Psssst! Die Kunst der Stille
Dass Stille im Film ein besonderes Stilmittel ist und immer seltener in seiner absoluten Form vorkommt, ist Kinogängern längst aufgefallen. In der Bildenden Kunst allerdings ist Stille vom Stilelement zum Statement avanciert.
Wenn ein Maler in seinen Bildern Ruhe darstellen will, kann er wie der Däne Vilhelm Hammershøi menschenleere Interieurs malen oder den Seerosenteich im eigenen Garten wie Claude Monet oder natürlich: Stillleben. Hier steckt die Stille schon im Wort und schimmert auf blanken Äpfeln reich gefüllter Obstschalen, leuchtet in üppigen Blumenbouquets, spiegelt sich in polierten Waffen und erinnert an die Vergänglichkeit allen Seins in Gestalt von Totenkopf, Spiegel und Kerze. "Nature morte" nennen es die Franzosen; an toten, unbeweglichen Gegenständen und Tieren haben Maler seit dem Barock ihre Kunstfertigkeit unter Beweis gestellt und Oberflächen glänzen, Stoffe virtuos Falten werfen und seltene Speisen zum Anbeißen aussehen lassen.
Der Mensch als Skulptur
Eine weniger anheimelnde Atmosphäre schaffen Skulpturen in ihrer schweigsamen Monumentalität. Lebt die Stille in der Malerei vom Motiv, ist sie hier dem Material geschuldet. Am Interessantesten wird Stille allerdings dort, wo sie unabhängig von Motiv und Material als Irritationsmittel eingesetzt wird und der Mensch zur Skulptur wird.
Die Performance-Künstlerin Marina Abramović hat ihr Schweigen perfektioniert. Vor über zwei Jahren beeindruckte sie mit eisernem Durchhaltevermögen im New Yorker Museum of Modern Art. Für ihre bisher längste Performance „The Artist Is Present“ saß sie vom 14. März bis 31. Mai 2010 insgesamt 736 Stunden und 30 Minuten schweigend an einem Tisch. Die Besucher standen stundenlang Schlange, um ihr einige Momente gegenüberzusitzen, um einen stillen Augenblick mit der Künstlerin zu teilen. Viele hielten Abramovićs Blick und Schweigen kaum aus und waren so bewegt, dass sie anfingen zu weinen.
Stille ertragen können
Stille muss man aushalten können, vor allem, wenn sie ein Schweigen ist. Wo Kunst zu solchen Mitteln greift, stößt das Publikum schnell an seine Grenzen. Nicht jeder freut sich über den Erkenntnisgewinn, der mit solchen Grenzerfahrungen einhergehen kann. Aber wer sich darauf einlässt, hat die Chance, bereichert nach Hause zu gehen.

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