Kultur - Kunst

Haus der Kunst Land wird zur Leinwand

Raus aus dem Museum, rein in die Natur: Dass die Kunstströmung "Land Art" mehr zu bieten hat als monumentale Skulpturen in entlegenen Wüsten, beweist die Ausstellung "Ends of the Earth. Land Art bis 1974".

Von: Claudia Sessner Stand: 10.10.2012

Eine riesige, grobkörnige Projektion. Der Look des Films verweist auf die 60er-Jahre. Sie zeigt den Schweizer Künstler Jean Tinguely bei der Arbeit. Gemeinsam mit seiner französischen Partnerin Niki de Saint-Phalle gestaltet er südwestlich von Las Vegas in der Nähe eines Testgeländes für Atomwaffen eine riesige Skulptur aus Nippes, Müll und Schrott, um sie in einer spektakuläre Explosion in die Luft zu jagen. Jean Tinguelys "Study for an End of the World, No. 2" (1962) ist das erste Exponat von "Ends of the Earth. Land Art bis 1974" im Münchner Haus der Kunst, das den Blick des Betrachters auf sich zieht.

Natur als Bühne

Rund 200 Werke von über 100 Künstlern aus der ganzen Welt liefern einen umfassenden Überblick über diese Kunstströmung, die in den 60ern entstand und Mitte der 70er ihre Hochphase hatte. Philipp Kaiser und Miwon Kwon konzipierten die Ausstellung in diesem Jahr  zunächst  für das Museum of Contemporary  Art in Los Angeles und haben sie nun gemeinsam mit Ulrich Wilmes für München angepasst. Sie treten den Beweis an, dass sich Land Art entgegen der gängigen Meinung nicht primär auf die USA beschränkt wie schon das Beispiel von Tinguely und de Saint-Phalle zeigt, sondern zeitgleich an verschiedenen Enden der Erde entstand.

Die Künstler der Strömung waren getrieben von dem Wunsch, den Grenzen des institutionalisierten Kunstbetriebes zu entfliehen und suchten Ausdrucksmöglichkeiten jenseits von Galerie und Museum. Sie machten das Land zu ihrer Leinwand und die Natur  zu ihrem Material.

Monumentalskulpturen sind nicht museumstauglich

Zwei der drei bekanntesten Vertreter der Land Art und ihre Arbeiten fehlen jedoch in der Münchner Schau: Michael Heizers "Double Negative" (1969) und Walter De Marias "Lightning Field" (1977). Ihre Monumentalskulpturen sind nur schwer zugänglich, jedoch vor allem in dem Sinn, dass der geneigte Betrachter eine strapaziöse Anreise bis in den Südwesten der USA auf sich nehmen muss, um sie zu sehen.

So kommt Land Art ins Museum

Ausstellungsinfo

"Ends of the Earth. Land Art bis 1974" gibt bis 20. Januar 2013 einen umfassenden Überblick über die Kunstströmung.

Nun ließe sich vermuten, dass  "Ends of the Earth" die bloße Dokumentation der Land Art zeigt, da die ihr zugrunde liegenden  Arbeiten den musealen Rahmen sprengen. Doch die Ausstellung belegt, dass ein Kunstwerk aus verschiedenen gleichberechtigten Varianten bestehen kann.

Deutlich wird das am Beispiel von Robert Smithsons  "Spiral Jetty" (1970) - der Künstler zählt neben Heizer und De Maria zu den großen Drei der Land Art. Die ortsgebundene Monumentalskulptur ist eine 500 Meter lange Steinspirale am Great Salt Lake in Utah, USA. Daneben gibt es einen gleichnamigen Essay und einen Film. Die beiden letzteren sind in München zu sehen.

Für München nochmals rekonstruiert

Von den 60er- und 70er-Jahren haben nicht alle Kunstwerke die Zeit bis heute überdauert. Einige Arbeiten wurden eigens für die Ausstellung nochmals rekonstruiert, darunter Alice Aycocks "Clay #2 (1971/2012). Die Künstlerin schuf die Arbeit nach einem Besuch im Death Valley in Kalifornien. Damals wie heute wurde ein Holzraster mit nassem Lehm gefüllt. Jeden Tag trocknet der Lehm mehr durch und bekommt Risse und wird so der Landschaft im Death Valley immer ähnlicher. Nochmal neu erschaffen wurde auch Günther Ueckers "Sandmühle" (1969) und "E.Jari" (1966/2012) der japanischen Group "i".

Die ambitionierte Ausstellung "Ends of the Earth" zeigt mit seiner Vielzahl an Exponaten den bisher umfassendsten Überblick über diese Kunstbewegung und setzt sich dabei auch mit anderen Strömungen dieser Zeit auseinander wie Konzeptkunst, Minimal Art, Happening, Performancekunst oder Arte povera, die sich von Land Art nicht immer trennscharf abgrenzen lassen.


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