Kultur - Film

Rosa von Praunheim "Mein Charakter ist sehr undiplomatisch"

Männer mit 70 halten nur Monologe, hat Rosa von Praunheim einmal gesagt. Am 25. November feierte der Filmemacher selbst seinen runden Geburtstag - ein Dialog mit dem noch 69-Jährigen.

Von: Veronika Wawatschek Stand: 26.11.2012
Rosa von Praunheim 2011 | Bild: picture-alliance/dpa

BR.de: Herr von Praunheim, mit 65 haben Sie gesagt: "Ich glaube, dass ich noch fünf Jahre geistig klar arbeiten kann. Männer mit 70 halten doch nur Monologe". Wie sieht es nun aus?

Rosa von Praunheim: Naja, wir werden sehen, ob ich am 26. November nur noch Monologe halte oder auch fähig bin, zuzuhören.

BR.de: Immerhin treten Sie bei den Hofer Filmtagen mit 70 Filmen an. Was ist da zu erwarten?

Rosa von Praunheim: Das sind hauptsächlich Dokumentationen, ein paar Spielfilme: Porträts starker Frauen, von schwulen Männern, sensiblen Heteros sowie Transgender und Erotik.

BR.de: Sex spielt also eine wichtige Rolle?

Das Pseudonym

"Rosa von Praunheim" setzt sich zusammen aus dem Frankfurter Stadtteil Praunheim und dem "Rosa Winkel", den Homosexuelle in der Nazizeit tragen mussten.

Rosa von Praunheim: Ne, Sex ist eigentlich viel zu wenig drin. Er gehört ja zum Leben. Bei den Porträts steht das Menschliche im Vordergrund. Von den 70 Filmen sind zwei ausschließlich über Sex: "Mösen Monat März" und ein Interview mit drei Pornostars.

BR.de: Wirklich provozieren kann man heute mit Porno ja nicht mehr ...

Rosa von Praunheim: Das war auch nicht die Absicht.

BR.de: Braucht es Reibung, um gute Filme zu machen?

Rosa von Praunheim: Nicht immer. Es gibt viele Aspekte, die gute Filme ausmachen. Beim kommerziellen Film ist es sicher die Emotionalität, inwieweit man in die Charaktere eintaucht und sie nachvollziehen kann. Das versuche ich auch mit meinen Porträts, dass man Menschen kennenlernt, die außergewöhnlich sind, die eine spannende Biografie haben.

Lebensdaten

  • geboren als Holger Radtke am 25. November 1942 in Riga (Lettland)
  • vom Ehepaar Mischwitzky adoptiert
  • aufgewachsen in Ost-Berlin, dem Rheinland und Frankfurt am Main
  • Studium an der Hochschule für Bildende Künste Berlin
  • seit den 1960er-Jahren als Filmemacher "Rosa von Praunheim"
  • 1969 - 1971: Ehe mit Carla Aulaulu
  • 1971: Aufsehen mit dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt"
  • 1991: öffentliches Outing mehrerer homosexueller Promis im Fernsehen
  • bis 2006: Dozent an Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg
  • Praunheim lebt in Berlin

BR.de: Wie sind Sie auf Ihre Protagonisten gekommen?

Rosa von Praunheim: Das Projekt heißt ja "Rosas Welt". Es sind viele aus meinem Umfeld, die ich schon lange kenne, bewundere, verehre. Und Leute die ich neu kennenlerne, die mich einfach interessieren. Ich würde auch gerne einen Film über Sie machen und Erstaunliches rauskriegen.

BR.de: Vielen Dank, lieber nicht. Sie haben sich mal gewundert, wie man in München überhaupt gute Filme machen kann, wo alle gesund und sportlich sind. Braucht es also doch Konflikte für gute Filme?

Rosa von Praunheim: In München sind ja nicht alle reich. Und es gibt ja auch bei den Reichen Konflikte. Es ist nur eine andere Oberfläche als vielleicht in Berlin oder New York. Dort tritt das offener zutage. Subkulturen sind dort offensichtlicher. Aber man kann sicher genauso in einem bayerischen Dorf Konflikte finden.

BR.de: Ihren eigenen Konflikt mit dem BR haben Sie beigelegt, oder?

Rosa von Praunheim: Es war ja eher so, dass der BR meinen Film in den 70ern nicht ausgestrahlt hat. Aber 2010 hatte ich das Glück, "New York Memories" mit dem BR zusammen zu produzieren. Vorher hatte ich quasi einen jahrzehntelangen Bann auf mir, der nie offiziell ausgesprochen wurde, aber der wohl in den Köpfen von einigen war.

BR.de: Welche Rolle hat da das öffentliche Outing 1991 gespielt?

Rosa von Praunheim und Oliver Sechting

Rosa von Praunheim: Die Fernsehanstalten beschlossen, nicht mehr mit mir zusammenzuarbeiten. Inzwischen sind Biolek und Hape Kerkeling aber froh, dass sie damals von mir geoutet wurden. Sie haben nun ein leichteres Leben. Ich glaube, es hat auch politisch sehr viel verändert. Und das Outing hat den Journalismus verändert. Journalisten haben vorher nur im Zusammenhang mit Problemen über Schwule berichtet.

BR.de: Sind Schwule in der Gesellschaft angekommen?

Rosa von Praunheim: Minderheiten werden nie komplett ankommen. Sie bleiben Minderheiten. Das merkt man in der Schule. Man will zur Gemeinschaft dazugehören. Ob das Hautfarbe oder Sexualität ist - da gehört sehr viel Selbstbewusstsein und sehr viel Schutz von der Gesellschaft dazu. Nicht überall ist die Situation für Homosexuelle so wie bei uns in Mitteleuropa. Mitt Romney hat Schwule als Jugendlicher verprügelt. Wir haben einen Papst mit einer eigentlich schwulenfeindlichen Politik gegen Kondome und so.

"Ich glaube, was als Kind in Einem eingepflanzt wird - ob das der Nationalsozialismus oder die katholische Kirche ist oder eine andere Ideologie - das sind Sachen, die werden ein Leben lang im Unterbewusstsein da sein."

Rosa von Praunheim

BR.de: Sie sind ja selbst katholisch erzogen worden, oder?

Rosa von Praunheim: Ja, ich war in meiner Pubertät gläubig und Messdiener.

BR.de: Die damit verbundenen Schuldgefühle beschreiben Sie in Ihrer Autobiografie. Wie geht es Ihnen heute damit?

Rosa von Praunheim: Ich glaube, das verliert man nie. Das ist ja eine Gehirnwäsche, wenn man sozusagen sexualfeindlich erzogen wurde und einem eingeredet wird, man kommt in die Hölle. Als Erwachsener kann man das vielleicht ablegen. Aber ich glaube, was als Kind in Einem eingepflanzt wird - ob das der Nationalsozialismus oder die katholische Kirche ist oder eine andere Ideologie - das sind Sachen, die werden ein Leben lang im Unterbewusstsein da sein.

BR.de: Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben bereuen?

Rosa von Praunheim: Ach, das ist Quatsch, dass man sagt, etwas tut einem leid. Mein Charakter ist einfach sehr undiplomatisch. Mit einer gewissen Diplomatie hätte ich vielleicht mehr erreicht - auch schwulenpolitisch. Vor zehn Jahren habe ich erfahren, dass ich nicht der Sohn meiner Mutter bin. Vor fünf Jahren habe ich erfahren, dass ich im Zentralgefängnis von Riga während der deutschen Besatzung geboren wurde. Das ist vielleicht eine Ursache, warum ich so ein störrischer, eigenwilliger, provozierender Charakter geworden bin.

BR.de: Und was hat Sie am weitesten gebracht?

Rosa von Praunheim: Meine Fantasie. Das ist nicht jedem gegeben.


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