Pssssst! Bedeutungsvolles Schweigen
Sprachwissenschaftler haben einen Namen dafür: non-verbales Handeln. Darunter fällt der entgegengereckte Mittelfinger genauso wie Kopfschütteln und Achselzucken. Am schwierigsten zu deuten ist allerdings das Schweigen, denn es ist oft beredter als Worte.
Wer am 11. April 2013 in Israel unterwegs ist, vielleicht in Tel Aviv, wird an diesem Tag um 10.00 Uhr erleben, wie mit dem ersten Sirenenton der Straßenverkehr zum Erliegen kommt, die Fahrer aussteigen, die Passanten stehen bleiben, alle in ihren Bewegungen verharren und: schweigen. Einmal im Jahr gedenken die Israelis in zwei Schweigeminuten der Opfer des Holocaust.
Schweigen als symbolischer Akt
"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", heißt es in Ludwig Wittgensteins "Tractatus Logico-Philosophicus". Doch wenn die Menschen einer ganzen Nation eine oder zwei Minuten lang konzertiert verstummen, dann ist das weniger eine Kapitulation vor dem Wort, als vielmehr ein Ausdruck von Respekt. Eine schweigende Menschenmenge beeindruckt, auch wenn die Hälfte davon überlegt, ob der Herd zu Hause auch wirklich ausgeschaltet ist. Schweigeminuten haben politisches Gewicht. Wer schweigt, um an die Toten zu denken, erkennt sie in ihrer menschlichen Existenz an, die ihnen ihre Mörder zuvor aberkannt hatten.
Keine Antwort ist auch eine Antwort
Stille lässt sich allerdings auch anders einsetzen. Wer seinen Gesprächsbeitrag verweigert, eine Frage nicht beantwortet, einen Gruß nicht erwidert, kurz: angesprochen wird und bewusst nicht darauf reagiert, setzt sein Schweigen als Waffe ein. Menschenverachtung muss nicht blutig sein, nichts bringt Geringschätzung schonungsloser auf den Punkt als sich in Stille manifestierende Gleichgültigkeit. "Keine Antwort ist auch eine Antwort", heißt es im Volksmund, nur: welche? Tatsächlich lässt ein ausgesprochenes "nein" weniger Raum für Interpretationen als ein unausgesprochenes, in das sich unter Umständen mildernde Bedingungen hineindeuten lassen. Das Gegenüber könnte aus Unsicherheit schweigen oder eine extremere Aktion provozieren wollen. Doch wenn weder Mimik noch Gestik keine Rückschlüsse auf die Befindlichkeit des Schweigenden zulassen, es sich ansonsten aber um einen sozialkompetenten Menschen handelt, ist keine Antwort letztlich doch nur eins: kein Gespräch.
Verlegenes Schweigen
Wann ein Gespräch interessant ist, liegt im Ohr des Zuhörers. Uninteressante Gespräche, small talk, zu führen, gehört allerdings auch zu den Kommunikationsdisziplinen, die nicht jeder beherrscht. Wenn zwei sich nichts zu sagen haben, werden die Gesprächspausen oft unangenehm. Das Schweigen zwischen den Bemerkungen zum Wetter, zur Verkehrssituation oder Ähnlichem werden länger und gefüllt mit der geräuschvollen Stille der Verlegenheit: Husten, Räuspern, Lachen, Füßescharren. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Heutzutage "retten" sich viele aus solchen Situationen, indem sie simulieren – einen imaginären Anruf auf dem Handy entgegennehmen oder eine nie eingetroffene SMS beantworten. Fragt man sich, wie die Leute solche Probleme früher gelöst haben, ist doch interessant zu sehen, dass heute viele einen Dialog vortäuschen, wo ein anderer Dialog scheitert.

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