"Soziale Skulptur" in Augsburg Bayerns wundersamstes Grand Hotel
Hier stimmt was nicht: Der 1960er-Zweckbau atmet keine Grandezza, seine Gäste können nicht zahlen. Das geplante Grand Hotel ist ein Flüchtlingsheim - aber eines, das Schule machen könnte. Wenn der Zauber der Idee über die Wirklichkeit siegt.
Wenn Künstler und Aktivisten leer stehende Abbruchhäuser in Besitz nehmen und ihnen neue Namen geben, geschehen wundersame Dinge: Ein alter Hertie wird Hafen ("Puerto Giesing"), ein Teppichladen zum mythischen Moloch ("Art Babel"). Für ein paar Monate geschehen dort spannende Dinge. "Zwischennutzung" nennen das Leute mit weniger Sprachfantasie. Und dann ist der Zauber verflogen.
"Wir machen keine Zwischennutzung", sagt Sebastian Kochs vom Projektteam Grand Hotel Augsburg. "Wir wollen etwas Altes in etwas ganz Neues verwandeln." Das Alte: ein sichtlich in die Jahre gekommenes Seniorenheim der Diakonie. Das Neue ist auf den ersten Blick nicht verlockender: Eine in Augsburg dringend benötigte Unterkunft für Asylbewerber. Aber eben nicht nur.
Bereicherung statt Belästigung
Sebastian Kochs: "Die meisten Flüchtlingsheime sind Unorte, die die Nachbarschaft bestenfalls als störend in Kauf nimmt. Wir wollen der Umgebung auch was bieten." Schon jetzt gibt es ein Café, eine Bürgergaststätte entsteht, dazu sollen Ateliers und Seminarräume kommen. Auch ein Hostel ist fester Bestandteil des Projekts. Wenn Gäste freiwillig kommen, so die Überzeugung der Macher, ist das auch gut für die, die notgedrungen hier leben müssen.
"Wir wollen Räume für Begegnungen schaffen, für kreative oder konspirative Treffen der unterschiedlichsten Menschen. Vor Reibung haben wir keine Angst. Alle guten Dinge entstehen aus Reibung."
Sebastian Kochs
Und da kommt das Grand Hotel ins Spiel. "Natürlich ist der Begriff erstmal eine Provokation. Er bildet aber auch eine Idee ab. Laut Gesetz dürfen Asylbewerber in Deutschland nicht arbeiten, und ohne Beschäftigungsmöglichkeit, verbannt an die Stadtränder, stehen Lethargie und Depression auf der Tagesordnung. Es gibt aber zwei Ausnahmen: Für die eigene Unterkunft und für gemeinnützige Einrichtungen dürfen Flüchtlinge arbeiten. Beide Voraussetzungen wird das Grand Hotel erfüllen."
Bildergalerie: Impressionen aus Augsburgs Grand Hotel
"We ended up at the Grand Hotel"
Die Idee des Grand Hotels mit seinen verschiedenen Gästen und Funktionen liefert die Mind Map, die alles zusammen hält. Und einen Funken Magie: Im Namen des Projekts trifft die Operettenwelt des vorletzten Jahrhunderts auf das Drama des letzten - Waldorf-Astoria auf Hotel Lux. Hier der Traum vom Weltbürgertum, der noch im Verwelken spürbare Reiz von Worten, die auf "z" enden - Eleganz, Opulenz, Dekadenz. Dort die Tragödie des 20. Jahrhunderts - Diktatur, Flucht und Exil. Eine Heerschar von Romanautoren lebt in oder schreibt über Hotels - Joseph Roth sogar beides. Der Autor von "Hotel Savoy" lebt zehn Jahre in einem Pariser Hotel, bis ihn die Abrissbirne vertreibt.
"Ich bin ein Hotelbürger. Ein Hotelpatriot."
Joseph Roth
Die Faszination der Metapher schwindet auch nicht, als der Roman immer mehr von seinem kleinen Bruder abgelöst wird - dem Popsong. "We ended up at the Grand Hotel" singen Deep Purple in "Smoke on the water". Elvis checkt ein im Heartbreak Hotel, die Eagles im Hotel California. Thees Uhlmanns Label heißt Grand Hotel Van Cleef. Der Joseph Roth des Rock heißt Udo Lindenberg.
Mehr große und kleine Songs von großen und kleinen Hotels
Ryan Adams, Tori Amos, Broken Social Scene, Leonard Cohen, Death Cab for Cutie, Deus, Chris Isaak, Kinks, Procol Harum, Ron Sexsmith, Regina Spektor, Tuxedomoon, Rufus Wainwright, White Stripes, Wilco
Check-In in der Realität
Auch für das Grand-Hotel-Team sind das die Pole, zwischen denen sich das Projekt bewegt: das Unterwegs-Sein, auch in seiner unfreiwilligen Form als Flucht, und die Kunst. "Vielleicht werden wir sowas wie Wim Wender's Million Dollar Hotel." Zum Scheitern bringen könnte das Projekt nur die Bürokratie. Immerhin: Ende Januar waren Augsburgs OB Kurt Gribl und der Sozialreferent der Stadt zu Gast im Grand Hotel. Und wollen wiederkommen.
Bildergalerie: Hotelgeschicht(n)
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Literaten im Hotel: "Male nicht mit Senf auf der Tischdecke!"
Klimawechsel
"Er blieb abrupt stehen, als würden seine Füße mit dem roten, auf dem Bürgersteig ausgerollten Teppich verwachsen, und begriff, dass er vor einem Hotel stand, dessen Klimaanlage für ein Mikroklima sorgte, das bis auf den Bürgersteig reichte. Er streifte seine Jacke über und trat ein. In der Hotelhalle war es eisig kalt, auf einen Schlag traf ihn eine andere Welt."
Emmanuel Carrère: Der Schnurrbart
Komfort
"Zum erstenmal nach fünf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas. Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens scheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier. Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nachtgeschirre wie köstliche Überraschungen in braungetäfelten Kästchen; elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schirmen erblühend wie aus Kelchen; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; und Betten, daunengepolsterte, schwellend und freudig bereit, den Körper aufzunehmen."
Joseph Roth: Hotel Savoy
Manieren
"Unser allereifrigstes Bestreben geht auf Reisen dahin, auf unsere Mitreisenden, dann aber auch vor allen Dingen auf Hotelbedienstete, Kutscher, Chauffeure, Gepäckträger usw. einen möglichst imponierenden Eindruck zu machen. Meistens gelingt uns nichts. (...) Will man in einem besseren Hotel nicht von vornherein der allgemeinen Verachtung anheimfallen, so merke man sich folgendes:
Gib nie beim Betreten eines Hotels dem Portier die Hand oder gar einen Kuß!
Frage nie nach dem Preise des Zimmers oder der Speisen!
Betritt nie den Speisesaal mit herunterhängenden Hosenträgern oder mit Gummischuhen!
Stochere nie mit der Gabel in den Zähnen, vor allen Dingen nicht mit der Gabel deines Nachbarn!
Male nicht mit Senf auf der Tischdecke oder in der erkalteten Fettsauce auf deinem Teller, selbst wenn du Talent zum Zeichnen hast! (...)
Schlage nie einer Fürstlichkeit jovial auf die Schulter und rufe: 'Wie geht es, alter Schwede?'
Hast du ein Glasauge, so nimm es bei Tisch nicht zum Reinigen aus dem Kopf!"
Hermann Harry Schmitz: Im Riviera Splendid Palace
Gast und -geber
"Das Haupt-Gesetz: Der Gast hat immer recht, Du aber, Hotelier, Gasthausbesitzer, Cafetier etc. etc. etc., hast immer unrecht!
"Wieso?! Auch wenn ich im Rechte bin?!"
Dann erst recht!"
Peter Altenberg: Moderne Hotelleitung, in: Vita Ipsa
Ortsverwirrung
"Ich wohnte im Hotel Edthofer, Albian oder Cyprian Edthofer oder noch anders, ich kann mich an den ganzen Namen nicht mehr erinnern, ich würde es wohl auch nicht wieder auffinden, trotzdem es ein sehr großes Hotel war, übrigens auch vorzüglich eingerichtet und bewirtschaftet. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich, trotzdem ich kaum länger als eine Woche dort gewohnt habe, fast jeden Tag das Zimmer wechselte; ich wußte daher oft meine Zimmernummer nicht und mußte, wenn ich während des Tages oder am Abend nach Hause kam, das Stubenmädchen nach meiner jeweiligen Zimmernummer fragen.
(...)
Das große Haus trug aber in großen, weit voneinander befestigten, nicht sehr leuchtenden, eher rötlich-matten Metallbuchstaben das Wort Hotel und den Namen des Besitzers. Oder sollte nur der Name des Besitzers dort gestanden sein, ohne die Bezeichnung Hotel? Es ist möglich und das würde dann freilich vieles erklären."
Franz Kafka: Fragmente aus Heften und losen Blättern
(Keine) Liebe
"In seinem Zimmer ist jeder allein mit seinem Ich, und kein Du lässt sich fassen oder halten. Noch zwischen den Hochzeitsreisenden in Nr.134 liegt die gläserne Leere unausgesprochener Worte zu Bett. Manche verheirateten Stiefelpaare, die nachts vor der Tür stehen, tragen einen deutlichen Ausdruck von Hass gegeneinander in den Ledergesichtern, manche gebärden sich flott, obwohl sie hoffnungslos und schlappohrig sind."
Vicki Baum: Menschen im Hotel

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