Interview zu "Jasmin" "Diese Menschen sind keine Monster"
Warum bringt eine Mutter ihr Kind um und will selbst nicht mehr leben? Das versucht Regisseur Jan Fehse im Film "Jasmin" zu beantworten. Fehse geht es aber nicht allein um das Erklären. Er will ein Umdenken in der Gesellschaft bewirken, verrät er im Interview.
BR.de: Herr Fehse, wie sind Sie auf das Thema gekommen? Dass eine Mutter ihr Kind umbringt und sich dann selbst das Leben nehmen will, ist kein leichter Stoff.
Jan Fehse: Ich habe ja ein fertiges Drehbuch bekommen. Der Autor, Christian Lyra, hat seinen Zivildienst in Haar in der Psychiatrie gemacht. Darüber wurde sein Interesse für solche Themen geweckt. Als dann der Produzent Felix Parson mit dem Wunsch an ihn herantrat, einen bezahlbaren Film zu machen, ist ihm diese "Verhörsituation" eingefallen.
BR.de: Sie arbeiten nur mit zwei Schauspielerinnen. Wie war das?
Jan Fehse: Mein erster Film war ein Episodenfilm, wo ich mit einem größeren Cast zu tun hatte. Bei "Jasmin" hatte ich den Wunsch, mehr in die Tiefe zu gehen. Ich wollte einfach nur mit zwei Personen arbeiten und schauen, wie tief man in einen Menschen reinkommt und was man in 90 Minuten über ihn erzählen kann. Neben den pragmatischen Aspekten, den finanziellen Beschränkungen, war es sehr spannend, sich mal ganz intensiv mit zwei Charakteren zu beschäftigen.
BR.de: Das hat sich bestimmt auch auf die Dreharbeiten ausgewirkt, oder? Wie sind Sie da vorgegangen?
Jan Fehse: Ich wollte auf keinen Fall inszenieren, wie man einen normalen Film macht, so in Ein- bis Vier-Minuten-Takes. Mir war relativ klar, dass sowas nur einen Sog und eine Kraft entwickelt, wenn man den Schauspielerinnen wirklich die Chance gibt, in die Situation einzutauchen. Man muss sie möglichst lange drin lassen und darf sie nicht dauernd technisch unterbrechen. Da kam mir die Idee, sieben Kameras aufzustellen, also sieben Perspektiven gleichzeitig zu filmen. Außerdem haben wir die beiden recht lange am Stück spielen lassen - teilweise bis zu 50 Minuten.
BR.de: Wie haben Sie sich auf das Thema Depression vorbereitet?
Jan Fehse: Depression ist in den vergangenen Jahren in den Fokus unserer Gesellschaft gerückt. Zu Recht, weil das eine sehr verbreitete Krankheit ist. Wer die Augen aufmacht, findet sehr schnell in seinem eigenen Bekanntenkreis Menschen, die damit zu tun haben. Für mich war aber auch ein zweiter Aspekt wichtig: Ich glaube, in unserer Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich schnell ein Urteil bilden. Sie verkünden das laut, ohne sich die Mühe zu machen, genau hinzuschauen und sich zu fragen: Wie kommt es zu diesem Sachverhalt?
BR.de: Das heißt, sie werben für mehr Einfühlen in andere?
Jan Fehse: Es war mir ganz wichtig zu zeigen: Wer sich zu so einer Tat äußert, sollte genauer hinschauen. Er sollte sich fragen, wie es dazu kommt. Erst dann sollte er seine Stimme erheben. Nicht gleich urteilen nach dem Motto: Eine Mutter, die ein Kind umbringt, muss ein Monster sein. Hängt sie am nächsten Baum auf.
BR.de: Jasmin sagt im Film, jeder könne in diese Situation kommen. Können Sie nach dem Dreh eine solche Tat selbst besser nachvollziehen?
Jan Fehse: Ich glaube, ich hatte auch schon vor dem Film nicht diese innere Überheblichkeit nach dem Motto: Mir kann sowas nicht passieren. Aber ich wollte mit dem Film auch zeigen, was mir wichtig ist. Mir geht es um den Umgang der Menschen miteinander, und nicht um dieses vorschnelle Urteilen.
Der Regisseur Jan Fehse
Der Regisseur und Kameramann Jan Fehse wird 1968 in München geboren. Für "Die letzte Sekunde" erhält er 1997 den Kodak Förderpreis bei den Hofer Filmtagen. Mehrmals ist er für den Deutschen Kamerapreis nominiert. 2008 erhält er den Nachwuchsregiepreis beim Bayerischen Filmpreis für "In jeder Sekunde". Das Drama "Jasmin" ist seine zweite Regiearbeit.
BR.de: Was würden Sie einer jungen, verzweifelten Frau wie Jasmin mitgeben?
Jan Fehse: Jasmin kommt ja irgendwann an den Punkt, wo sie selbst nicht mehr am Steuer ihres Fahrzeuges sitzt. Sie wird gesteuert von einer Krankheit. Sie ist gar nicht mehr Herr ihrer Entscheidungen. Ich würde eher probieren, der Gesellschaft etwas mitzugeben.
BR.de: Und das wäre?
Jan Fehse: Schaut genau hin, wenn in eurem Umfeld solche Tendenzen sichtbar sind, verschließt nicht die Augen. Nehmt euch dieser Menschen an. Sie brauchen Hilfe. Diese Menschen sind keine Monster. Das ist eine langsame Entwicklung, die dann zu einem immer schnelleren Sog wird und wo man irgendwann ohne professionelle Hilfe oder ein gesundes Umfeld nicht mehr rauskommt. Und dann endet es in solchen Taten. Es ist eine Verpflichtung für die Gesellschaft, sowas so weit wie möglich zu verhindern.

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