Kultur - Film


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Vom Manga zum Anime Animation aus Fernost

"Billig-Zeichentrick" und "Kinderkram" - mit diesen Vorurteilen begegnet man japanischen Zeichentrickfilmen zuweilen auch heute noch. Doch auch unter den Animes gibt es Meisterwerke, die sich hinter denen eines Walt Disney nicht zu verstecken brauchen.

Stand: 03.08.2011
Szene aus "Chihiros Reise ins Zauberland" | Bild: picture-alliance/dpa

Erste Zeichentrickfilme gibt es in Japan schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Der erste Trickfilm in Spielfilmlänge ist ein Propagandafilm der japanischen Marine aus dem Jahr 1945. In dem Film tritt Momotaro auf, der "Pfirsichjunge", eine in Japan allseits bekannte und beliebte Sagengestalt. Er bringt seiner Truppe von Tieren das Sprechen bei und greift mit ihnen einen britischen Stützpunkt an. Für Osamu Tezuka ist dieser Film eine der wesentlichen Inspirationen, sich selbst als Manga-Zeichner und später auch Trickfilmer zu versuchen. Auch die Walt-Disney-Filme, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Japan kommen, beeinflussen sein Schaffen.

Momotaro

Der Sage nach schlüpft Momotaro aus einem riesigen Pfirsich, den ein altes, kinderloses Ehepaar im Fluss findet. Das Paar nimmt ihn als seinen Sohn an. Jahre später zieht Momotaro los, um gegen Dämonen zu kämpfen. Mit seinen Freunden - einem Hund, einem Affen und einem Fasan - besiegt er den Anführer der Dämonen und kehrt danach nach Hause zurück.

In den 1960er-Jahren wird er durch seine Serie "Astro Boy", die erste Anime-Fernsehserie, so maßgeblich für die Entwicklung von Manga- und Anime-Industrie Japans, dass er heute noch als "Gott des Manga" bezeichnet wird. Seine zweite Serie, "Kimba, der weiße Löwe", schafft es 1977 auch ins ZDF.

Manga und Anime

Die Geschichte des Anime - des japanischen Zeichentrickfilms - ist eng verknüpft mit der des Manga, wie japanische Comics genannt werden. Viele Animes basieren auf Mangas, die als Zeichentrickfilme für Fernsehen oder Kino umgesetzt werden. Andererseits gibt es auch Mangas, die auf Grundlage von Animes gezeichnet werden. In Japan sind Animes und Mangas beinahe untrennbar miteinander verbunden - wer Fan des Einen ist, ist auch meist Fan des Anderen.

Kinderkram? Von wegen!

Neben "Kimba" sind in den 70er-Jahren Animes auch mit zahlreichen anderen Serien im deutschen Fernsehen vertreten: "Heidi", "Wickie und die starken Männer", "Die Biene Maja" und andere Serien sind die Ausläufer des Anime-Booms in Japan, die auch das Ausland erreichen. In Japan wird der Markt mit Zeichentrickfilmen und -serien jeglicher Art überschwemmt. Dazu bildet sich eine riesige Merchandising-Industrie, die die Animes vermarktet. Qualitativ sind diese Animes nicht immer hochwertig, so dass ihnen im Ausland - auch in Deutschland - lange das Image von "Billig-Trickfilmen für Kinder" anhaftet.

"Trickfilm" wird außerhalb Japans nur zu oft mit "Kinderfilm" gleichgesetzt. Dass viele Animes für Kinder ganz und gar nicht geeignet sind, begreift man außerhalb Japans erst später. Bestes Beispiel: Der Anime "Die letzten Glühwürmchen" bekommt von der FSK 1988 eine Altersfreigabe ab sechs Jahren. Das Lexikon des Internationalen Films dagegen hält ihn erst für Zuschauer ab 16 Jahren für geeignet.

Wichtige Anime-Regisseure

Tezuka

Osamu Tezuka | Bild: picture-alliance/dpa

In Japan ist Osamu Tezuka auch als "Gott des Manga" bekannt, so maßgeblich beeinflusste er die Entwickung von Manga und Anime. Seine Serie "Astro Boy", die auf seinen Mangas basierte, war 1963 die erste Anime-TV-Serie mit fortgesetzter Handlung. 1965 folgte "Kimba, der weiße Löwe", die erste vollständig farbige Anime-Serie. Außerdem schuf er mit "Choppy und die Prinzessin" die erste Anime-Serie, die sich ausdrücklich an Mädchen richtet.

Osamu Tezuka starb 1989 im Alter von 60 Jahren an Krebs. Seit Juni 1997 verleiht die japanische Zeitun Asahi Shimbun jährlich den Osamu-Tezuka-Kulturpreis an herausragende Manga-Arbeiten.

Takahata

Isao Takahata | Bild: picture-alliance/dpa

Isao Takahata, der "Altmeister des japanischen Trickfilms" bescherte uns Serien wie "Heidi", "Niklaas, ein Junge aus Flandern" oder "Marco". Er arbeitete in den 1970er-Jahren an beinahe allen Serien des "World Masterpiece Theaters" mit - eine Reihe von Anime-Serien, die alle auf Romanen basieren. Außerdem unterstützte er seinen Freund Hayao Miyazaki bei dessen Werken. Nach dem Erfolg des Animes "Nausicaä" gründeten die beiden zusammen das Studio Ghibli, das heute weltberühmt ist. Für Ghibli schuf Takahata 1988 auch den Film "Die letzten Glühwürmchen", der als einer der erschütterndsten Zeichentrickfilme überhaupt gilt. Er handelt von zwei Kindern, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs alleine in einem alten Bunker leben und schließlich verhungern.

2009 wurde Isao Takahata auf dem Internationalen Filmfestival von Locarno mit dem Ehrenleoparden für sein lebenswerk ausgezeichnet.

Miyazaki

Hayao Miyazaki | Bild: picture-alliance/dpa

Hayao Miyazaki ist einer der wichtigsten Vertreter des japanischen Animationsfilms und daneben auch der international bekannteste. Zu seinen Werken zählen "Nausicaä aus dem Tal der Winde", "Prinzessin Mononoke", "Chihiros Reise ins Zauberland", "Das wandelnde Schloss" oder "Ponyo - Das große Abenteuer am Meer". Zusammen mit Isao Takahata gründete er das weltweit bekannte Studio Ghibli. In seinen Filmen beschäftigt Miyazaki sich immer wieder mit der Konfrontation von traditioneller Kultur auf der einen und technisierter Moderne und Naturzerstörung auf der anderen Seite.

Miyazakis "Prinzessin Mononoke" war 1997 der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten. Der Erfolg wurde noch übertroffen von "Chihiros Reise ins Zauberland". Für diesen Film erhielt Miyazaki 2002 den Goldenen Bären und 2003 den Oscar als bester Animationsfilm.

Kon

Satoshi Kon | Bild: picture-alliance/dpa

Satoshi Kon zählte zu den wichtigsten Animationsfilmkünstlern Japans. Er veröffentlichte vier eigene Filme und eine 13-teilige Serie. Ein wiederkehrendes Thema bei Kon ist die langsame Verschmelzung von Realität und Traumwelt, wie zum Beispiel in "Perfect Blue" oder noch ausgeprägter in "Paprika". Ganz anders dagegen "Tokyo Godfathers", der an John Fords Western "Spuren im Sand" angelehnt ist. Kon versetzte die Handlung ins Toyko der Gegenwart, die Hauptfiguren sind drei Obdachlose, die am Heiligabend ein Baby im Müll finden.

Kons "Paprika" war 2006 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert. Beim Filmfestival in Montréal gewann der Film im selben Jahr den Publikumspreis. Satoshi Kon starb 2010 im Alter von 47 Jahren an Krebs.

Matsumoto

Leiji Matsumoto | Bild: Cinetext

Leiji Matsumotos Spezialität sind die sogenannten "Space Operas" - Science-Fiction-Abenteuer mit einer guten Portion Romantik, fremden Welten und Raumschiffkämpfen. Viele von Matsumotos Geschichten, wie zum Beispiel "Galaxy Express 999" oder die Abenteuer des Raumpiraten Captain Harlock, spielen in einer eigenen, von ihm selbst geschaffenen Welt. 2003 setzte Matsumoto in "Interstella 5555" die Musik der französischen House-Formation Daft Punk als Anime um: einen gut 60-minütigen Film ohne jegliche Dialoge. Die Geschichte wird allein durch Bilder und die Musik erzählt.

Oshii

Mamoru Oshii | Bild: Cinetext

"Ghost in the Shell" und "Ghost in the Shell 2. Innocence" sind die beiden Animes, mit denen Mamoru Oshii international bekannt wurde. Mit "Ghost in the Shell 2" war er 2004 sogar bei den Filmfestspielen in Cannes vertreten. Oshiis Werke sind meist eher nachdenklich und auch teilweise sehr zynisch. Seine Figuren sind realistischer gezeichnet, als in den meisten Animes. Besonderes Markenzeichen: ein Beagle, der in allen seinen Animes auftaucht. Neben gezeichneten stammen auch Realfilme aus seiner Feder, zum Beispiel "Avalon - Spiel um dein Leben".

Der Anime wird salonfähig

Den großen Durchbruch im Westen erlebt der Anime Mitte der 1990er-Jahre: Die Serien "Sailor Moon" und "Dragonball", die besonders auf ein weibliches bzw. männliches Publikum ausgerichtet sind, bringen den Anime-Boom auch nach Europa und Amerika. Einige Jahre später tut "Pokemon" sein Übriges. In den Regalen der Buchhandlungen findet man immer mehr auf Deutsch übersetzte Mangas, parallel dazu werden auch auf Video und später auf DVDs immer mehr Animes verkauft - Serien genauso wie Filme.

Dass Animes mehr sind als nur "Kinderkram" zeigt Hayao Miyazaki. 1997 kommt "Prinzessin Mononoke" in die Kinos, ein Film mit einer komplexen Geschichte. Miyazaki thematisiert hier die Frage, ob es eine echte Koexistenz von Mensch und Natur geben kann. In die Riege der international hochangesehenen Zeichentrickfilmer steigt er einige Jahre später auf, als sein Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" bei der Berlinale 2002 den Goldenen Bären erhält und 2003 mit dem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet wird. Mit "Chihiros" Erfolg ist der Anime endgültig im Westen angekommen.


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