Kultur - Gesellschaft


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Interview "Der Motor passte für Quirl und Rasenmäher"

Kein Raum im Haus hat sich über die Zeit mehr verändert als die Küche. Carl-Werner Möller vom Deutschen Küchenmuseum weiß, wie Uroma kochte, was der Eismann ihr brachte und warum um 1912 bisweilen Häuser in die Luft flogen.

Von: Michael Kubitza

Stand: 09.01.2013 | Archiv

Er ist vermutlich der einzige Deutsche, der ein Dutzend Küchen im Haus hat. Mit vollem Namen heißt er Carl-Werner Möller Hof zum Berge. Mit Familientradition und Kulturgeschichte kennt er sich aus, und weil sich in seiner Arbeit als Wirt und Eventgastronom im Lauf der Jahrzehnte immer mehr Gerätschaften bei ihm ansammelten, lag die Entscheidung auf der Hand: 2010 gründete Möller das erste Küchenmuseum Deutschlands.

BR.de: Sie sind Gastronom, Caterer und leiten das Küchenmuseum. Haben Sie privat eigentlich noch Lust zum Kochen?

Möller Hof zum Berge: Ich koche aus Berufung. Wir haben am Morgen Kochkurse mit Schülern, am Nachmittag Backkurse, und wenn ich wie gestern Abend zu Hause bin, wird wieder gekocht. Lammeintopf.

BR.de: Wie sieht denn Ihre Küche daheim aus?

Möller Hof zum Berge: Klein. Kompakt. Auf acht Quadratmetern ist alles untergebracht, man kann sich drehen und wenden und alles erreichen.

BR.de: Hätten Sie gern eine Küche aus Museumszeiten zu Hause?

Der "Küchenchef" in einem Chippendale-Esszimmer

Möller Hof zum Berge:
Da könnte ich mir einiges vorstellen. Eine Tirolerküche zum Beispiel: Das ist eine Zirbelholzstube, klein und urgemütlich. Da hat sich in den Bergen in den letzten 200 Jahren nicht viel verändert. Es gibt einen Ofen - Holz hat man ja draußen, nebenher eine Speisekammer und die Jausenecke, in der gegessen wird, Schulaufgaben gemacht, der Vater liest Zeitung ...

BR.de: Wie haben sich denn die Küchen im Flachland in den letzten 200 Jahren verändert?

Möller Hof zum Berge: Am Anfang gar nicht so viel. Es gab eine Arbeitsküche im Keller, die "gute Küche", in der am Wochenende gekocht wurde. Möbel und Gerät wurden viel länger, oft über Generationen genutzt. Die bahnbrechenden technischen Neuerungen setzten sich nur allmählich durch, oft erst nach dem Krieg, als alles neu aufgebaut werden musste.

BR.de: Welche waren das denn vor allem?

Im Gespräch

Küchengeschichte | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio Küchen um 1900 Wenn der Eismann zweimal klingelt

Carl-Werner Möller Hof zum Berge über die Zeit, als Kühlschränke noch Eisschränke waren. [mehr]

Möller Hof zum Berge: Ganz klar: Der Kühlschrank und der E-Herd. Vor allem der Kühlschrank, der das Lagern, Einkaufen und Kochen völlig veränderte. Und der Herd: Bis 1880 kochten die Leute auf gemauerten Kochsockeln, über die sie ihre Hexenkessel hängten. Dann kamen die ersten "transportablen Herde", das nannte man auch so, weil man seinen gußeisernen Lieblingsherd anders als die gemauerten beim Umzug mitnehmen konnte. Dann kamen E-Herd und Gas. Im Küchenmuseum haben wir noch ein ganz besonderes Teil: die Kochmaschine von 1910. Das war ein Kombiherd mit Kohle- und Gasfeuerung. Der produzierte gern mal eine Gasverpuffung und wurde schnell wieder verboten, als zu viele Häuser in die Luft flogen.

BR.de: Im Wirtschaftswunder kam dann gleich ein ganzer Strauß von Neuerungen dazu - von der Moulinette bis zur Mikrowelle.

Möller Hof zum Berge:
Das ging schon früher los. In den Nachkriegsjahren gab es nichts, also musste man anpacken und kreativ sein. Da kamen dann Dinge in die Welt wie ein beleuchteter Stopfpilz, mit dem die Frauen ihre teuren Nylons auch nach Feierabend reparieren konnten. Den hat übrigens Konrad Adenauer erfunden. Oder der Ass Piccolo, eine Art Multifunktions-Motorblock, der zwölf verschiedene Geräte antrieb - Küchenmaschine, Dremel, Bohnermaschine, Staubsauger, Rasenmäher."

BR.de: Das erinnert ein bisschen an aktuelle Luxusküchenmaschinen ...

Möller Hof zum Berge: Der Zweck ist ein anderer. Heute geht es wie seit Adam und Eva um Statussymbole. BMW reicht aber nicht mehr, den fahren heute Rentner. Mit einem High-Tech-Kühlschrank beeindrucken Sie auch keinen, es muss schon ein Weintemperaturschrank sein. Wenn Sie sich gut beraten lassen, ist es gar nicht schwer, sich eine Küche für 200.000 Euro daheim aufstellen lassen.

BR.de: Dann muss man aber so viel arbeiten, dass man kaum mehr Zeit mehr hat, in der Küche zu stehen.

Möller Hof zum Berge: Genau. Das beste Beispiel war gerade im Fernsehen. Da hat sich eine Familie in Hamburg eine solche Küche einbauen lassen, und hinterher stand die Mutter ganz stolz da und rührte der Tochter mit Instantpulver und Wasser eine Schokolade an. Ein Stück Kuvertüre in heißer Milch aufgelöst wäre besser gewesen."

Das Deutsche Küchenmuseum Hannover

Am 15. April 2010 eröffnete in Hannover gleich hinterm Hauptbahnhof "WOK- Word of Kitchen" - nach eigenen Angaben das einzige Küchenmuseum in Europa. Rund 10.000 Exponate sind in den Schauräumen zu sehen, die sich zu detailgetreuen Nachbauten von Küchen aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen formieren. Gekocht und gegessen wird hier natürlich auch.


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