Kultur - Gesellschaft


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Kassandra Wedel "Auch in meinem Leben gibt es Lärm"

Die Tänzerin Kassandra Wedel ist gehörlos - was nicht heißt, dass sie mit Lärm, Musik und Stille nichts anfangen kann. Hören heißt bei ihr fühlen. Mit dem ganzen Körper. BR.de hat sie in einer Münchner Tanzschule besucht.

Von: Robert Schöffel, Fotos: Max Hofstetter

Stand: 12.09.2012

Noch bevor man das Tanzstudio in der Münchner Innenstadt betritt, bekommt man eine Idee davon, wie es funktioniert. Bereits im Treppenhaus wummert der Bass, tönt der harte Hip-Hop-Beat. Oben angekommen geht der Rhythmus im wahrsten Sinne unter die Haut. In Discolautstärke dröhnen die Boxen, ein Subwoofer steht auf dem Boden, um die Schwingungen auf den Parkettboden zu übertragen.

Keine Barrieren beim Tanzen

Der Saal mit den zwei verspiegelten Wänden ist der Ort, an dem Kassandra Wedel ihre Tanzstunden abhält. Es ist eine ganz normale Tanzschule, doch was die 27-Jährige hier macht, ist etwas Besonderes. Sie unterrichtet eine Tanzgruppe mit dem Namen Nikita, in der fast alle gerhörlos sind. So wie sie selbst. Mit drei Jahren verlor sie bei einem Autounfall ihr Gehör - was sie nicht daran hinderte, das Tanzen zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen. Hürden gibt es für die Theaterwissenschaftsstudentin im normalen Leben einige, nicht so auf dem Parkett. "Beim Tanzen fühle ich mich frei", erklärt sie mithilfe ihres Gebärdensprachendolmetschers Marco González, der auch in der Universität für sie übersetzt.

Kein Grund zum Schreien

Die Verständigung zwischen Kassandra und ihren Schülern läuft natürlich ausschließlich über Gebärdensprache. Was bei laufender Musik auch praktische Vorteil hat. Denn während des Tanzens können sie über den Spiegel mit den Händen kommunizieren. Es gibt keinen Grund, gegen den lauten Beat anzubrüllen. Will jemand auf sich aufmerksam machen, klopft er mit dem Fuß oder der Hand auf den Boden - oder tippt sein Gegenüber einfach auf die Schulter. Irgendwie schön, Kommunikation mit einer Berührung zu beginnen. Je länger man die Tänzer beobachtet, desto mehr vergisst man, dass fast alle von ihnen gehörlos sind. Die Bewegungen ziehen in den Bann, die Schritte sind perfekt einstudiert: Kein bisschen zu spät, kein bisschen zu früh - sie sitzen perfekt im Rhythmus.

Verbindung zweier Kulturen

Immer wieder kommt es vor, dass Kassandra ihre Truppe unterbricht und die Tanzschritte wiederholen lässt. Die ausgebildete Tänzerin ist Perfektionistin. Nun verwundert es auch nicht mehr, dass die 27-Jährige schon einige nationale und internationale Titel geholt hat und sich in Wettbewerben auch mit Hörenden misst. Tanzen als Verbindung zweier verschiedener Hör-Kulturen - und eine Tanzlehrerin, die gerade deshalb ein echter Glücksfall für die teilnehmenden Gehörlosen ist.

Lärm - eine Frage des Gefühls

Auf die Frage, was für sie eigentlich Lärm und Stille bedeuten würden, hat sie eine ebenso einfach wie einleuchtende Antwort parat: Lärm sei gleichzusetzen mit Stress, wenn sie zum Beispiel von mehreren Lippen gleichzeitig ablesen müsse. Oder spüre, dass um sie herum viel los sei. Still sei es hingegen, wenn ihre Augen durch nichts abgelenkt würden. Lärm und Stille muss man also nicht hören können, man kann sie auch einfach fühlen. Genauso wie den Hip-Hop-Beat.

Gebärden: eine energiegeladene Kommunikationsform

Beobachtet man Kassandra bei den Anweisungen, die sie ihren Tanzschülern gibt, wird noch etwas anderes deutlich: Was könnte besser geeignet sein, Körperbewegungen zu vermitteln, als Gebärdensprache? Worte und Tanzbewegungen fließen ineinander, das Gebärden wird in diesem Moment vom reinen Medium zur bunten und emotionalen Kommunikationsmethode, zu einer energiegeladenen Kunstform. Spätestens als sie während des Interviews auch noch einen Smalltalk durch das Schaufenster des Cafés hindurch führt, wird endgültig klar: Manchmal kann nichts hören auch Freiheit bedeuten, manchmal kann nichts hören auch Barrieren niederreißen.


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Urzula Weber, Sonntag, 23.September, 00:13 Uhr

3.

Sehr eindrucksvoll!

Ana, Montag, 17.September, 15:04 Uhr

2.

Ich habe sie bei einem Flashmob kennen gelernt und war total fasziniert von ihr denn anfangs kann man sich einfach eicht vorstellen dass alleine die vibrationen ausreichen für sie ..ich bewundere sie sehr und sehe sie als vorbild für alle menschen nie aufzugeben!

Monika Müller, Donnerstag, 13.September, 23:24 Uhr

1.

Echt super gut!