Kultur - Kunst

Museum Brandhorst Die Revolution des Blicks

In seiner Fotoserie "Revolution" läuft der Horizont senkrecht durchs Bild. Keiner stellt das Meer so dar wie der japanische Künstler Hiroshi Sugimoto. Im Münchner Museum Brandhorst ist dieser außergewöhnliche Werkkomplex jetzt zu sehen.

Von: Susanne Lorenz Stand: 24.10.2012

Wer schon als Kind außerkörperliche Erlebnisse träumt, ist möglicherweise prädestiniert, außergewöhnliche Perspektiven einzunehmen. Zumindest trifft das auf den Fotografen Sugimoto zu, der als kleiner Junge im Traum immer wieder über seinem schlafenden Selbst schwebte.

Schwebend wirkt tatsächlich auch sein Blick auf die Meere, die Sugimoto seit 1980 fotografiert. Seine "Seascapes", Seelandschaften, machten den gebürtigen Tokioter nicht nur berühmt, sie bilden nach wie vor die Basis seines Schaffens.

Das Meer bei Nacht nach Sugimoto

Der 64-jährige Sugimoto lebt seit 1972 in den USA, wo er in Los Angeles zunächst sein Kunststudium fortsetzte, bevor es ihn zwei Jahre später nach New York zog. In einem kurzen autobiografischen Text schildert er ein Erlebnis aus dem Frühjahr 1982: Er stand auf einer Klippe im kanadischen Neufundland und sah, wie während die Sonne im Westen unterging, der Vollmond im Osten aufstieg. Er schreibt, er sei sich vorgekommen wie eine Gestalt in einem Bild von Caspar David Friedrich, und gleichzeitig habe es ihn an die Schwebeträume seiner Kindheit erinnert.

Daraufhin entstand zwischen 1986 und 1997 eine Reihe von Nachtaufnahmen, die den Mond über verschiedenen Meeren zeigen. Die Bilder, die Sugimoto 2011 und 2012 vergrößerte und jetzt in München ausstellt, fotografierte er alle 1990. Nacht, Meer, Mond - da erstehen vor dem geistigen Auge womöglich kitschige Motive, doch Sugimotos unterschiedlich lange Belichtungszeiten lassen den Erdtrabanten manchmal wie eine nächtliche Sonne mit Strahlenkranz wirken, manchmal wie einen langen weißen Streifen erscheinen. Zudem hat der Fotograf, der immer noch mit seiner 1974 gekauften Kamera arbeitet, die Bilder um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht. Das verhindert wirklich jegliches Aufkommen romantischer Reminiszenzen und verfremdet das Motiv bis zur Abstraktion. "Revolution" ist daher im ganz eigentlichen Wortsinn zu verstehen: Sugimoto kehrt die Sichtweise auf etwas Bekanntes um. Indem er den Bildträger dreht, dreht er auch an den Sehgewohnheiten des Betrachters.

Dunkelheit statt lichte Rotunde

Die Ausstellung war ursprünglich in Zusammenarbeit mit der Pinakothek der Moderne geplant, die nun aber im nächsten Jahr wegen baulicher Mängel zeitweilig schließen muss. So hätten sich ältere Arbeiten wie unter anderem die "Seascapes" mit Werken aus der Serie "Revolution" in der Rotunde der Pinakothek abwechseln sollen. Jetzt musste sich Brandhorst-Direktor Armin Zweite auf ein der Ausstellung vorangestelltes Seelandschaftsbild, zwei Landschaften und zehn "Revolutionen" beschränken.

Ausstellungsinfo

Hiroshi Sugimotos Werkkomplex "Revolution" ist bis zum 10. Februar 2013 im Münchner Museum Brandhorst zu sehen. Weitere Informationen erhalten Sie auf der Webseite des Museums.

Für die Präsentation der Werke waren Sugimotos Vorgaben maßgeblich: vom Grauton der Wandfarbe über die Spot-Beleuchtung in den abgedunkelten Räumen bis hin zu dem Abstand, in dem die großformatigen Bilder immer paarweise nebeneinander hängen. Dadurch wirkt die Ausstellung dieses großartigen Werkkomplexes aus einem Guss, verlängert die Dunkelheit der Bilder in den Raum hinein und überlässt es dem Betrachter, den eigenen Horizont um 90 Grad zu drehen und den Blick der Gewohnheit zu revolutionieren.


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