Kultur - Kunst

Bild gegen Bild Gewalt und Medien – eine Hassliebe

Es gibt Bilder vom Krieg, die den Betrachter zum Voyeur machen. Es gibt Szenen der Gewalt, die Feindbilder festigen. Es ist ein manipulatives Geschäft, ein Job. Und trotzdem: Wer nicht wegsehen will, braucht sie, die Medien. Im Münchner Haus der Kunst haben sich 19 Künstler kritisch mit der Darstellung von Gewalt auseinandergesetzt.

Von: Susanne Lorenz Stand: 08.06.2012
Radenko Milak: Aus der Serie "What Else Did You See? I Couldn't See Everything!", 2011 | Bild: the artist

Manchmal werden Fotografien zu Sinnbildern, die einen Krieg symbolisieren und damit mehr leisten als reine Dokumentation. Der 32-jährige Maler Radenko Milak hat sich zwei Jahre lang an einem solchen Foto abgearbeitet. Der amerikanische Bildjournalist Ron Haviv fing am 2. April 1992 im bosnisch-herzegowinischen Bjeljina eine Situation ein, die einen Soldaten zeigt, der im Begriff ist, einer bäuchlings am Boden liegenden älteren Frau an den Kopf zu treten. 24 Mal hat Milak dieses Foto abgemalt. 24 verschiedene Arbeiten sind entstanden, die auf den ersten Blick gleich aussehen, aber die manchmal mehr, manchmal weniger Details zeigen: die auf den Kopf geschobene Sonnenbrille des Soldaten, die Zigarette, die er in der linken Hand hält. Fast tänzerisch wirkt die Haltung, wie eine Choreografie, die den Eindruck erweckt, der Soldat trete aus reiner Lust zu.

Erste Hilfe oder bestes Foto?

Fotos aus Kriegsgebieten werden meistens dann mit Journalistenpreisen prämiert, wenn sie einen besonders bezwingenden, verstörenden Moment einfangen, einen, der gleichsam als Platzhalter für den ganzen Konflikt dienen kann. Wie im Fall des französischen Bildjournalisten, der 1992 in Sarajevo eine junge Frau fotografierte, die gerade von einer Granate verwundet wurde. Der Fotograf verknipste drei Filme, die Verletzte brauchte Hilfe, aber der Fotograf hielt drauf. Die Frau überlebte und stellte den inzwischen für "ihr" Foto preisgekrönten Franzosen zur Rede. Er habe nicht geholfen, weil er seinen Job machte.

Szene aus Jasmila Žbanics Film "Images from the Corner"

Die Künstlerin Jasmila Žbanic stellt in ihrem Film "Images from the Corner" die Frage nach der Verantwortung von Journalisten. Sie filmt die Stelle, an der die Verwundete lag und hinterlegt in der Tonspur das Auslösergeräusch eines Fotoapparates. Sie sucht nach Zeugen und findet eine Wunde, die noch nicht verheilt ist.

"Damit bei Zuschauern, die aus allen Richtungen mit dramatischen Bildern bombardiert werden, von einem bestimmten Konflikt überhaupt etwas hängenbleibt, müssen Tag für Tag Aufnahmen aus diesem Konflikt gesendet und wiederholt werden."

(Susan Sontag: „Das Leiden anderer betrachten“)

In detektivischer Recherchearbeit ist die österreichische Künstlerin Nin Brudermann solchen Wiederholungen nachgegangen. Als sie 1998 Live-Aufnahmen vom aufsteigenden Rauch bombardierter irakischer Ziele im Fernsehen sah, wurde sie stutzig. Die Medien stellten das Unternehmen Wüstenfuchs als regelrechten Bombenhagel dar, doch Brudermanns akribische Bildanalyse ergab, dass die Bilder vier Tage lang dieselbe Explosion zeigten als seien es verschiedene. Was sich tatsächlich ereignete war beinahe nichts. Entsprechend heißt ihre Arbeit im Haus der Kunst "Warten auf Krieg".

Hingehen, hinsehen, nachdenken

Ausstellungsinfo

Die Ausstellung "Bild-gegen-Bild" ist bis zum 16. September 2012 im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Alle Infos zur Werkschau finden Sie hier

Die Positionen, die das Kuratorenteam in München versammelt, von Hans-Peter Feldmanns Titelblättern vom 12. September 2012 bis hin zu Wilhelm Sasnals Gemälden zum Tod Gaddafis, sind allesamt kluge Auseinandersetzungen mit einem Thema, das jeden angeht. Von den 19 Künstlern und Künstlerinnen hat sich niemand mit bloßer Dokumentation zufriedengegeben. Welches Ausgangsmaterial den Arbeiten auch immer zugrunde liegt, es durchlief einen künstlerischen Prozess - und eröffnet dadurch neue Perspektiven, gibt Denkanstöße und fügt weitere Dimensionen hinzu. Hier kann man nicht wegsehen, hier muss man hinsehen – und nachdenken.


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