Kultur


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Frankfurter Buchmesse 2017 Grenzenlose Literatur in französischer Sprache

Unter dem Motto "Frankfurt auf Französisch" hält die Buchmesse in diesem Jahr die Vielfalt der französischen und französischsprachigen Literatur hoch: etwa von Alain Mabanckou, Dany Laferrière, Patrick Chamoiseau, Shumona Sinha und Gael Faye.

Von: Margrit Klingler-Clavijo

Stand: 30.08.2017

Logo Frankreich als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017 | Bild: picture-alliance/dpa / Frank Rumpenhorst

In seinem literarischen Streifzug "Le Monde est mon langage" ("Die Welt ist meine Sprache") begegnet Alain Mabanckou Jean-Marie Le Clézio, Dany LaferrÌere und anderen Autoren - stets ist die französische Sprache der Schlüssel zu Welten, in denen man sich auf Augenhöhe zu begegnen versucht. Da erübrigt sich die Klassifizierung hier die französische Literatur aus Frankreich, dort die frankophonen Literaturen, die außerhalb Frankreichs entstehen, die viele Autoren für ein Relikt aus der Kolonialzeit halten.

"Der Kongo ist der Ort der Nabelschnur, Frankreich das Adoptionsland meiner Träume und Amerika eine Ecke, von der aus ich die Spuren meines Herumirrens betrachte. Diese drei geographischen Räume sind so fest zusammengeschweißt, dass ich vergesse, auf welchem Kontinent ich zu Bett gehe und auf welchem ich meine Bücher schreibe."

Alain Mabanckou in Die Welt ist meine Sprache

Kritische Pendler zwischen den Kulturen

Alain Mabanckou, Dany Laferrière, Patrick Chamoiseau bewegen sich kritisch zwischen den Kontinenten, Kulturen und Sprachen. Die Bengalin Shumona Sinha kam als Englischlehrerin nach Paris, war jedoch so begeistert von der französischen Sprache, dass sie ihre Romane in dieser Sprache schrieb. Gaël Faye, der in Burundi aufwuchs, dann aber in Frankreich lebte, zeigt, wie sich Frankreich und Afrika aufeinander zubewegen.

Alain Mabanckou aus der Republik Kongo ist seit 2006 Professor für frankophone Literaturen an der Universität von Santa Monica in Kalifornien, was ihn jedoch nicht hindert, im Pariser Kulturbetrieb mitzumischen und 2016 in einer Vorlesungsreihe über afrikanische Literatur zu erklären.

"Ich rede so frei und unabhängig über die Kolonisierung, weil ich sie nicht selbst erlebt habe, aber die Folgen zu spüren bekam, von dem, was meine Eltern erlitten."

Alain Mabanckou

Mabanckous Rückkehr in die Heimat

Alain Mabanckou

Nach dreiundzwanzig Jahren in Frankreich und den USA fährt Alain Mabanckou auf Einladung des Institut Francais nach Pointe-Noire, die große Hafenstadt an der Westküste von Kongo-Brazzaville, in der er aufwuchs, doch nicht einmal 1995 zur Beerdigung seiner Mutter Pauline Kengúe  zurückkehrte. Die Erinnerungen sind überwältigend. Mit dem ihm eigenen Humor, einer gewissen Nostalgie und anhand zahlreicher, den Roman illustrierenden Schwarz-Weiß Fotos erzählt Alain Mabanckou in seinem Roman "Lichter von Pointe-Noire" die Geschichte seiner Kindheit in der ehemaligen Kolonialstadt Pointe-Noire. Die orientierte sich an Frankreich, wurde vom Sozialismus der Sowjets beeinflusst und verstrickte sich wegen der Erdölvorkommen in einen blutigen Krieg. Alain Mabanckou nimmt in diesem stark autobiografisch geprägten Roman Abschied von seiner Kindheit, betrauert den Verlust seiner Eltern und anderer Familienmitglieder.

"Ich bin nur ein schwarzer Storch, der inzwischen länger unterwegs ist, als es seiner
Lebenserwartung entspricht. Schwebenden Schritts habe ich am Bach der Ursprünge
Innegehalten in der Hoffnung, eine Existenz zum Stehen zu bringen, geschüttelt
Von diesen Myriaden von Blättern, die der genealogische Baum abgeworfen hat."

Alain Mabanckou in Lichter von Pointe-Noire

"Kleines Land" - ein Hit und ein Roman

Gaël Faye

Gaël Faye könnte thematisch gesehen durchaus der jüngere Bruder von Alain Mabanckou sein: Kindheit, Krieg und Flucht. "Petit Pays" ("Kleines Land"), einer der großen Hits  auf seinem ersten Solo-Album von 2013 - Pili-Pili sur un croissant de beurre - ist seinen Eltern gewidmet. Pili-Pili, scharfer Pfeffer, steht für seine aus Ruanda kommende Mutter, das Buttercroissant für seinen französischen Vater.

"Kleines Land" ist außerdem der Titel seines ersten Romans, der 2016 den „Goncourt des Lycéens“ erhielt, den Schüler vergeben. Gaël Faye, 1982 in Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi geboren, floh 1995 nach Frankreich wegen der Kriege in Burundi und Ruanda. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und war Anlageberater in der Londoner City, eher er sich dem Rapp und der Literatur verschrieb. Immer wieder betont Gaël Faye, dass er weder über den Krieg in Burundi noch über den Genozid in Ruanda schreiben wollte, sondern über seine privilegierte Kindheit in Bujumbura, seine Eltern und seine Schwester Ana, die Freunde, mit denen er Mangos stibitzte, Fahrrad fuhr, sich in einem ausrangierten VW Kombi traf. Gaby, dem jungen Ich-Erzähler des Romans, graust es vor den Kriegsgeschichten seiner Mutter. Sie hatte während des Völkermords in Ruanda nach ihren Angehörigen gesucht und war erschöpft und traumatisiert nach Burundi zurückgekehrt. Doch dann wird auch dieses Land zum Kriegsschauplatz.

"Der Tod war keine ferne, abstrakte Angelegenheit mehr. Er hatte das vertraute Antlitz des Alltäglichen. Mit dieser Klarsicht zu leben, verheerte das letzte bisschen Kindheit, das wir noch in uns trugen."

Gael Faye

Dany Laferrière - ein James Baldwin ohne Kampfgeist

Dany Laferrière

Zwei mittellose Schwarze aus Afrika und Haiti Anfang der 1980er Jahre in Montreal. Sie teilen sich eine winzige Wohnung, in der junge Frauen wie Miz Literatur, Miz Snob, Miz Selbstmord, etc. ein und aus gehen. Bouba döst am liebsten auf dem Sofa vor sich hin, liest den Koran oder Sigmud Freud, während sein haitianischer Mitbewohner auf einer gebrauchten Remington 22 seinen ersten Roman schreibt. Soviel zur Szenerie des Romans "Die Kunst einen Schwarzen zu lieben, ohne zu ermüden", mit dem Dany Laferrière schlagartig berühmt wurde. Er erzählt seine Geschichte, ohne die Duvalier Diktatur zu erwähnen, vor der er 1976 von Haiti nach Montreal floh. Die Jazzgrößen der USA gehören zum Soundtrack, Henry Miller, Charles Bukowski und andere zu den literarischen Wegbegleitern des ambitionierten Ich-Erzählers, der sich als Nachfolger des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin sieht.

"In meinem ersten Roman 'Die Kunst einen Schwarzen zu lieben, ohne zu ermüden' wollte ich James Baldwin werden, allerdings ohne dieses politische Engagement. (…) Als ob James Baldwin diesen politischen Kampf schon für mich ausgefochten hätte. Ich wollte kein Buch schreiben über eine Revolte gegen die Weißen, gegen die Machthaber Amerikas."

Dany Laferrière 

Dany Laferrière, 1953 in Port-au-Prince geboren, veröffentlichte unterdessen an die dreißig Romane und Essays, die in viele Sprachen übersetzt und mit dem Prix Médicis, dem Internationalen Literaturpreis, etc. ausgezeichnet wurden. Seit 2013 ist er Mitglied der Pariser Académie française, der zweite Schwarze nach Léopold Sédar Senghor, dem senegalesischen Dichter und Staatspräsidenten.

Staatenlose Frauen - fast Freiwild

"Unser allererster Raum, unser Territorium, unser Land ist der weibliche Körper. Wir haben nicht das Recht, über unseren Körper zu entscheiden. Wenn wir nicht über unseren Körper entscheiden dürfen, wenn uns dieses Recht verwehrt wird, sind wir alle Staatenlose."

Shumona Sinha in einem Fernsehinterview über ihren Roman Staatenlose

Shumona Sinha

Shumona Sinha aus Kalkutta kam 2001 mit 28 Jahren nach Paris, wo sie als Englischlehrerin arbeitete und französische Literatur studierte. Die französische Sprache gefiel ihr so gut, dass sie die Sprache ihrer Literatur wurde. Ihr neuer Roman "Staatenlos" ist ein zorniges Buch über indische Frauen, die sich weder in Indien noch in Frankreich verwirklichen können. Mina kommt aus bäuerlichen Verhältnissen und kämpft in Bengalen gegen die Enteignung von Land durch einen Automobilkonzern. Die aus Bengalen kommende Esha lebt in Paris, wo sie Sexismus und Rassismus ausgesetzt ist.

"Sie musste einen Panzer tragen, eine Maske, Kopfhörer und den Blick auf den rosa, orange und samtig purpurfarbenen Himmel am Ende der Straße zwischen den Haussmann-Fassaden mit den smaragdgrünen Kuppeldächer richten. Sie musste ihre Wohnung stets wie ein wachsamer Soldat verlassen, den Mund mit schwarzem Faden vernäht."

Shumona Sinha in Staatenlos

Eine Streitschrift für die Gestrandeten

Patrick Chamoiseau

Patrick Chamoiseau, 1953 in Fort-de –France geboren, gehört neben Aimé Césaire und Eduard Glissant zu den großen Schriftstellern Martiniques. Und die haben sich stets in politische Debatten eingemischt, Rassismus und koloniale Bevormundung denunziert. Mit Eduard Glissant, der 2011 starb, schrieb er mehrere Manifeste, darunter die Adresse an Barak Obama "Die unbezähmbare Schönheit der Welt", in der Ethik und Ästhetik Hand in Hand gehen. Angesichts der Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer und andernorts hat Patrick Chamoiseau mit "Migranten" eine poetisch - politische Streitschrift verfasst, die er als Appell zur Solidarität mit Migranten versteht.

"Mondialité" statt Neoliberalismus

Das Mittelmeer darf nicht zum Massengrab werden wie zuvor der Atlantik infolge des transatlantischen Sklavenhandels. Die wachsende Abschottung und Gleichgültigkeit gegenüber Migranten führt Chamoiseau auf das neoliberale Wirtschaftsmodell zurück, das auf Profitmaximierung setzt und verkennt, dass der soziale Reichtum einer Gesellschaft von all ihren Mitgliedern erwirtschaftet wird. Die Alternative zu diesem Wirtschaftsmodell ist Chamoiseau zufolge die „mondialité“, die Weltoffenheit und Solidarität ermöglicht. Sie geht von einer „Poetik der Beziehung“ aus, wie sie von Edouard Glissant formuliert und von Patrick Chamoiseau in "Migranten" weiterentwickelt wurde. In der "Erklärung der Dichter" im Anhang der Streitschrift, die in Frankreich auf vielen Festivals deklamiert wurde, heißt es:

"Migranten, Brüder, die ihr, schon lang vor uns, die eine Welt lebt, Brüder aus dem Nirgendwo, Gestrandete, Nackte, die ihr überall zurückgehalten und verhaftet werdet, die Dichter erklären in eurem Namen, dass es im gemeinsamen Willen gegen die brutalen Mächte auch auf den kleinsten Impuls ankommt (…)
Dass das Glück von allen in dem Einsatz und dem Wohlwollen jedes Einzelnen aufleuchtet, bis es uns eine Welt vorzeichnet, wo eine Bewegung an den Grenzen und hinüber sogleich auf beiden Seiten der Mauer und der Barrieren SICH IN HUNDERTMAL HUNDERTMAL HUNDERT MILLIONEN GLÜHWÜRMCHEN VERWANDELT."

Patrick Chamoiseau

Frankophone Literatur - Bücher

Patrick Chamoiseau

Patrick Chamoiseau
"Migranten".

Aus dem Französischen von Beate Thill
Das Wunderhorn
80 Seiten
18 Euro

Gaël Faye

Gaël Faye
"Kleines Land"

Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große
Piper Verlag
224 Seiten
20 Euro

Dany Laferrière

Dany Laferrière
"Die Kunst, einen Schwarzen lieben ohne zu ermüden"
Aus dem Französischen von Beate Thill

Das Wunderhorn
140 Seiten
13.90 Euro

Alain Mabanckou

Alain Mabanckou
"Lichter von Pointe-Noire"

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind Verlag
272 Seiten
20 Euro

Shumona Sinha

Shumona Sinha
"Staatenlos"

Aus dem Französischen von Lena Müller
Nautilus
160 Seiten
19,90 Euro


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