Are you feeling Well? Mit der Tuba zu sich selbst
Posaune, Trompete, Hackbrett, Nonnentrompete - in einer Großfamilie muss man sich Gehör verschaffen und die 15 Well-Geschwister haben ihr Ausdrucksmedium gefunden: die Musik. Jetzt erzählen sie ihre Familiengeschichte in einem Hausmusikabend.
15 Kinder, viel Musik und ebenso viele Formationen - das ist Bayerns bekannteste Musikerfamilie, die der Volksmusik immer wieder einen neuen Anstrich verpasst hat. Bevor die Farbe abblättern konnte, hat sich die Mundart-Revoluzzer-Combo "Biermösl Blosn" Anfang 2012 unter enormem Medienecho getrennt. Danach haben sich Stofferl und Michael Well ohne ihren Bruder Hans, dafür mit ihren Schwestern, den Wellküren, einen Hausmusikabend ausgedacht, der in den Münchner Kammerspielen gastierte und jetzt im Bayerischen Fernsehen zu sehen ist. Wir haben Bärbi, Moni, Michael und Stofferl bei einer Probe besucht. Ein Gesprächsprotokoll.
BR.de: "Fein sein - beinander bleiben" heißt der Hausmusikabend. Das klingt nach der Biermösl-Trennung doppelt programmatisch.
Michael: "Fein sein, beinander bleiben" ist ein Lied, das wir als Kinder gesungen haben und singen haben müssen. Und es hat immer so einen ranzligen Beigeschmack gehabt.
Moni: Gleichzeitig ist es wahnsinnig schön.
Michael: Da kommen wir aber erst jetzt drauf.
Stofferl: Mit einer bestimmten Distanz ist es schön. Das ist wie beim Elternhaus: Wenn man mit 19 ausziehen will, findet man alles schrecklich. Und später fühlt man sich doch ganz gut daheim.
BR.de: Was hat es denn für einen Vorteil, sozusagen innerfamiliär aufzutreten?
Michael: Dass man sich ...
Moni: ... kennt.
Michael: Dass man, ohne etwas zu sagen, merkt, was der andere denkt und weiß. Das ist vorteilhaft, wenn man miteinander musizieren will.
Moni: Auch die Befindlichkeiten. Die kennt man ganz genau.
BR.de: Kann das auch ein Nachteil sein?
Moni: Es ist ein Vorteil und ein Nachteil gleichzeitig, weil man einfach nicht so frei ist wie mit jemand anderem.
Michael: Dafür haben wir einen Regisseur, den Franz Wittenbrink. Und der kommt auch aus einer Großfamilie, der kennt die Situation.
"Das ist eigentlich der Hauptkonflikt, den man in einer großen Familie hat: Wie definiert sich jeder einzelne selbst."
Stofferl Well
BR.de: Wie ist das denn, wenn man plötzlich inszeniert wird?
Bärbi: Wir denken uns die ganze Zeit: Das hätten wir vielleicht schon früher machen sollen.
Stofferl: Für uns ist das ein Novum. Franz Wittenbrink ist sehr genau. Wenn wir auf der Bühne stehen, haben wir sozusagen den Charme des Unperfekten. Den kann man uns auch nicht ganz austreiben, fürchte ich. Aber er macht einiges anders als wir - und das ist eben der Reiz.
Moni: Gleichzeitig ist er sehr einfühlsam. Der Franz kommt auch aus einer Familie mit 13 Geschwistern.
Stofferl: Er kennt das Problem, das ein Individuum hat, das in einer großen Familie aufwächst und sich selbst finden muss in dem Riesenhaufen. Das ist eigentlich der Hauptkonflikt, den man in einer großen Familie hat: Wie definiert sich jeder einzelne selbst.
"Die Eltern haben wahrscheinlich schon bei der Kindszeugung gesagt: Gut, wir haben zwei Klarinetten, jetzt wäre eine Trompete nicht schlecht."
Stofferl Well
BR.de: Im Programm steht, dass das bei Euch durch die Wahl der Instrumente passiert ist.
Stofferl: Bei mir stimmt das schon. Ich habe mir mit der Trompete einfach am besten Gehör verschaffen können. Und ich habe mich damit unersetzlich gemacht in der Familie. Ich war wichtig als Trompeter.
Michael: Aber ein Großteil der Geschwister hat Instrumente gelernt, die sie sich nicht ausgesucht haben. Einer hat aufgehört und dann hat ein anderer mit dem Instrument angefangen, weil wir es gebraucht haben.
Moni: Die Moni hat Hackbrett gelernt, weil ich nach Berlin gegangen bin …
Michael: … und die Bärbi hat Harfe gelernt, weil die Vroni ausgestiegen ist. Wir haben da eher eine pragmatische Sicht der Dinge.
Stofferl: Die Eltern haben wahrscheinlich schon bei der Kindszeugung gesagt: Gut, wir haben zwei Klarinetten, jetzt wäre eine Trompete nicht schlecht.
"Unser Programm ist semi-authentisch."
Michael Well
BR.de: Wie ist es denn, wenn man statt einem eher politischen Programm seine Familiengeschichte auf die Bühne bringt?
Michael: Es ist semi-authentisch.
BR.de: Das müsst Ihr erklären.
Michael: Da vermischen sich Fantasie und Wahrheit. Dinge, die man selbst erlebt hat, spinnt man im Programm weiter.
Bärbi: Wir verbringen ja gerade irrsinnig viel Zeit miteinander in diesem Verlies hier unten. [Anm. d. Red.: Die Wells haben im Keller der Kammerspiele geprobt.] Da kommen auch wieder alte Sachen hoch.
Moni: Dass man doch mehr in einer Rolle ist, als man denkt.
Michael: Aber nicht, dass sich die Leute jetzt Sorgen um uns machen: Wir sind immer noch unverletzt.
BR.de: Ihr feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Hat sich denn die Volksmusik in der ganzen Zeit verändert?
Michael: Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die Volksmusik total vermufft war.
Stofferl: Wir haben versucht, die Volksmusik zu entmotten. Da haben wir gemerkt, was für eine Kraft und Vitalität in der Musik steckt. Aber was ist schon Volksmusik? Die ändert sich genauso wie die Sprache und die Menschen. Alles ist im Fluss. Und natürlich muss man auch solche Formen wie Hip-Hop integrieren. Und ob das jetzt Volksmusik ist oder nicht, ist mir wurscht.

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