Um sie geht es: Pussy Riot, Hauptakteure in einem Schauprozess
Die Anklage lautet auf "Beleidigung der christlich-orthodoxen Kirche". Darauf stehen bis zu sieben Jahre Lagerhaft. Der Staatsanwalt hatte drei Jahre gefordert. Bürgerrechtler sehen in dem Protest einen Einschüchterungsversuch durch Präsident Putin.
Zwei Jahre Haft für "Pussy Riot" "Putin spielt den Beschützer des Glaubens"
Ihr Vergehen: Sie skandierten Politparolen in einer Kirche. Schlimmer: Sie stellten die Aktion ins weltweite Netz. Nahezu weltweit ist auch die Unterstützung, die die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot erfahren. Eine Münchner Netzaktivistin beobachtet den Prozess und das Urteil.
Am Mittag ist das Urteil gefallen: Schuldig. Die Begründung: "Rowdytum und religiöser Hass". Das Straßmaß: zwei Jahre Haft. 2.800 Seiten haben die Ermittler in Aktenordnern gegen Pussy Riot zusammengetragen. Die Gefangenen sitzen in einem Käfig aus Panzerglas, die Richterin hat einen Leibwächter. Ein Prozess gegen Terroristen? Auf der Anklagebank saßen drei junge Frauen, die mit einer eigenartigen Performance in einer Moskauer Kathedrale Demokratie und die Abdankung von Präsident Putin gefordert haben. Zu ihren Unterstützern zählen Madonna, Paul McCartney und Peaches, Bundestagsabgeordnete aller Parteien und Martina Steis, die am Münchner Knoten des weltweiten Unterstützernetzes knüpft.
BR.de: Frau Steis, wie kommt man als Münchnerin dazu, mit Menschen rund um den Globus ein Problem der russischen Politik zu diskutieren?
Martina Steis: Ich bin politisch interessiert, war bisher aber nicht engagiert. Am Anfang war ich mitlesendes Publikum auf einer Facebook-Gruppe zum Thema. Die haben Dokumente aus dem Prozess ins Netz gestellt - auf russisch. Ich kann russisch und wurde gefragt, die Informationen zu übersetzen. Dadurch bin ich dann mit Yaroslav Nikitenko in Kontakt gekommen, der in Russland einer der Unterstützer des Protests ist. Und mit vielen anderen. Ein Kunsthistoriker aus New York, der auch dabei ist, hat das so formuliert: Die Proteste sind für mich wie ein Kleinkind, das man mir übergeben hat. Das muss ich jetzt großziehen.
Martina Steis und ihre Mitstreiter
Digital sorgt die Münchnerin Martina Steis dafür, dass die aktuellen Informationen zu Pussy Riot in möglichst viele Kanäle fließen. Zusammen mit Mitstreitern in vielen Ländern betreibt sie die viersprachige Internetseite freepussyriot.org, die direkt nach der Verhaftung von Pussy Riot online gegangen ist, und kommentiert den Prozess auf Twitter. Für den heutigen Freitag hat Martina um 18.30 eine Demonstration auf dem Münchner Stachus angemeldet.
BR.de: Wie viele Menschen sind denn nach Ihrer Schätzung an den Aktionen beteiligt, und aus welchen Ländern?
Martina Steis: Das ist schwer zu sagen. In meinem Teil des Netzes waren wir zuletzt etwa 3.000, die meisten aus Europa, Australien und Amerika. Viele aus Mexiko. In Argentinien gibt es jemanden, der die Proteste dort quasi im Alleingang initiiert hat. Die meiste Beteiligung kommt aus Russland und aus dem Westen. Obwohl: Wir hatten auch eine Anfrage aus dem arabischen Raum, da wollte jemand wissen, ob Pussy Riot nackt aufgetreten sind.
BR.de: Bei früheren Menschenrechtsverletzungen in den post-sowjetischen Staaten - etwa der dubiosen Ermordung der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja - war die Resonanz geringer. Was ist diesmal anders?
Das umstrittene Video
Martina Steis: Die russischen Behörden dachten ja erst, dass sich für ein paar Punkmädels - anders als für bekannte Bürgerrechtler - im Ausland niemand interessiert. Aber Pussy Riot behandeln Themen, die auch im Westen diskutiert werden - Staatsgewalt, Frauenrechte, Schwulenfeindlichkeit, Umwelt. Vor allem zielt ihr Konzept auf Bilder ab. Es entlarvt die Behörden und hat Kunstanspruch. Die bunten Masken zum Beispiel sollen zeigen, dass es nicht um Personen geht, sondern um die Aussage, sie kommen im Video aber auch gut rüber.
BR.de Auf Youtube sieht man fünf maskierte Frauen, auf der Anklagebank sitzen drei ...
Martina Steis: Das Video ist raffiniert geschnitten. Zum Beispiel ist es erst einem Blogger aufgefallen, dass es in zwei Kirchen gedreht wurde. Es waren aber tatsächlich fünf Frauen beteiligt, die den Behörden auch namentlich bekannt sind. Auf den Hassseiten religiöser Fanatiker wird gefordert, dass alle fünf verhaftet werden, dazu die Kameraleute und am Besten noch alle Journalisten, die darüber berichten. Ich habe mit den Anwälten gesprochen, die hatten auch keine Ahnung, warum ausgerechnet Nadja, Mascha und Katja vor Gericht stehen.
"An dem, was sie getan haben, ist nichts Gutes. Ich denke dennoch nicht, dass sie allzu hart dafür bestraft werden sollten."
Vladimir Putin am 2. August in London
BR.de Was halten Sie davon, dass Präsident Putin öffentlich Milde für Pussy Riot gefordert hat?
Martina Steis: Da habe ich mich ziemlich drüber geärgert. Er hat das ja nicht von sich aus und daheim gesagt, sondern auf öffentlichen Druck in London bei seinem Olympiabesuch. In Russland sieht das anders aus, da spielt Putin den Beschützer des Glaubens. In der U-Haft wurden die Mädels dauernd mit versteckter Kamera gefilmt, und das Staatsfernsehen hat eine 70-minütigen Propagandasendung daraus gemacht.
"Putin ist in jedem Fall fein raus: Wenn die Mädchen ein mildes Urteil bekommen, ist er ihr väterlicher Beschützer, wenn sie eine harte Strafe bekommen, kann er auf die Unabhängigkeit der russischen Justiz verweisen."
Martina Steis
BR.de Einige sehen im Pussy Riot-Prozess dennoch den Anfang vom Ende Putins. Gibt es dafür Anzeichen?
Demos weltweit und bei uns
Martina Steis: Dass der Prozess tatsächlich der letzte Sargnagel für Putin ist, glaube ich nicht. Die russische Gesellschaft ist tief gespalten. Zumindest ist es der Kulminationspunkt eines Prozesses, der sich seit 1999 entwickelt hat. Und die internationale Demaskierung eines autoritären Systems. Die russische Demokratiebewegung und ihre Unterstützer wird Putin so nicht aus der Welt schaffen.

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