Original französisch: Außer Atem, 1960
Jean-Luc Godards Klassiker der Nouvelle Vague mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle handelt von dem Ganoven Michel, der flieht, nachdem er einen Polizisten erschossen hat. Er taucht bei der amerikanischen Studentin Patricia unter und verliebt sich. Doch die Polizei ist ihm auf den Fersen, und schließlich gerät Patricia zwischen die Fronten.
Hollywood oder Copyshop? Wenn die gute Idee ein anderer hatte
Originaldrehbücher sind in Hollywood zurzeit mal wieder Mangelware. Also bringt man Comics ins Kino, legt Klassiker neu auf oder stürzt sich auf (bereits verfilmte) Bestseller - wie "Verblendung". Der Filmwissenschaftler und Kino-Kino-Kritiker Harald Steinwender erklärt uns am Telefon, warum das so ist.
BR.de: David Finchers "Verblendung" läuft jetzt in den deutschen Kinos, die Neuverfilmung nach Stieg Larssons Romanvorlage, von der es bereits eine schwedische Fassung gibt. Sie haben beide Versionen gesehen: Wie ähnlich sind sich die Filme? Hat Fincher Larsson neu verfilmt oder eher den dänischen Regisseur Oplev?
Harald Steinwender: Fincher hat den Roman verfilmt und kein Remake des schwedischen Films gedreht, das ist relativ eindeutig. Da beide Filme aber auf der gleichen Vorlage basieren und auch darauf ausgelegt sind, die Fans der Vorlage nicht zu enttäuschen, gibt es natürlich viele Überschneidungen. Gerade in der ersten halben Stunde des neuen Films ist mir das auch im Kino aufgefallen. Fincher hat die Handlung zum Beispiel nicht in die USA übertragen, auch sein Film spielt in Schweden und wurde dort gedreht.
Die Unterschiede zwischen der Erstverfilmung und der Neufassung finden sich vor allem in Details und den Wegen, die beide Filme wählen, um den 600-Seiten-Roman auf eine kinokompatible Länge zu komprimieren. Grundlegende Unterschiede bestehen in der visuellen Umsetzung, im filmischen Erzählen. Da ist die Fincher-Fassung eleganter, stimmiger, aufregender gefilmt. Fincher ist ja auch ein Regisseur mit einer sehr ausgeprägten Handschrift, der vor allem düstere Bilder inszeniert. Da entsteht schon ein ästhetischer Mehrwert gegenüber der europäischen Erstverfilmung, die eher einer Fernsehästhetik verpflichtet war. Und diese düsteren Bilder und die elegante Kamera ziehen dann auch die Zuschauer, so ging es mir zumindest, in die eigentlich bekannte Handlung hinein.
Ein zweiter grundlegender Unterschied zwischen den beiden Filmen ist sicherlich auch die Besetzung der Lisbeth Salander. Die neue Schauspielerin Rooney Mara in dem Fincher-Film hat mich mehr überzeugt. Noomi Rapace, die als erste diese Figur verkörpert hat, hat sicherlich keinen schlechten Job gemacht, aber für mich ist Rooney Mara, die wirklich eine ausgezeichnete Perfomance vorlegt, überzeugender in dieser Rolle, glaubwürdiger, intensiver.
BR.de: Es gibt allerdings auch zahlreiche Remakes von Filmen, zu denen es keine literarische Vorlage gibt. Sehen Sie da einen Unterschied? Warum legt Hollywood zum Beispiel mit "Vanilla Sky" den spanischen Film "Öffne die Augen" von Amenábar neu auf oder dreht ein eigenes Remake des japanischen Horrorfilms "Ring" - wobei es da eine Buchvorlage gab - erzählt also dieselbe Geschichte mit "eigenen Leuten"?
Harald Steinwender: Aktuell gibt es sehr viele Remakes, Sequels – also Fortsetzungen, Comicverfilmungen und Superheldenfilme im amerikanischen Kino. Das erweckt manchmal den Eindruck, dass es in Hollywood aktuell schlicht an guten Ideen mangelt. Aber das ist nicht unbedingt eine neue Entwicklung. Schon in der Stummfilmzeit gab es Remakes und Serien. Einer der ersten Filme der Filmgeschichte, "Die Einfahrt eines Zuges" von 1895, wurde innerhalb von einem Jahr von verschiedenen kleinen Firmen neu gedreht, jeweils in anderen Bahnhöfen. Das hat sich bis heute nicht geändert und das ist auch nicht spezifisch für Hollywood.
Die Variation einer bekannten Geschichte zählt zu den wichtigsten Elementen des Genrekinos, das ja gerade von dem Spiel mit den Erwartungen lebt und davon, dass das Publikum eine gewisse Sicherheit genießt, wenn ihm die gleiche Geschichte immer wieder neu erzählt wird. Und gerade in den kleinen Abweichungen finden sich die Überraschungen für die Zuschauer - das, was uns dann auch unterhält, wenn wir dieselbe Geschichte noch einmal sehen. Das Remake von "Ring" etwa spielt durchaus mit der japanischen Vorgabe und transformiert die Handlung nicht einfach nur nach Amerika. In diesem Film gibt es viele Neuerungen, die für westliche Zuschauer neue Aspekte in die Handlung hineinbringen, aber für uns eher unbekannte kulturelle Konzepte aus dem Original ausblenden. Da findet also eine Art Kulturtransfer statt, der durchaus auch belebend sein kann.
BR.de: Liebesfilme und romantische Komödien eignen sich neben Thrillern wahrscheinlich auch gerade deshalb bestens als Vorlagen, weil sie eben diesen Kulturtransfer so mühelos zulassen. Aber manchmal wirkt es so, als wollte Hollywood uns sagen: "Wir können das auch, und auch noch viel besser". Glauben Sie, das spielt eine Rolle?
Harald Steinwender: Ich denke, das spielt kaum eine Rolle. Es ist eher problematisch für Hollywood, wenn der Eindruck von Überheblichkeit entsteht, gerade bei einem Remake. Und Hollywood wird ja auch oft als Agent eines vermeintlichen amerikanischen Kulturimperialismus verdächtigt. Sicherlich ist Hollywood eine dominante Filmsupermacht, denn die Amerikaner haben ganz andere Ressourcen für ihre Filme zur Verfügung. Die Neufassung von "Verblendung" zum Beispiel wurde mit einem zehnmal höheren Budget produziert als die schwedischen Filme, und das merkt man den Filmen natürlich auch an.
Apropos Italo-Western
Harald Steinwenders Buch "Sergio Leone. Es war einmal in Europa" ist 2009 bei Bertz+Fischer erschienen.
Manchmal, das muss man neidlos anerkennen, kann es Hollywood tatsächlich besser. Allerdings hilft alles Geld der Welt nichts, wenn die Kreativität fehlt. Außerdem gab es einmal eine Zeit, in der die Europäer, zum Beispiel mit ihren Italo-Western, die besseren Erfolgswestern als die Amerikaner gedreht haben und das mit wesentlich weniger Geld.
BR.de: Hierzulande kommen ausländische Filme oft in drei Versionen ins Kino: im Original, im Original mit Untertiteln und synchronisiert. Wie ist das in den USA mit den europäischen Filmen?
Harald Steinwender: Was die Verbreitung von ausländischen Filmen in Originalfassung oder im Original mit Untertiteln angeht, unterscheidet sich die Situation in den USA eigentlich kaum von der in Deutschland. Filme im Original können die Zuschauer am ehesten in Großstädten sehen, aber auch das ist dort eher eine Ausnahme. Allerdings haben die Amerikaner im Gegensatz zu den Deutschen eine ausgeprägte Aversion gegenüber Synchronfassungen. Bei uns werden ja knapp 99 Prozent der ausländischen Filme synchronisiert – und dabei gehen dann oft auch kulturelle Feinheiten in Bezug auf die Sprache verloren. Ein Vorteil davon aber ist für die Filmemacher, dass sprachliche Grenzen dadurch eher überwunden werden können und ausländische Filme zumindest potenziell ein größeres Publikum in Deutschland finden können. Und da Filme mit Untertiteln in den USA eigentlich nie ein großes Publikum finden, werden dort natürlich auch öfter Remakes gedreht. Manche europäische Filmproduzenten, etwa Luc Besson in Frankreich, drehen dann ihre auf den internationalen Markt ausgelegten Filme entsprechend gleich in Englisch.
BR.de: Sie sagten es schon - es ist keine ausschließlich US-amerikanische Angelegenheit, Erfolgskonzepte zu übernehmen. Im vergangenen Jahr haben die Italiener mit "Willkommen im Süden" eine Kopie von Dany Boons "Willkommen bei den Sch'tis" angefertigt. Kann man sich das Geld auch zu leicht verdienen?
Harald Steinwender: Naja, die Idee, eine Neufassung der "Sch'tis" in Italien zu drehen, war ja durchaus naheliegend, weil sich die Italiener seit Gründung ihres Staates an dem komplizierten Verhältnis zwischen dem Norden und dem Süden abarbeiten. Ob das dann an den Kinokassen funktioniert, liegt gerade bei einer Komödie daran, dass die kulturellen Stereotype, mit denen gespielt wird, richtig getroffen werden. Das ist unter Umständen überhaupt kein einfaches Unterfangen, mitunter wäre es vielleicht sogar einfacher gewesen, eine eigenständige Geschichte zu erfinden und die dann zu erzählen.
BR.de: Gibt es ein Remake, von dem Sie sagen, dass es Ihnen sogar besser gefällt als das Original?
Harald Steinwender: Da ist "Verblendung" tatsächlich ein Beispiel. Da hat mir Finchers Film besser gefallen als das Original. Aber da gingen die Meinungen in der Kino-Kino-Redaktion auch schon sehr auseinander. Letztlich hängt das immer davon ab, wie man zu dem Original steht, inwieweit man sich davon lösen kann, wie der Film zuvor umgesetzt wurde und man ausblenden kann, dass die Handlung schon vertraut ist.

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