Michael Haneke Goldene Palme für "Liebe" in Cannes
Weltweit gefeiert wurde Michael Haneke mit der Faschismus-Parabel "Das weiße Band". Seine Filme sind kompromisslos, fordern zum Nachdenken heraus. Nun hat der Österreicher in Cannes für die BR-Koproduktion "Liebe" die Goldene Palme bekommen.
Die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes geht in diesem Jahr an den österreichischen Regisseur Michael Haneke für sein Drama "Liebe". Das gab die Jury am Sonntagabend zum Abschluss des Festivals bekannt.
Haneke nahm bereits zum siebten Mal mit einem Film am Wettbewerb in Cannes teil. "Liebe", ebenso wie sein Erfolgsfilm "Das weiße Band" eine BR-Koproduktion, erzählt von der herzzerreißenden Bewährungsprobe für die Beziehung des Ehepaares Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Emmanuelle Riva) im Angesicht von Alter und Krankheit. Während Haneke in vielen seiner früherer Filmen die seelische Abgründe seiner Protagonisten auslotete, ist "Liebe" geprägt von ungewohnte Zärtlichkeit und Milde.
Haneke wird am 23. März 1942 in München geboren, wächst jedoch in Wien auf. Mit menschlichen Verhaltensmustern beschäftigt er sich bereits früh. In Wien studiert er Psychologie, Philosophie und Theaterwissenschaften, bricht das Studium jedoch vorzeitig ab und geht 1967 als Dramaturg zum Südwestfunk nach Baden-Baden. In den 70er-Jahren beginnt Haneke selbst Fernsehspiele zu inszenieren - wie die Bachmann-Erzählung "Drei Wege zum See" (1976), "Sperrmüll" (1976) oder "Lemminge" (1979).
Vom Fernsehfilm zum Kino
Erst Ende der 80er-Jahre wechselt er zum Film. Bereits sein Kinodebüt "Der siebente Kontinent", in dem eine Familie Selbstmord begeht, wird 1989 auf dem Festival von Locarno ausgezeichnet. Der Film ist der erste Teil einer Trilogie über "die Vergletscherung der Gefühle". 1992 folgt "Benny's Video" über einen Jungen, der ein Mädchen mit einem Bolzenschuss tötet, drei Jahre später "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls".
Stammgast in Cannes
"Benny's Video" bringt dem Filmemacher erstmals eine Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes ein. Seitdem ist er dort regelmäßiger und gern gesehener Gast. Mit seinem schockierendem Drama "Funny Games" schafft er es 1997 schließlich in den Wettbewerb des Festivals. Auch in diesem Film geht es um das Töten und getötet werden. Zwei augenscheinlich wohlerzogene Jugendliche dringen in das Wochenendhaus einer Familie ein, quälen das Ehepaar und ihr Kind mit sadistischen Spielen und töten sie schließlich ohne erkennbaren Grund.
Auch in "Die Klavierspielerin" (2001) geht es um Gewalt, um Sadismus und Masochismus. Seine beiden Hauptdarsteller, Isabelle Huppert und Benoît Magimel, werden in Cannes mit der Silbernen Palme, er selbst mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Nachdem er 2005 für "Caché" mit dem FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik und dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wird, fehlt ihm nur noch der Hauptpreis des Festivals, die Goldene Palme.
Die bekommt Haneke schließlich 2009 für "Das weiße Band". In einem Interview sagt Haneke, es sei ein "Film über die Ursprünge jeder Art von Terrorismus, ob nun politischer oder religiöser Natur." Der Film zeigt, wie die patriarchalisch-autoritären Strukturen einer deutschen Dorfgemeinschaft kurz vor dem ersten Weltkrieg die Seelen der Kinder zerstören und einen Sturm der Gewalt entfesseln. Der Regisseur beobachtet in vielen seiner Filme, wie Menschen mit Angst, Bedrohung und Gewalt umgehen, verweigert dem Zuschauer jedoch am Ende die Auflösung. Als er für seine Faschismus-Parabelmit der Goldenen Palme ausgezeichnet wird, erklärt er diese Arbeitsweise zum Prinzip. Film ist für ihn wie eine Sprungschanze, doch springen muss der Zuschauer selbst.
Mit "Liebe" an der Croisette
Nur drei Jahre später überzeugt Haneke dieses Jahr mit seinem subtilen Meisterwerk "Liebe" erneut die Jury des Festivals und setzt sich gegen 21 andere Wettbewerbsbeiträge durch.
Filmografie (Auswahl)
- "Drei Wege zum See" (1976)
- "Sperrmüll" (1976)
- "Lemminge" (1979)
- "Der siebente Kontinent" (1989)
- "Benny's Video" (1992)
- "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1995)
- "Funny Games" (1997)
- "Code: unbekannt" (2000)
- "Die Klavierspielerin" (2001)
- "Caché" (2005)
- "Funny Games U.S." (2007)
- "Das weiße Band" (2009)
- "Liebe" (2012)

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