Im Porträt Das wilde Denken des Alexander Kluge
Ihn treibt um, wie und warum Geschichte auch hätte anders verlaufen können. Sein Denken lässt Alexander Kluge bei dieser Spurensuche am liebsten frei flottieren.
"Wir suchen nach einem Planeten, auf dem keine Zeugnisse verlangt werden", sagt einer der Raumfahrer in Kluges trashigem Science-Fiction-Film "Der große Verhau". Der Streifen ist von 1970, aus einer Zeit der großen Avantgarde-Experimente in Deutschland. In der elektronischen Musik war damals Amon Düül II ganz vorne mit dabei. Kein Zufall, dass die Band auch in diesem Film auftritt.
Kluge sucht auch: nach Möglichkeiten, Gesellschaft in Alternativen zu denken. Er hinterfragt Geschichte nach Varianten. In seinem Film "Die Patriotin" (1979) lässt er die Gymnasiallehrerin Gabi Teichert, gespielt von Hannelore Hoger, einen - echten - SPD-Parteitag besuchen, um gemeinsam mit den Politikern die deutsche Geschichte zu "verbessern", weil das "Ausgangsmaterial für den Unterricht an den höheren Schulen" für Patriotismus wenig geeignet sei. Die Abgeordneten gucken Gabi Teichert an, als käme sie von einem Planeten, auf dem es keine Zeugnisse gibt.
Abschied von Papas Kino
Kluge selbst war mit seiner Pionierarbeit in Sachen Film erfolgreicher. Er, der 1958 noch dem großen alten Mann des deutschen Kinos, Fritz Lang, für "Das indische Grabmal" assisitiert hatte, sollte kurze Zeit später als einer der Totengräber von "Papas Kino" zeichnen. Gemeinsam mit Peter Schamoni, Edgar Reitz und 23 weiteren Filmemachern verfasste er 1962 das "Oberhausener Manifest", eine Abrechnung mit dem bräsigen deutschen Nachkriegsfilm, der das Publikum mit Wirtschaftswunder-Euphorie und NS-Verdrängung einlullte.
Programmatisch dazu der Titel von Kluges erstem Langfilm: "Abschied von gestern" (1966), den er mit seiner 1963 gegründeten Firma Kairos-Film produzierte und der ihm den "Silbernen Löwen" von Venedig einbrachte.
Das Manifest, das auch neue Förder- und Produktionsbedingungen initiierte, war die Geburtsstunde des sogenannten "Neuen Deutschen Films", der Antwort auf die französische "Nouvelle Vague". Rasch machten eigenständig arbeitende Autorenfilmer wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders oder Werner Herzog aus dem deutschen Kino wieder eine internationale Marke.
Freie Assoziation - sehr freie
Kluge ist formal der radikalste von ihnen. Ende der 50er-Jahre hatte der ausgebildete Jurist als Referendar beim Frankfurter Institut für Sozialforschung gearbeitet, wo er in Theodor W. Adorno einen Mentor fand. Der schrieb seine Philosophie nicht mehr in dicke Bücher, sondern betrieb seine aufklärerische Ideologiekritik in Form von Essays. Kluge machte sich fortan an Filmessays, ebenfalls der Aufklärung verpflichtet. Seine Methode: keine durchgehende Handlung, kein allwissender Erzähler, freie Assoziation.
Im Film "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" (1974) wechseln sich Szenen des Frankfurter Häuserkampfs mit einem gruseligen Faschingsbankett ab: die Bundesrepublik - ein Abgrund zwischen Gewalt und gespenstischer Kollektivfröhlichkeit. Für unerwartete Querverbindungen gibt es bei Kluge kaum Grenzen. Daher sieht in seinem Verfahren so mancher Kritiker denn auch eher Verspieltheit und Willkür als Assoziation.
Kluge vermischt Inszeniertes mit Dokumentarischem, eingeschobene Tafeln mit Zitaten durchbrechen die Bildsequenzen. Und dazu die von Kluge selbst gesprochenen Sätze aus dem Off - mit eisig-sachlicher Stimme, die scheinbar mitleidlos die gesellschaftlichen Widersprüche kommentieren, doch nicht ohne Lakonik:
"Um sich selbst mehr Kinder leisten zu können, unterhält Roswitha eine Abtreibungspraxis."
Aus 'Gelegenheitsarbeit einer Sklavin' (Film von 1973)
"Gattung Kluge"
Einen Film im Kopf des Zuschauers will Kluge durch solche Leinwand-Essays entstehen lassen. Seine bekanntesten sind "Die Macht der Gefühle" (1983) und "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" (1985). Die Sprunghaftigkeit in seinen Arbeiten spricht zwar eine intellektuelle Fangemeinde an, nicht aber das Massenpublikum. Kritiker nannten sie "Rätsel-Kino" oder "Aufklärungsarbeit für Aufgeklärte". Der Publizist Jan Philipp Reemtsma bezeichnete das Werk schlicht und einfach als "Gattung Kluge".
Die Technik der Montage charakterisiert nicht nur Kluges Filme, sondern auch einige seiner Bücher - vor allem jene, die er mit dem Soziologen Oskar Negt verfasste - zum Beispiel "Geschichte und Eigensinn" (1981), eine Art Weltgeschichte der Arbeit.
Mühelos spannt das Autorenduo den Bogen vom Ackerbau im Mittelalter über Hirnforschung bis zur Marx-Exegese, gespickt mit Hunderten von Fotografien und Illustrationen. Ob auch die Lektüre eines solchen 1.300-Seiten-Kompendiums immer mühelos ist, bleibt dahingestellt.
Lebensthema Krieg
Eines der großen Themen Kluges - mehr noch: Lebensmotiv - ist der Krieg. Am 8. April 1945 war der Dreizehnjährige Augenzeuge eines Luftangriffs der Alliierten auf seinen Heimatort Halberstadt. Dabei schlug eine Sprengbombe nur wenige Meter neben ihm ein - eine prägende Erfahrung, die er immer wieder in seinen Filmen und Büchern verarbeitete. So erschien 1964 seine "Schlachtbeschreibung" von Stalingrad - keine chronologische Nacherzählung, sondern kühle Aneinanderreihung von Heeresberichten, Funksprüchen, Aktenunterlagen etc. Antikriegs-Pathos ist bei Kluge nicht notwendig, um vor dem geistigen Auge des Lesers das monströse militärische Fiasko entstehen zu lassen.
"Bei dem Theoretiker Clausewitz findet sich die Unterscheidung von möglichen und wirklichen Gefechten. Mögliche Gefechte haben die gleichen Realfolgen wie wirkliche."
Aus 'Geschichte und Eigensinn'
Eulenspiegel im modernen Medienzeitalter
Fernab der Medien-Konventionen hat sich Kluge auch als Macher von TV- und Kulturmagazinen im Privatfernsehen etabliert. 1987 hatte er dazu die Produktionsfirma DCTP gegründet. Unbeeindruckt von Quotendruck startete er seine Fensterprogramme auf RTL, SAT.1 und VOX.
In diesem "Herausgeber-Fernsehen" wirkt das Prinzip des unabhängigen Autorenkinos nach. Den Privatsendern gelang es nicht, Kluge hinauszudrängen; Ex-RTL-Chef Helmut Thoma schimpfte ihn einst einen "elektronischen Wegelagerer". Und so kann Kluge in seinen Beiträgen weiter die aberwitzigsten Interview-Situationen herstellen, eine anarchistische Mischung aus gelehrtem Witz und Schwachsinn:
"Auf den Nordsee-Bohrinseln gibt es ganz andere Anforderungen an Kondome? Nun ist es so, dass die Bohrgesellschaften ihren Leuten das gratis mit auf den Landurlaub geben, um zu vermeiden, dass sie Ausfälle dieser teuren Arbeitskräfte durch venerische Krankheiten haben."
Alexander Kluge im Interview mit dem angeblichen Kondomfabrikanten Willem Müller-Rosé alias Schauspieler Peter Berling ('Zehn vor Elf', DCTP)
Biografie, Filme, Bücher, BR-Hörspiele und -Produktionen
Lebensdaten
1932: geboren am 14. Februar in Halberstadt
1944: Volkssturm
1945: Trennung der Eltern, Zeuge der Zerstörung von Halberstadt durch Luftangriffe
1949: Abitur in Berlin
1950: Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik
1956: Promotion (Dr. jur.)
1958: Assessorexamen, Arbeit als Rechtsanwalt in Berlin und München
1958: Juristischer Referendar am Institut für Sozialforschung in Frankfurt
1958: Film-Volontariat als Assistent von Fritz Lang
1960: Erster Kurzfilm: "Brutalität in Stein"
1962: Mitinitiator des "Oberhausener Manifestes" für ein neues Autorenkino
1962: Leitung des Instituts für Filmgestaltung an der Hochschule für Gestaltung in Ulm
1963: Gründung der eigenen Produktionsfirma Kairos-Film
1966: Erster Spielfilm: "Abschied von gestern" ("Silberner Löwe" von Venedig)
1967: Deutscher Filmpreis
1968: "Goldener Löwe" für den Film "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos"
1973: Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main
1978: RAF-Film "Deutschland im Herbst" (mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz und anderen)
1982: Ehe mit Dagmar Steurer (zwei Kinder)
1987: Gründung von "dctp" (Plattform für unabhängige Programme im Privatfernsehen)
2003: Georg-Büchner-Preis
2007: Großes Bundesverdienstkreuz
2009: Theodor-W.-Adorno-Preis
2010: Adolf-Grimme-Preis
Filme
1960: Brutalität in Stein (Kurzfilm mit Peter Schamoni)
1961: Rennen (Kurzfilm mit Paul Kruntorad)
1963: Lehrer im Wandel (Kurzfilm mit Karen Kluge)
1964: Porträt einer Bewährung (Kurzfilm)
1966: Abschied von gestern
1966: Pokerspiel (Kurzfilm)
1967: Frau Blackburn, geb. 5. Jan. 1872, wird gefilmt (Kurzfilm)
1968: Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos
1968: Feuerlöscher e. a. Winterstein (Kurzfilm)
1969: Die unbezähmbare Leni Peickert
1970: Der große Verhau
1970: Ein Arzt aus Halberstadt (Kurzfilm)
1971: Wir verbauen 3 × 27 Milliarden Dollar in einen Angriffsschlachter (Kurzfilm)
1972: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte
1973: Besitzbürgerin, Jahrgang 1908 (Kurzfilm)
1973: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin
1974: Richtlinien und Märchen (Kurzfilm)
1974: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (mit Edgar Reitz)
1975: Der starke Ferdinand
1977: Zu böser Schlacht schleich ich heut Nacht so bang
1977: Die Menschen, die das Stauffer-Jahr vorbereiten (mit Maximiliane Mainka)
1977: Nachrichten von den Stauffern I und II (mit Maximiliane Mainka)
1978: Deutschland im Herbst (mit Schlöndorff, Fassbinder, Reitz und anderen)
1979: Die Patriotin
1980: Der Kandidat (mit Volker Schlöndorff, Stefan Aust und Alexander von Eschwege)
1982: Krieg und Frieden (mit Stefan Aust, Axel Engstfeld und Volker Schlöndorff)
1983: Biermann-Film (Kurzfilm mit Edgar Reitz)
1983: Auf der Suche nach einer praktisch-realistischen Haltung (Kurzfilm)
1983: Die Macht der Gefühle
1985: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit
1986: Vermischte Nachrichten
2008: Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx - Eisenstein - Das Kapital
2009: Früchte des Vertrauens
Bücher (Auswahl)
1956: Die Universitäts-Selbstverwaltung - Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform (Dissertation)
1962: Lebensläufe
1964: Schlachtbeschreibung
1972: Öffentlichkeit und Erfahrung (mit Oskar Negt)
1973: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang
1975: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin - Zur realistischen Methode
1977: Unheimlichkeit der Zeit - Neue Geschichten
1979: Die Patriotin - Texte / Bilder 1 - 6
1981: Geschichte und Eigensinn (mit Oskar Negt)
1984: Die Macht der Gefühle
1996: Die Wächter des Sarkophags - 10 Jahre Tschernobyl
2000: Chronik der Gefühle
2001: Der unterschätzte Mensch (mit Oskar Negt)
2001: Verdeckte Ermittlung
2003: Die Kunst, Unterschiede zu machen
2003: Die Lücke, die der Teufel lässt - Im Umfeld des neuen Jahrhunderts
2003: Vom Nutzen ungelöster Probleme
2004: Fontane - Kleist - Deutschland - Büchner: Zur Grammatik der Zeit
2006: Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue Geschichten
2007: Geschichten vom Kino
2009: Soll und Haben - Fernsehgespräche (mit Joseph Vogl)
2009: Das Labyrinth der zärtlichen Kraft - 166 Liebesgeschichten
2011: Das Bohren harter Bretter - 133 politische Geschichten
2012: Dezember - 39 Geschichten. 39 Bilder (mit Gerhard Richter)
BR-Hörspiele
2007:
Andreas Ammer: Eigentum am Lebenslauf. Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge, BR 2007, mit Console alias Martin Gretschmann, CD-Publikation bei intermedium rec.
2009:
Alexander Kluge: Chronik der Gefühle. Deutscher Hörbuchpreis 2010 Beste Fiktion, Hörbuchbestenliste/Oktober 2009, CD-Edition (14 Teile) im Verlag Antje Kunstmann
2011:
Karl Bruckmaier: Die Pranke der Natur (und wir Menschen) / Das Erdbeben von Japan, das die Welt bewegte, und das Zeichen von Tschernobyl, Hörspiel des Monats November 2011, CD-Edition im Verlag Antje Kunstmann
2012:
Karl Bruckmaier (Hg.): Auf dem Dach der Welt - Frei nach Alexander Kluge, CD-Publikation bei intermedium rec.
weitere BR-Produktionen
2004:
Katharina Teichgräber: Über die Notwendigkeit, sich im Bett umzudrehen - Gespräch mit Alexander Kluge über einen ungedrehten Film zu Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"
2009:
Christian Lösch: "Wer über Märchen lacht, war nie in Not" - Alexander Kluge und seine Geschichten, Feature
2009:
Schwer ist leicht was - Alexander Kluges Chronik der Gefühle - artmix.gespräch mit Karl Bruckmaier (Hörspielregisseur) und Ania Mauruschat
2009:
Es lebe die Mündlichkeit! Es lebe die Öffentlichkeit! - artmix.gespräch mit Alexander Kluge (Autor) und Katarina Agathos
2009:
Alexander Kluge/Peter Weibel: "Odessa 1944", "Ursprünge", "Verhältnis als Künstler zur Glühbirne" (Ausschnitte des Gesprächs "Die Realität ist ein Spezialfall der Möglichkeit. Peter Weibel und das Prinzip der Transformation", aufgezeichnet im Haus der Kunst in München am 19.11.2008) für: der künstler als junger hund - Peter Weibel Tribute Album, BR 2009
2012:
Karl Bruckmaier: Alexander Kluge - ein Portrait

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