Kultur - Gesellschaft

Ausstellung in München Der Architekt - Hochstapler, Diener und Gott

Wären Sie lieber in Mesopotamien oder in Ägypten Baumeister gewesen? Hätten Sie da nur den Stift oder auch die Peitsche geschwungen? Und seit wann darf dem Architekten die Statik schnurz sein? Antworten liefert jetzt die Pinakothek der Moderne.

Von: Michael Kubitza Stand: 27.09.2012
Ausstellung "Der Architekt" | Bild: Pinakothek der Moderne

"Gott sei dank, sagt der Architekt, fällt mir nix mehr ein."

Architektenwitz

Der Kalauer fällt einem ein, wenn man die neue Architekturausstellung in der Pinakothek der Moderne betritt. Es ist die vorerst letzte hier, im Februar muss der zehn Jahre junge Bau dichtmachen: die Rotunde weist Risse auf, das Verhältnis von Architekt Stephan Braunfels und dem Freistaat ebenfalls. Anlass der Schau ist natürlich ein anderer, für Architekturfreunde ähnlich unerfreulich: Winfried Nerdinger, seit 1989 Chef des Architekturmuseums der TU München, verlässt die Einrichtung, um 200 Meter weiter als Gründungsdirektor dem geplanten NS-Dokuzentrum zum Erfolg zu verhelfen.

Was einem noch einfällt: Architekten, auch einfallslose, sind eine Macht. Wer kein Fleisch mag, muss nicht zum Metzger, wer keine Filme mag, geht eben nicht ins Kino. Der Architektur aber entkommt nur, wer in einer Erdhöhle lebt, und selbst die werden neuerdings von holländischen Architekten gestaltet. Mehr Schaden richten - wenn's schiefgeht - nur Atomphysiker und Ärzte an.

"Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und einem Architekten? Der Arzt bringt seine Fehler unter die Erde. Der Architekt rät, Efeu zu pflanzen."

Architektenwitz

Der Architekt: Gottgleicher Lebensraumgestalter und Witzfigur. Und oft nicht zu beneiden. Jeder kennt die Branchenstars - aber wer kennt ihre 525.000 Kollegen, die sich derzeit in Europa um Aufträge bemühen? Die größte Architektendichte des Kontinents weist - hinter dem Ruinentourismusland Italien und noch vor dem Tourismusruinenland Spanien - Deutschland auf. Der Qualität sogenannter Investorenarchitektur sieht man das nicht an, und viele private Häuslebauer sind ohnehin schon zufrieden, wenn das Dach oben ist. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit in der Branche.

Wo Götter in die Knie gehen

Die Ausstellung zeigt: Kaum ein Berufstand war seit seinen Anfängen solchen Prestige-Schwankungen unterworfen. Im alten Ägypten besetzen Architekten - Logistikgenies und Sklaventreiber in einem - höchste Stellen im Staat, einige werden wie Imhotep, Baumeister der Stufenpyramide von Sakkara, zu Göttern erhoben. Ganz anders das Bild in Mesopotamien: Hier übernehmen die Herrscher die Rolle des Baumeisters öffentlichkeitswirksam selbst, die eigentlich Ausführenden sind namenlos verschollen. Im Mittelalter - so stellen es Skulpturen plastisch dar - ächzt der Baumeister wie Atlas unter der Last der Aufgabe, wenn er nicht gleich vor dem Auftraggeber in die Knie geht. Was er heute bisweilen immer noch tut. Wenn er es nicht nicht zur Marke geschafft hat. Oder arbeitslos ist.

"Was sagt ein Architekt ohne Arbeit zu einem Architekten mit Arbeit? Einmal Pommes mit Mayo, bitte!"

Architektenwitz

Louis Kahn im Atelier

Auf engem Raum zieht die Schau drei breite Zeitschneisen: In der Mitte die Bilder und Selbstbilder eines Berufsstandes im Wandel, links seine Mythen und Ideologien, rechts die Technik.

"Der Architekt ist ein Dichter, der in Konstruktionen spricht", verkündet in den Worten Auguste Perrets die rechte Wand. Dome verwandeln sich in Bankentürme, Tonnengewölbe in Plattenbauten, Zeichnungen in Styrodurmodelle und Computersimulationen. Nicht zu vergessen die Ausflüge der Architekten in andere Erzählformen wie den Film. Was wäre Metropolis, wäre James Bond ohne cinemaskopische Filmbauten?

Nicht einstürzenwollende Neubauten

Eine Menge Holz (Stein, Stahlbeton) für eine fünf Jahrtausende durchmessende Ausstellung, die die ganze Pinakothek samt Rotunde hätte bespielen können. Kein Wunder, dass ihr bei Zukunftsfragen etwas die Puste ausgeht: Wie gehen wir um mit dem Nebeneinander bauender Medienstars und Mindestlöhner? Der Gleichzeitigkeit von babylonischen Business-Ghettos in Dubai und London und der in Caracas zu beobachtenden Ghettobildung in einem gescheiterten Hochhausbau, den das Schweizer Büro Urban Think Tank zur Modellstadt umformen will? Einige Antworten gibt der zwei Bände starke Katalog, der in naher Zukunft ein Standardwerk zum Thema sein dürfte.

Die Ausstellung und ihr Hintergrund

"Der Architekt - Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes" ist die Jubiläums- und Abschiedsausstellung für Winfried Nerdinger. Zu sehen im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne vom 27. September 2012 bis zum 3. Februar 2013. Der Katalog mit 45 Aufsätzen und 650 Abbildungen kostet im Museumsshop 76 Euro, im Buchhandel 98 Euro.

Die Anfänge des Architekturmuseums der Technischen Universität München reichen bis ins Jahr 1868 zurück. Unter Friedrich von Thiersch entwickelte sich die Lehrsammlung der polytechnischen Universität in den neuen Räumen in der Gabelsbergerstraße zur repräsentativen Schau. Ab 1977 präsentiert die Sammlung zusammen mit dem Stadtmuseum München jährlich eine große Ausstellung - in Kürze erscheint dazu die dreibändige Rückschau "Architektur ausstellen". Seit die Sammlung in der dritten Pinakothek über eigene Räume verfügt, hat sich die Frequenz deutlich erhöht - auf 42 Ausstellungen in zehn Jahren.


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