"Rosakinder"
Die fünf Regisseure Tom Tykwer, Chris Kraus, Julia von Heinz, Axel Ranisch und Robert Thalheim würdigen in ihrer Hommage Rosa von Praunheim.
Hofer Filmtage 2012 Rosa Zeiten in Hof
An seinen Filmen kommt auf dem oberfränkischen Kultfestival dieses Jahr keiner vorbei. Der Berliner Regisseur Rosa von Praunheim zeigt dort 70 neue Filme. Die BR-Koproduktion "Eastalgia" eröffnete die Hofer Filmtage.
Mehr als 70 Filme hat er bereits gedreht. Ans Aufhören denkt der Berliner Regisseur Rosa von Praunheim noch lange nicht. Im Gegenteil: Im November wird das enfant terrible der deutschen Filmszene 70 und präsentiert zu seinem runden Geburtstag auf einen Schlag 70 neue Filme. Zweieinhalb Jahre hat er an ihnen gearbeitet. Auf den 46. Hofer Filmtagen stellt der Regisseur das Mammutwerk "Rosas Welt" dem Publikum vor.
Von Praunheim kommt seit vielen Jahren immer wieder gerne nach Hof. Für Filmtagechef Heinz Badewitz war klar: "Er wird bei uns im Mittelpunkt stehen" und hat deshalb im Programm 20 Stunden für das Projekt freigeschaufelt. Zwischen zwei und 40 Minuten sind die Filme über spannende Frauen, starke Schwule und sensible Heteros lang. Dazu kommt die Hommage "Rosakinder", ein Gemeinschaftsprojekt der fünf namhaften Regisseure Tom Tykwer, Chris Kraus, Julia von Heinz, Axel Ranisch und Robert Thalheim.
Eröffnungsfilm "Eastalgia"
Am Dienstag eröffnete die BR-Koproduktion "Eastalgia" von Daria Onyshchenko das Festival. Die Studentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film konzentriert sich in ihrem Abschlussfilm auf eine einzige Nacht, in der sie die Lebenswege von vier Menschen in München, Kiew und Belgrad miteinander verwebt.
Zwei BR-Filme spiegeln verschiedene Aspekte der Arbeitswelt wieder, in diesem Jahr eines der Hauptthemen des Festivals. Claus Strigel begibt sich in seinem Dokumentarfilm "FREIgestellt - Die Zukunft der Arbeit in Zeiten des Überflusses" auf eine Zeitreise in die Zukunft und zeigt wie das Ende der Arbeitsgesellschaft aussehen könnte. Nicole Wegmanns Spielfilm "Mobbing" mit Tobias Moretti erzählt von den Folgen von Ausgrenzung am Arbeitsplatz: Als Jo von seiner neuen Vorgesetzen immer wieder schikaniert und schließlich sogar gekündigt wird, leidet darunter auch seine Ehe. Doch so leicht gibt sich das Mobbingopfer nicht geschlagen.
Die Filme des Bayerischen Rundfunks
Eastalgia
Die Lebensgeschichten des Ukrainers Bogdan (Ivan Dobronravov), seiner Mutter Ruslana (Nina Nizheradze), des Serben Vladan (Karld Markovics) und dessen Sohn Zoran (Vuk Kostic) sind eng miteinander verwoben: Während sich die Eltern in Deutschland für die Emigration und ein Leben in der Fremde entschieden haben, glauben ihre Kinder bewusst an eine Zukunft zu Hause.
Drei Stunden
Isabel (Claudia Eisinger) plant für drei Jahre nach Afrika zu gehen. Kurz vor dem endgültigen Abschied wird ihr und Martin (Nicholas Reinke), mit dem sie schon seit Jahren befreundet ist, klar, dass sie mehr als freundschaftliche Gefühle füreinander hegen. Der Zufall will es, dass Isabels Flug um einige Stunden verschoben wird. Ein finales Wettrennen gegen die Zeit beginnt...
FREIgestellt
Die automatisierte, hocheffiziente industrielle Produktion macht immer mehr Arbeitsplätze überflüssig. Vollbeschäftigung wird es nicht mehr geben. Doch anstatt diese Entwicklung und die gewonnene Freiheit zu feiern, macht sich Panik vor zunehmender Arbeitslosigkeit breit. Zeit, sich Gedanken über die Zukunft unserer Arbeitsgesellschaft zu machen.
Love Alien
Dokumentarfilmer Wolfram Huke geht ein Jahr lang mit einer Kamera bewaffnet auf Partnersuche. Da sich die Frauen als kamerascheu erweisen, richtet er die Kamera auf sich und unternimmt Ausflüge in die Welt der Dauersingles und frisch Verliebten. Aus der Ich-Perspektive entsteht eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich und den anderen.
Mobbing
Anja (Susanne Wolff) liebt ihr Leben mit Jo (Tobias Moretti), der im Kulturreferat arbeitet und beliebt ist wegen seiner engagierten und zupackenden Art. Nur die neue Vorgesetzte sieht das anders. Nach einer Intrige seiner Kollegen wird Jo fristlos gekündigt, was er Anja erst verschweigt. Angst, aber auch gegenseitiges Misstrauen machen sich zwischen dem Paar breit.
Puppe
Die 14-jährige Anna (Anke Retzlaff) lebt als Straßenkind in Duisburg. Hilflos erlebt sie mit, wie ihre Freundin umgebracht wird. Nach einem missglückten Selbstmordversuch landet Anna in der Psychiatrie. Ihre einzige Hoffnung: ein Erziehungscamp in den Schweizer Bergen. Hier lernt sie Magenta (Sara Fazilat) kennen, die jedoch ein Geheimnis verbirgt.
Plattform für den Nachwuchs
Auch die 400 Fabrikarbeiter in Stefan Herings "Abseitsfalle" weigern sich, ihren Job kampflos aufzugeben. Einer von ihnen ist Mike. Er verliebt sich ausgerechnet in die Managerin Karin, die ihn und seine Kollegen wegrationalisieren soll. Hering ist einer der jungen Filmemacher, die Badewitz dieses Jahr mit ihren Debütfilmen nach Hof eingeladen hat. Traditionell bieten die Filmtage eine Plattform für den Nachwuchs und der Festivalchef spricht aus 46 Jahren Erfahrung, wenn er sagt: "Es gibt unglaublich viele Talente zu entdecken." Für ihn haben Filmfestivals wie Hof die Aufgabe auf sie hinzuweisen.
Arbeitsmarkt, Sex und Beziehungskrisen
Bis Sonntag laufen in den Hofer Central-Kinos und in den zwei Sälen des Scala Kino Centers 122 Kurz- und Langfilme, allein aus Deutschland kommen 53 Produktionen. In diesem Jahr kristallisieren sich bei den gezeigten Filmen vier Schwerpunkte heraus: "Es geht um Themen wie Familie, Beziehungsprobleme, Arbeitswelt und Sexualität. Es geht also um das Leben schlechthin", fasst Badewitz zusammen.
Um ein bisschen von all dem geht es auch in Pola Schirin Becks Spielfilmdebüt "Am Himmel der Tag", der am Donnerstag mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet wurde: Eine junge Frau steht kurz vor dem Abschluss ihres ungeliebten Architekturstudiums. Als sie nach einem One-Night-Stand ungeplant schwanger wird, glaubt sie endlich den Sinn ihres Lebens gefunden zu haben. Ebenfalls ein Erstlingsfilm ist Carsten Pütz' "Die Tage dazwischen", in dem sich ein Paar mit der Frage quält, ob es zusammenbleiben soll oder nicht. Schließlich müssen sich die beiden das Scheitern ihrer Beziehung eingestehen.
Der Blick von Außen
Auch das deutschsprachige Ausland ist dieses Jahr in Hof wieder stark vertreten. Der Österreicher Peter Kern, der im vergangenen Jahr mit dem Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet wurde, zeigt "Diamantenfieber, kauf dir lieber einen bunten Luftballon" mit dem populären Kabarettisten Josef Hader. Sein Landsmann Nikolaus Geyerhalter hat für seinen Dokumentarfilm "Donauspital - SMZ Ost" eines der größten Krankenhäuser Europas besucht. Kurt Langbein begleitet in seinem Film "Grenzfälle / Crossing Borders" den Schriftsteller Robert Menasse an die Grenzen Österreichs und der EU.
Großes Kino
Zwar liegt der Fokus des Festivals auf deutschsprachigen Produktionen, doch ein paar Premieren international renommierter Filmemacher, lässt sich Badewitz dann doch nicht entgehen: Die Dänin Susanne Bier, die vergangenes Jahr für ihr Drama "In einer besseren Welt" mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet wurde, zeigt die Liebeskomödie "Love is all you need" mit Pierce Brosnan und Trine Dyrholm. Andrew Dominik präsentiert sein in Cannes hochgelobtes Gangsterdrama "Killing them softly" mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Der französische Regisseur Olivier Assayas hat "Après Mai - Something in the Air" im Gepäck und ist damit bereits zum sechsten Mal bei den Filmtagen dabei. Wie viele seiner Regiekollegen kommt er immer wieder gerne nach Hof.
Einer der treuesten Wegbegleiter der Filmtage ist jedoch Rosa von Praunheim. Seine Hof-Premiere hatte er 1972 mit dem Kurzfilm "Was die Rechte nicht sieht". Seit nun mehr 40 Jahren kommt er regelmäßig mit seinen Filmen auf das Festival und hält einen Rekord, den wohl so schnell niemand übertreffen wird: Dieses Jahr laufen die 70 Filme, die "Rosas Welt" umfassen, in 13 Vorführungen.

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