Andauernd Kristallschädeln hinterherjagen, von Dächern stürzen, aus flammenden Infernos fliehen - kann das gesund sein? Offensichtlich: ja. In "Das Kartell" (1994) entflieht Herr Ford seinem brennenden Chevy, zwölf Jahre später ...
Alternde Actionhelden Cowboys und Aliens
Sie sind alt und sie brauchen die Keile: Geburtstagskind Harrison Ford (70) ist nicht der einzige Actionsenior, der nicht loslassen kann. Auch die Herren Stallone (66), Schwarzenegger (65) und Willis (57) kloppen sich, was das Zeug hält. Ist das gesund für sie? Und: Was sagt das über uns?
Der Vorfall kostete ihn 7.800 Euro Strafe und einige hämische Schlagzeilen: Vor fünf Jahren griffen sich australische Zöllner Sylvester Stallones Gepäck und brachten diverse verbotene Muskelpräparate zum Vorschein. Der Star drohte ihnen nicht etwa Schläge an, sondern reagierte wie die Senioren auf den Anzeigen der Apothekenumschau: Er war um Aufklärung bemüht.
"Testosteron ist für das Wohlgefühl wichtig, wenn man älter wird. Jeder über 40 wäre gut beraten, es auszuprobieren, weil es die Lebensqualität verbessert. Denken Sie an meine Worte: In zehn Jahren wird es über den Ladentisch gehandelt."
Sylvester Stallone im Time-Magazine.
Testosteron, Botox und die kalifornische Schönheits- und Fitnessindustrie erklären, warum Stars wie Stallone trotz zunehmender Klinikaufenthalte immer noch so ausschauen wie im vergangenen Jahrtausend. Sie erklären nicht, warum Hollywoods Action-Abteilung die alten Herren seit einiger Zeit gleich rudelweise auf die Leinwand bringt. In "The Expendables" - Regie: Stallone - begeben sich außer dem Regisseur auch die Kollegen Schwarzenegger, Rourke und Lundgren ins Kampfgetümmel, in "R.E.D" Bruce Willis, Morgan Freeman und John Malkovich. Beide Streifen gehen in die zweite Runde.
Ein neuer Trend? Der Anfang eines Generationenumbruchs? Oder doch nur das zufällige Zusammentreffen älterer Herren auf einer Kinoleinwand? Fragen wir Harald Steinwender, Filmwissenschaftler und Kino-Kino-Kritiker.
BR.de: Warum hetzt Hollywood die Alten ins Action-Fegefeuer? Haben die keine Jungen mehr?
Harald Steinwender: Jung und alt - das läuft inzwischen parallel. Die Initialzündung für diese Art Film war wohl das Jahr 2008, als Clint Eastwood kurz hintereinander zwei Filme gedreht hat: „Der fremde Sohn“ war ein 20er-Jahre-Thriller mit Angelina Jolie – großes Blockbusterkino mit einer jungen Protagonistin, aber gemessen am Aufwand ein Flop. Und dann „Gran Torino“, ein kleines Seitenprojekt, fast nebenher gedreht und mit dem 78-jährigen Eastwood selbst in der Hauptrolle. Mit der Figur Walt Kowalski bringt Eastwood zwei Dinge zusammen: aktuelle Altersbilder im Kino und seine eigene Rollengeschichte. Er inszeniert sich als einen gewalttätigen Helden im Stil von „Dirty Harry“, der zugleich ein „grumpy old man“ ist, ein mürrischer alter Mann wie ihn etwa Jack Nicholson in „About Schmidt“ gespielt hatte. Budget: 33 Millionen. Einspielergebnis: 270 Millionen. Da wird man in Hollywood hellhörig.
BR.de: Wie kommt so ein Erfolg zustande?
Harald Steinwender: Das Zielpublikum verändert sich, in den USA wie in Europa. Action sprach früher vor allem das jüngere Publikum an. Laut einer Studie der Filmförderanstalt von 2009 ist die Mehrheit der Kinozuschauer inzwischen über 40 – 1999 war das nur ein Drittel.
"Ein Blockbuster ist kein Blockbuster, wenn er nur eine Zielgruppe anspricht"
. Harald Steinwender
Die 50-Jährigen sind mit Dirty Harry groß geworden, die 40-Jährigen mit Rocky und Rambo. „Gran Torino“, der letzte "Rocky" und die "Expendables" bieten zum Teil aufwendige Action, aber eingebettet in die Erzählmodelle der 70er- und 80er-Jahre. Oft sind das ja Figuren, mit denen man über Jahrzehnte gemeinsam älter geworden ist.
BR.de: Wie bei den Rolling Stones, deren Tourneen inzwischen auch drei Generationen ins Stadion locken. Bleiben wir bei den Über-50-Jährigen: Wenn man eine unangenehme Aufgabe vor sich hat - sagen Psychologen - soll man sich vor dem inneren Auge vorstellen, wie man sie bewältigt. Sind die Actionsenioren ein Angebot, sich auf das eigene Alter vorzubereiten?
Harald Steinwender: Zumindest spielt das eine Rolle – eigene Ängste und Wünsche. In der Action-Logik triumphiert ja meistens der Underdog.
BR.de: Im Tagesspiegel konnte man über Stallone, Ludgren & Co. in den Expendables lesen: "Gerade die hüftsteife Dynamik der Actionszenen, die maulfaulen Dialoge, der mimische Minimalismus aller Beteiligten erzeugen eine Grundstimmung des Authentischen." Sehen Sie das auch so?
Harald Steinwender: Diesen Film fand ich ziemlich missraten – komplett humorlos und vorhersehbar: Tapfere Söldner besiegen die Bösen, als Double Plot noch eine Liebesgeschichte. Alte Gesichter hübschen eine alte Geschichte auf. Kam aber an.
BR.de: Tun sich die Schauspieler was Gutes, wenn sie ihre klassischen Rollen übers Verfallsdatum hinaus weiterspielen?
Harald Steinwender: Nicht alle. Harrison Ford hat seine Altersrolle nicht wirklich gefunden, auch "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels", sein größter Erfolg in den letzten Jahren, war als Weiterführung der Erfolgsserie nicht wirklich überzeugend . Anders Stallone: Er hat mit Rocky und Rambo zwei Filmikonen geschaffen, die er modernisieren konnte. Im sechsten und letzten "Rocky" kämpft 30 Jahre nach dem Beginn der Saga ein alter Körper gegen einen jungen Körper, und der alte gewinnt – zumindest die Herzen der Zuschauer. Oder Clint Eastwood: In "Gran Torino" bringt er seine ganze jahrzehntelange Rollengeschichte ein. Einmal hält er Daumen und Zeigefinger in die Kamera, als ob er abdrückt. Die Geste sagt "Ihr wisst, wer ich bin."
BR.de: Wir reden bisher nur über Männer. Alte Damen prügeln sich nicht?
Harald Steinwender: Das hat schon mit dem klassischen Gender-Verständnis zu tun: Fürs Agieren, die Action, waren lange die Männer zuständig. Es gab in den 70er- bis 90er-Jahren nicht so viele weibliche Action-Ikonen, die man jetzt reanimieren könnte - am ehesten im B-Film, etwa den Blaxploitationfilmen mit Pam Grier, der Quentin Tarantino mit "Jackie Brown" ja ein spätes Denkmal errichtet hat. Vielleicht auch Linda Blair, die am Ende den Terminator in die Schrottpresse steckte. Oder Luc Bessons "Nikita" – die ist in Asien eine Kultfigur und Heldin einer US-Fernsehserie. Da kommt sicher noch mehr. Franka Potente hat mal erzählt, dass in Hollywood ganz selbstverständlich von ihr erwartet wird, dass sie Gewichte stemmt.
BR.de: Auch in Deutschland sieht man verstärkt ältere Gesichter auf der Leinwand: Joachim Fuchsberger gründet eine Rockband ("Die Spätzünder"), Gisela Schneeberger eine Telefonsexhotline ("Eine ganz heiße Nummer"). Otto Sander büxt in dieser Woche mit einem entführten Flugzeug aus dem Altersheim aus ("Bis zum Horizont, dann links"). An die ganz harte Action hat man sich hierzulande noch nicht rangetraut.
Harald Steinwender: Es entstehen in Deutschland ja kaum ambitionierte Actionfilme. Überhaupt ist die Genrefilmtradition – Horror, Thriller, Western - bei uns mit der Kinokrise der 70er ziemlich abgerissen. Davor gab es Edgar Wallace und die Karl-May-Filme, danach nur einzelne Versuche wie zuletzt "Hell". Das hängt auch mit der Filmförderung zusammen, die auf dem kleineren deutschsprachigen Markt so wichtig ist: Das Geld fließt eher, wenn man ein Beziehungsdrama oder eine Komödie plant. Alte Männer und Frauen, die so zuschlagen, dass es wehtut, sind da nicht so gefragt.

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