Kultur - Kunst

Fly me to the Moon Fantasieräume in den Kunstarkaden

In den Münchner Kunstarkaden gehen fünf junge Künstler und Künstlerinnen und eine Kuratorin der Frage nach, wie viel Theater die Kunst verträgt. Wir haben die Ausstellung gesehen und mit Susanne Kaufmann über ihr Konzept sowie mit drei der teilnehmenden Künstler über ihre Arbeit gesprochen.

Von: Susanne Lorenz Stand: 18.09.2012

BR.de: Frau Kaufmann, Sie nehmen in Ihrem Ausstellungskonzept Bezug auf Michael Frieds Essay "Art and Objecthood" aus dem Jahr 1967 und seiner sehr umstrittenen These, dass zwischen Theater und Kunst Feindschaft, sogar Krieg herrscht. Dabei spricht er vor allem der Minimal Art jeglichen Kunstcharakter ab, weil ihm die Präsenz, das Situative der Minimalisten zu theatral sei. Moderne Kunst müsse solche Theatralität bekämpfen und besiegen. Dieser Essay war schon damals sehr umstritten, kaum jemand stimmte Fried zu. Und trotzdem hatte seine dezidierte Meinung einen solchen Einfluss auf die nachfolgende Künstlergeneration, dass sie dessen Ablehnung jeglicher "Theatralität" übernahm. Wie erklären Sie sich das?

Susanne Kaufmann: Zunächst muss ich sagen, dass es für uns sehr spannend ist, auf eine so große These zu reagieren. Sie ist unser Ausgangspunkt, der uns richtig provoziert. Wir finden in der Ausstellung ganz eigene Wege, diese These zu widerlegen. Das Interessante ist dabei, dass die nachfolgende Generation nach wie vor versucht hat, sich von diesem Anspruch zu lösen und sich als Bildende Kunst von der Gattung des Theaters abzuspalten. Und was wir in unserer Ausstellung sehen können, ist, wie selbstverständlich sich diese theatralen Herangehensweisen und Mechanismen des Theaters in die Kunst einbeziehen lassen, ohne dass es tatsächlich zu einem Kampf kommen muss.

BR.de: Sie haben in den vergangenen Jahren ein neues Interesse an "Theatralität" beobachtet. Welche Künstler sind Ihnen da besonders aufgefallen?

Susanne Kaufmann: Auf der documenta habe ich die Arbeiten von Tino Sehgal sehr bewundert, der seine Protagonisten in eine Blackbox involviert. Der Betrachter kann gar nicht anders als zu reagieren, denn sonst funktioniert die ganze Installation nicht. Dann gibt es im Moment die viel besprochene Ausstellung "12 Rooms" im Museum Folkwang. Es ist zurzeit sehr stark spürbar, dass man sich vermehrt mit dem Betrachter auseinandersetzt und ihn vermehrt einbeziehen möchte in die Werke. Das ist etwas, was viele Arbeiten hier in der Ausstellung auf ganz subtile Art und Weise tun und den Rezipienten dadurch sehr herausfordern.

BR.de: Da Sie gerade Tino Sehgal ansprechen: In dem Internatszimmer von Thomas von Poschinger und Andreas Chwatal "installieren" die Künstler auch zwei Schüler, die von den beiden eingewiesen werden, was Verhalten und Interaktion betrifft. Ist das Konzept für dieses Zimmer in Zusammenarbeit mit Ihnen entstanden?

Susanne Kaufmann: Nein, das Konzept ist allein von den Künstlern geprägt worden. Sie haben sehr eng zusammengearbeitet, nicht nur die beiden. Meine Aufgabe bestand lediglich darin, die Materialien herbeizuschaffen. Den Braunbär zum Beispiel hat uns die Zoologische Staatssammlung geliehen.

BR.de: Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt?

Susanne Kaufmann: Ausgangspunkt für diese Ausstellung sind die Arbeiten von Elisabeth Wieser, die oft sogar Bühne heißen und mich zu dem Thema inspiriert haben. Und es war relativ nahe liegend, auch die Arbeiten von Andreas Chwatal und Thomas von Poschinger dazuzunehmen, zumal die drei Künstler relativ eng verbunden sind, auch was das Studium an der Akademie betrifft. Julie Born Schwartz, eine Künstlerin aus London, war eine willkommene Ergänzung, weil sie ganz spezielle Rezipientenhaltungen abfragt und innerhalb ihrer Arbeiten ganz bestimmte Personen interviewt, ehemalige Autoren, Theaterschauspieler, also Personen aus dem Umfeld des Theaters. Die Arbeiten von Johannes Vogl zeigen eine sehr spielerische Art und Weise, mit diesem Thema umzugehen und passen sehr gut in den Kontext.

BR.de: War die Arbeit von Julie Born Schwartz titelgebend oder ist die Übereinstimmung Zufall?

Susanne Kaufmann: Die Arbeit war tatsächlich titelgebend für die Ausstellung, weil sie sich sehr stark mit dem Gedanken der Oper auseinandersetzt. Bei Julie Born Schwartz ist es meist so, dass sie Charaktere auf der Straße kennenlernt, sich sehr stark für Persönlichkeiten interessiert und sich für Interviews in deren Umfeld begibt, die Wohnung besucht, das dann abfilmt - und in dem Fall ist das ein ehemaliger Schauspieler, der dort zu sehen ist, der von den Erfahrungen am Theater und an der Oper berichtet und auch seinen nostalgischen Hang dazu immer wieder betont. Er ist also in dieser Welt hängen geblieben. "Fly me to the Moon" verkörpert natürlich auch eine romantische Vorstellung, die in einigen Arbeiten hier vorherrscht und sich aus dieser ganzen Inszenierungskultur ergibt.

"Kleiner Mond"

Auch die Arbeit "Kleiner Mond" von Johannes Vogl fügt sich sehr gut ein, die diese Romantik bricht, indem er sagt, "ich kreiere einen kleinen Mond, ich habe das aber auf mechanischem, ganz einfachem Wege zustande gebracht". Ich denke, diese Emotionalisierung, die in den Arbeiten vorherrscht, hat auch den Ausschlag gegeben, diesen Titel zu wählen, "Fly me to the Moon".

BR.de: Zu Johannes Vogls "Kleiner Mond" hat Kolja Reichert einen Katalogtext beigesteuert. Hier spricht er von dem Fahrrad, das seinem eigenen Lichtschein zusieht - und vermenschlicht es dadurch. Tatsächlich ist "the quality of having an inside" ein Punkt, den Fried in seinem Essay als eine der theatralen Eigenschaften angreift. Haben Sie aus diesem Grund diese Arbeit gewählt, denn sie ist ja schon 2006 entstanden?

Susanne Kaufmann: Ja, das war genau der Grund. Mir ging es nicht nur darum, aktuelle Arbeiten entstehen zu lassen. Die Arbeiten von Johannes Vogl funktionieren oft auf recht einfache, spielerische Weise, die Emotion sehr deutlich macht. Auch die Arbeit "Curtain" evoziert ja so ein bestimmtes Gefühl. Jeder kennt den Moment, bevor eine Theateraufführung beginnt, den Moment der größtmöglichen Spannung. Als formales Prinzip, als Vorhang-Prinzip, zieht es sich durch die Ausstellung - durch das Jugendzimmer hindurch, durch die Collagen, die Übermalungen von Thomas von Poschinger und auch durch die Arbeiten von Elisabeth Wieser. Daher war es für mich sehr wichtig, auch solche Werke zu integrieren, die nicht für die Ausstellung entstanden sind. Erstaunlicherweise reagieren sie sehr schön auf die Arbeiten, die dafür entstanden sind.

Ausstellungsinfo

Die Ausstellung "Fly me to the Moon" findet bis zum 27. Oktober 2012 in den Münchner Kunstarkaden in der Sparkassenstraße 3 statt.


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