Kultur

Johan Simons im Gespräch Dämmerung hinter dem Schwarz

Sarah Kane gilt als Skandalautorin: Ihre Texte strotzen vor Gewalt. Ihr letztes Stück wurde nach ihrem Selbstmord posthum aufgeführt. Kammerspiel-Intendant Johan Simons hat genug von der dunklen Kane und will ihre Leichtigkeit zeigen.

Autor: Ulrike Köppen Stand: 20.01.2012
Theaterstück Psychose | Bild: BR/Max Hofstetter

Dreieinhalb Stunden dauern Kanes Stücke "Gesäubert", "Gier" und "Psychose" in der Inszenierung von Johan Simons. Seine Arbeit an den Texten hat er völlig getrennt von biografischen Bezügen zur Autorin. Das fände er unethisch - und ungerecht der Schönheit der Texte gegenüber.

BR.de: Warum haben Sie sich entschieden, die drei Stücke hintereinander zu zeigen?

Johan Simons: Bei "Gesäubert" sieht man noch, dass Kane versucht hat, szenisch zu arbeiten. Da haben die Personen auch noch Namen. Geschrieben hat sie das Stück übrigens in einem Hotelzimmer zur Zeit des Jugoslawien-Kriegs. Sie hat den Fernseher angemacht und all diese Bilder gesehen und unter diesem Eindruck hat sie sich entschieden, Anfang und Ende des Stücks zu streichen. Geblieben ist nur der Höhepunkt. Bei "Gier" geht das noch weiter: Die Rollen sind nur noch mit Buchstaben bezeichnet. Und bei "Psychose" gibt es überhaupt keine Personen mehr. Das bedeutet, dass sie von außen nach innen gegangen ist in ihrer Arbeit, bis es nicht weiterging.

Johan Simons bei einer der letzten Kane-Proben vor der Premiere.

BR.de: Diese drei Stücke passen also für Sie zusammen, weil sie Kanes Weg der Reduktion zeigen.

Johan Simons: Genau. Musikalisch sind sie hingegen sehr unterschiedlich. Kanes Sprache ist sehr musikalisch. Darauf konzentriere ich mich. Andere haben ihre Sprache bebildert: Zum Beispiel hat Peter Zadek Kane inszeniert und richtige Ratten auf die Bühne gesetzt. Es gab Hände, die abgehackt wurden. Das steht zwar in ihrem Stück, sie hat aber die Inszenierung gesehen und hielt sie für völligen Blödsinn. Was sie eigentlich mit diesen Bildern meint, sind Gedanken, die einem in den Sinn kommen können. Dass Gewalt etwas ist, was sich im Kopf abspielt. Und mit den Regieanweisungen meint sie: "Meine Sprache soll genau diese Grausamkeit vermitteln. Sie soll diese Gewalt haben."

BR.de: Was machen Sie also mit Regieanweisungen, wie "Die Ratten tragen Carls Füße weg"?

Johan Simons: Das zeige ich alles nicht. Das meinte sie auch nicht. Meine Inszenierung ist überhaupt nicht naturalistisch. Für mich ist das Stück eher wie eine griechische Tragödie. Es geht um tiefe Gedanken, Gefühle, Ratlosigkeit. Dass man nicht mehr weiß, wo die Wärme ist, wo das Feuer ist. Ein Verlust an Würde. In "Psychose" hat Kane zwei Seiten mit Regeln aufgeschrieben, wie man leben könnte. Simons holt sein Textbuch, liest auf Holländisch vor und übersetzt: "Freundschaft und gut miteinander umgehen, Geschichten erzählen, Gefühle austauschen, Ideen, Geheimnisse, kommunizieren, lachen und Witze machen." Das ist so, wie man als Kind vielleicht gedacht hat, dass das Leben ist.

BR.de: Das heißt, die Brutalität in Kanes Stücken ist für Sie Ausdruck für die Abwesenheit all dieser Dinge.

Johan Simons: Ja, so kann man das sagen. Es ist ein Schrei nach Liebe. Dabei wird Kane oft so schwarz, negativ, schwer. Das verstehe ich gar nicht. Das alles ist Kane natürlich auch. Aber ihre Texte sind auch Poesie, Musikalität, Trost, große Gefühle, Passion. Darum sind ihre Stücke so reich und darum haben sie griechische Proportionen. Sarah Kane ist nicht nur das Schwarze. Sie beendet ihr letztes Stück mit: "Bitte öffnet den Vorhang". Damit sagt sie: Mein Leben ist ein winziges Teil des großen Ganzen. Und das finde ich einen trostreichen Gedanken.

"Wissen Sie, in Holland gibt es einen Himmel, das ist unglaublich: unglaublich großartige Farben, das sieht aus wie im Paradies. Und dann kann ich mich selbst so winzig fühlen. Das ist für mich unglaublich trostreich. Und das ist das, was Kane am Ende ihres letzten Stückes sagt. Natürlich zeigt sie die Leute auch in einer großen Trauer. Aber verfasst hat sie das in einer großartigen Poesie. Damit schafft sie es, zu zeigen, wie reich die Menschen eigentlich sind. Aber sie sind eben nicht fähig, damit umzugehen."

Johan Simons

BR.de: Wo genau ist die Ähnlichkeit zur griechischen Tragödie?

Johan Simons: Kane hat solche allgemein gültigen Sätze geschrieben, wie: "Liebe verlangt von sich selbst aus eine Zukunft". Solche Sätze schlagen bei mir unglaublich ein. Und das kenne ich aus der griechischen Tragödie. Wie bei Aischylos zum Beispiel: "Menschen ohne Angst sind lebensgefährlich". Das sind Dinge, die sich jeder schon einmal gedacht hat, nur so hingeschrieben hat sie eben noch keiner. Diese Sätze versuchen, die ganze Welt zu umfassen. Und das gelingt Kane.

BR.de: Wir haben schon über die Reduktion bei Kane gesprochen. "Gesäubert" ist ja ein reines Textgerippe.

Johan Simons: Dieses "Gesäubert"! Das ist eine Herausforderung, das glaubt man gar nicht. Bei mir spielt es in einer Kinderwelt. Ich habe dazu Darwin gelesen, das war mein Zugriff auf das Stück. Ich lasse es in einer Kinderwelt spielen. Gewalt ist darin etwas, das schon genetisch zum großen Teil vorbestimmt ist. In der Inszenierung kann man miterleben, wie gewalttätig eine Kinderfantasie sein kann.

BR.de: Was ist mit dem Humor bei Kane? Gerade in "Psychose" scheint lakonischer Witz durch.

Johan Simons: Für mich ist schon Humor drin, aber da bin ich gespannt. Das ist eher englischer Humor, der da entsteht. Das ist weit weg vom deutschen Humor. Ich halte die Deutschen eher für ein ernsthaftes Volk. Ich liebe die Leichtigkeit, die in Kanes Stücken steckt. Aber mal sehen, wie das ankommt.