen Webseite.
Die thematisch gegliederte Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle veranschaulicht nicht nur sehr gut, welche Motive Hammershøi die liebsten waren: seine Frau, seine Wohnung, die nordische Landschaft. In der Nebeneinander- und Gegenüberstellung mit den Werken zeitgenössischer Malerkollegen kann man wunderbar nachvollziehen, was Hammershøi von den anderen europäischen Symbolisten unterscheidet, welche Werke ihn inspiriert haben, welche Motive die Künstler seiner Zeit bewegten. Und wer das Glück hat, in dieser Werkschau in einem menschenleeren Raum womöglich vor der menschenleeren Ansicht des Gentofte Sees zu stehen, könnte Hammershøis tiefe Stille schwirren hören.

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